Die geologische Zeitlichkeit in der Malerei

Die Frage, ob Bilder erzählen können, basiert auf der Vorstellung, und dies ist auch bei Lessig nicht anders, dass sich Erzählungen entlang einer linearen Zeitlichkeit entspinnen. Narrationen verlaufen entlang eines Zeitstrahles, der einen Anfang und ein Ende hat. Ob Bilder entlang einer solchen „geographischen“ Zeitvorstellung erzählen können schöpft meiner Meinung nach jedoch noch nicht alle Zeitdimensionen aus, welche Bildern, vor allem der Malerei als erzählerische Grundlage zur Verfügung stehen.

Der französische Filmtheoretiker André Bazin hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Film und Malerei auseinandergesetzt. In seinem Aufsatz „Painting and Cinema“ untersucht Bazin die jeweiligen Eigenheiten der Dimensionen von Raum und Zeit in Malerei und Film. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Film eine „geographische“ Zeitlichkeit (Eine Szene nach der anderen), und Malerei eine „geologische“ Zeitlichkeit zu Grunde läge. Unter geologischer Zeitlichkeit versteht Bazin eine Zeitachse, die sich nicht von links nach rechts entwickelt, sondern sich orthogonal zu dieser verhält, also von innen nach außen verläuft. Dies begründet Bazin damit, dass jedes Gemälde aus nahezu unendlich vielen Bildern besteht, die sich durch Übermalen, Ausbesserung usw. überlagern und gewissermaßen dem nächsten Bild „geopfert“werden. Zwischen der weißen Leinwand als Anfangspunkt und dem „fertigen“ Gemälde als Schlusspunkt existieren also viele weiter, womöglich großteils unsichtbare Schichten von Bildern, die sich entlang eines geologischen Zeitstrahls entwickelt haben.

Durch die Einführung der „geologischen“ Zeitlichkeit würden sich meiner Meinung nach neue Möglichkeiten des Erzählers für Bilder auftun. Der These Lessings, dass Kunst nicht erzählen könne, weil ihre Elemente nebeneinander, räumlich angeordnet sind könnte durch die verschiedenen Schichten der geologischen Zeit entgegnet werden, dass es auch in der Malerei, wie im Text ein zeitliches aufeinanderfolgen der einzelnen Elemente gäbe. Jedes Gemälde würde somit, auch wenn unter der obersten Schicht verborgen zumindest seine eigene Geschichte erzählen.

Whatsapp-Kommunikation als pictorial turn?

Laut Mitchell ist ein Pictorial Turn nicht ein einmaliges Phänomen, sondern taucht immer wieder in der Zeitgeschichte auf. Er erwähnt dabei auch, dass mit einem solchen meistens eine große Angst vor diesem turn einhergeht, dass man eine mentale Regression befürchtete („[…]pictorial turns [sind] oft mit der Furcht vor der >>neuen Dominanz<< des Bildes verbunden“).

Die Verbindung zur mit Smileys und anderen Emoticons gespickten Kommunikation per Whatsapp oder auf per Facebook-Chat ist da schnell hergestellt. Diese Kommunikationskanäle stehen häufig unter Verdacht, eine Verstumpfung der Ausdrucksfähigkeit zu beschleunigen. Natürlich gibt es auch hier das von Mitchell angedeutete andere Lager, welches die neue Bildlichkeit als „wundervoll“ empfindet. Ich erinnere mich zumindest auch an den ein oder anderen Zeitungsartikel in der STZ, welcher teilweise halsbrecherische Zukunftsprognosen zu einer komplett Bildzeichen-basierten Kommunikation heraufbeschwörte (den konkreten Artikel habe ich leider nicht mehr parat).
Man kann durchaus sagen, dass die kleinen Bilder, aus denen Emoticons bestehen, als semiotische Zeichen fungieren. Sie repräsentieren eine(n) Gegenstand/Lebewesen, der uns bekannt ist. Insofern sind also die Kulturtechniken „Lesen“ und „Schreiben“ nicht von einer minderwertigen Bildlichkeit bedroht, sondern es wird viel eher eine neue Kulturtechnik des Lesens und Schreibens entwickelt. Nur interpretiert man dabei eben keine Schrift- sondern Bildzeichen.

Für mich persönlich bleibt jedoch die Frage, ob diese Kommunikation (auch aus dem Grund der Schreibökonomie) nicht doch einen limitierenden Aspekt hat. Die Emoticons dienen ja dazu, etwas kürzer und vereinfacht auszudrücken. Bleibt da nicht sozusagen zwangsweise irgendwann etwas inhaltlich und stilistisch „auf der Strecke“? Ist also die Furcht vor einem solchen pictorial turn zumindest nicht komplett unbegründet?

Können Bilder eindeutig erzählen?

Chatman geht ja davon aus, dass bildliche Erzählung eine Handlung in einem klaren Ablauf darstellen kann. Mit Verweis auf Gozzoli´s „Dance of Salome and the Beheading of John the baptist“ schränkt er aber ein, dass dieser nicht immer eindeutig ist. Ist es also immer Zufall, ob ein Bild, das aus mehreren frames besteht, „richtig“ (im Sinne von der eventuell zugrunde liegenden Geschichte entsprechend) interpretiert wird? Denn, ist die zugrunde liegende Geschichte gänzlich unbekannt, kann der Rezipient nur kombinieren oder hoffen, dass der Maler die frames in der richtigen Reihenfolge dargestellt hat oder? Sollte dem so sein, müssten ja im Prinzip sämtlichen historischen Kunstwerken, von denen es keinen adäquaten Textbeleg gibt, die Glaubwürdigkeit abgesprochen werden.

Und widersprechen Comics im Allgemeinen nicht Lessings Annahme, dass Bilder Handlungen nur andeutungsweise in einem Augenblick nachahmen können? Oder würde er dann jedes frame als solches (also als Einzelbild) betrachten?

Kann mir jemand damit helfen?