Narrative Schleifen: Gifs als erzählende Bilder

Was wird kommuniziert? Emotionen vs. Erzählung

FARGO Gif

Auf der Suche nach der Erzählung als medienunspezifisches Phänomen und transmediale Möglichkeit in Bildern bin ich auf Gifs gestoßen, deren narratives Kontingent ich im Folgenden untersuchen möchte. Unter Gifs verstehe ich eine kurze Sequenz aneinandergereihter Bilder, die meist anderen Werken entnommen sind, und somit sowohl eine intermediale (vgl. Irina Rajewski: Intermedialität)Verbindung zur Manifestation des übertragenen Contents (z.B. in einem Film) in sich tragen, als auch indexikalisch auf das Werk und seine Story oder auf andere Ursprungsmedien, etwa Ausschnitte aus Talkshows oder Ähnlichem verweisen können. Spätestens hier kommt der Rezipient ins Spiel, der zum Decodieren des Gifs sein Vorwissen bestehend aus einerseits der kulturellen Prägung (z.B. der Geläufigkeit von Gestik) und andererseits dem Wissen um die vorangegangene Narration/den Ursprung der Bilder als „Material“ oder nicht medial eingebettetem (Story-)Content aufwendet. Je nach Rezipient ergibt sich also eine Vielzahl von Bedeutungsüberlagerungen.

Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology widmet sich derzeit dem emotionalen Gehalt von Gifs zur Einbindung in die Online-Kommunikation. Ziel ist es, eine Datenbank zu erstellen, die für jeden Gefühlszustand und jede Empfindung das passende Gif parat hält. Eine Reduktion der Gifs auf ihren emotionalen Gehalt mag jedoch angesichts der vielschichtigen Bedeutungsebenen zu kurz gefasst sein, vor allem, da die übertragenen Emotionen situativ gebunden ausgedrückt werden. So zeigt folgendes Gif nicht nur eine Entschuldigung, sondern einen flehenden Dr. Who, genauso wie hier die ausgelöste Assoziationskette beim Publikum von Breaking Bad weiter reichen mag als es das aufschauen von einem Buch mit Blutunterlaufenen Augen vermuten lässt. Dennoch: Trotz der vorangegangene intermedialen Einbettung lässt sich dem Gif als solches eine eigenständige erzählerische Instanz nicht absprechen.

In dem Versuch, den erzählenden Dimensionen von Gifs gemäß einer semiotischen Struktur des Narrativen auf den Zahn zu fühlen, beziehe ich mich nun auf Chatmans Story and Discourse. Als Narration im Sinne einer Kommunikation zwischen Sender und Empfänger könnten Gifs als kleine Erzählsequenzen in die Kommunikation einfließen und diese bereichern – Kulturpessimismus angesichts der Unaufhaltbarkeit eines pictorial turn hin oder her.

Sowohl die order als immerwährende Wiederholung, als auch die selection des explizit Erzählten bzw. Dargestellten sind Kategorien, die man auf Gifs anwenden kann. Im Beispiel: Snoopy, der im gezeigten Augenblick mit einem Blatt spielt und das unaufhörlich. Die Gif-immanente Begrenztheit, die trotz der bildlichen Darstellung mit einigen Unbestimmtheiten aufwarten, fordert von Seiten des Rezipienten eine interpretatorische Leistung, um das erzählende Bild kohärent zu ergänzen. Gezeigt wird etwa nicht, wie Snoopy im Vorbeigehen beschließt, sich mit dem fallenden Blatt zu beschäftigen. Auf der Ebene der story findet sich einerseits die substance of content, das heißt die Annahme darüber, dass vom Baum fallende Blätter im Herbst ein geläufiges Phänomen sind, oder dass Hunde einen ausgeprägten Spieltrieb haben, genauer: dass Snoopy, dessen Existenz bzw. image als kulturelles Vorwissen gesehen werden mag, ein sehr verspielter Hund ist. Als form of content können zwei je zwei events und existents ausgemacht werden: Snoopy als ein character-existent, und das fallende Blatt als ein dem setting zuzuordnendes existent. Folglich wird das action-event von Snoopy ausgeführt, der als Agierender auf das Blatt pustet, während das fallende Blatt an sich ein von Snoopy und der Schwerkraft beeinflusstes happening darstellt.

Die substance of expression liegt in der medialen Möglichkeit eines Gifs, eine Abfolge beliebiger Bilder als erzählender Sequenz zu erstellen bzw. eine Narration zu manifestieren. Als form of expression lässt sich die Wiederholung als narrative Struktur in Gifs anführen. Zeitliche Linearität als konstituierendes Element einer Erzählung, wie sie beispielsweise Lessing in der Literatur ausmacht, findet sich in der Hintereinanderschaltung der Einzelbilder. Doch scheint es, als würde diese Zeitlichkeit in der ständigen Wiederholung, einer Art narrativer Loops oder Schleifen ad absurdum geführt – während mit dem Öffnen des Fensters ein eindeutiger Anfang der „Erzählung“ vorliegt, strebt das Ende ins Unendliche. (In diesem Sinne ein höchst selbstreferentielles Gif: Bill Murray und sein Wecker.)

Hier lohnt es sich zu unterscheiden zwischen solchen Gifs, die eine Ausgangssituation und dann eine vollzogene Entwicklung erkennen lassen um immerzu zurückzuspringen und anderen, deren Reiz (Irritation, desolate Komik und Vergeblichkeit) vor allem in der ständigen Wiederholung zu liegen scheint. Auch scheint mir die Unterscheidung in diesem Fall schwierig, ob es sich in der narrativen Struktur um eine rein repititive Erzählung handelt, oder ob lediglich die Performanz des Diskurses unablässig wiederholt wird. Im Gif scheint sich nochmals zu verdeutlichen, weshalb Lessing die Darstellung von Kriegshelden in schwachen Momenten als ungünstig wertet: die Rezeption von Bildern bzw. räumlichen Darstellungen erlaubt keine Entwicklung von Charakter sondern reproduziert die immer gleiche Eigenschaft. Ich wage deshalb die These aufzustellen, dass bei der Rezeption eines Gifs durch die repititive Zeitlichkeit narrative Strukturen zu Tage treten, die nicht nur auf die Linearität der Ereignisse ausgerichtet sind sondern es schaffen, ein räumliches Nebeneinander mit dem zeitlichen Hintereinander für einen kurzen Moment zu synthetisieren. Dem liegt ferner die Annahme bzw. das historische apriori zu Grunde, dass Bilder sich einerseits bewegen, und sei es auch nur durch die wandernde Perspektive des Rezipienten, und andererseits eine erzählende Instanz bilden können.

Die für die Definition von Gifs vermutlich kniffligste Frage lautet: Handelt es sich noch um einzelne Bilder, um jeweils einen „prägnanten Augenblick“ nach Lessing? Zu Lessings Zeit war von Film noch nicht die Rede, dennoch zieht er die Möglichkeit einer Abfolge von Bildern in Erwägung: wenn auch mit dem Eingeständnis einer ziemlichen Hirnrissigkeit der vorgebrachten Idee. Gifs, so könnte man sagen, sind gewissermaßen Bilder, die sich an der Schwelle zum Filmischen bewegen. Meist wird die begrenzte Bildanzahl der Sequenzen in der menschlichen Wahrnehmung noch als Einzelbilder erkannt, wodurch eine Abgrenzung vom Film stattfindet, was im 21. Jahrhundert nicht mehr dem Fehlen technischer Möglichkeiten zugeschrieben werden kann (aber natürlich einen gewissen Retro-Charme birgt). Auf Ton wird verzichtet, wobei auf Schrift zurückgegriffen werden kann: erklärend, oder als semiotische Dopplung. Die Lesart ähnelt demzufolge vielleicht der eines animierten Comics, dessen Bilder auf ihrer Statik bestehen. Die dargestellten Szenen werden seziert und auf die Essenz des Inhalts heruntergebrochen: oft reichen eine handvoll Einzelaufnahmen um das Gewünschte zu kommunizieren.

 

Gif.tv – Addiction at its finest. Eine ernstzunehmende Warnung.

GIFGIF: Mapping the emotional language of gifs.

Dominik Schönecker über Gifs auf Textem. 

3 Responses

  1. Diese beeindruckende Betrachtung von GIFs als narrative Bilder kann ich zunächst nur um weitere Beispiele ergänzen:

    Beinahe hypnotisierende Skulpturen aus Licht, abgespielt in einer Endlosschleife als animierte GIF-Dateien erschafft nicht etwa eine Gruppe, sondern immer nur ein Mann – der Multimedia-Künstler Erdal Inci (erdalinci.tumblr.com). Die Skulpturen, die weder einen Anfang noch ein Ende haben, bestehen aus präzisen Wiederholungen und deren Vervielfältigung. Das GIF als künstlerisches Ausdrucksmittel profitiert hierbei dadurch, dass es sich (anders als neuere Dateiformate) problemlos in jedem Browser abspielen lässt und dank der kleinen Dateigröße leicht zu teilen ist. Das macht GIFs zu modernen Kunstwerken der Populärkultur, die meiner Meinung nach gegen eine statische, topologische Medialität des Bildes sprechen, wie sie von Lessing vorgeschlagen wird. Da die Bilder in der Nachbearbeitung sowohl über- als auch nebeneinander gelegt werden, bis die vom Künstler gewünschte Bewegungsfrequenz entsteht, könnte man deine These darum erweitern, dass bei der Rezeption der GIF-Skulpturen eine augenblickliche Synthese aus einem räumlichen Über- und Nebeneinander mit dem zeitlichen Hintereinander zu einer repetitiven Simultaneität von Raum und Zeit führt. Ich finde, hierbei wird – entgegen Lessings Ausführungen – der Augenblick in der bildenden Kunst gerade nicht zum Mangel, sondern zu einer räumlichen Bilderfahrung mit zeitlicher Struktur. So sagt Inci in einem Interview (http://www.ignant.de/2014/08/01/clones-project-by-erdal-inci/): „I realized that if you clone a recorded performance contiguously it will become perpetual. So that you can see all the time phases of the same performance in a small amount of time like one or two seconds. This gives you the chance of thinking like a choreographer with a mass crew or painter who fills its frame not in forms and colour but motion.“.

    Für mich wird darüber hinaus gerade in der Abgrenzung zum Film deutlich, dass der Blick einer transmedialen Erzählanalyse auf unabhängigen, medienübergreifenden Strukturen liegt, der medienspezifische Eigenschaften übersehen muss, da gemeinsame Strukturen und Muster auf diese Weise nicht einem (Einzel-)Medium zugewiesen oder deren Ursprung in einem Medium gefunden werden können. So ist das scheinbare Paradoxon des Filmes, dass jedes ‚bewegte‘ Bild sich zusammensetzt aus unbewegten Bildern, nicht allzu weit entfernt vom GIF. Ein weiteres Beispiel kann hierbei zur Verdeutlichung hinzugezogen werden:

    GIFs, die Szenen aus Kinofilmen oder TV-Serien aufgreifen, mit oder ohne den Kontext des jeweiligen Plots, zählen zu der häufigsten Form dieser potenziellen animierten Narrative. Im 2013 entstandenen Kurzfilm „BXBY“ (http://www.clipandgif.com/gifclip.html) zu einem gleichnamigen Song, stellt Quentin Cherrier, ein französischer Fotograf, die Beziehung zwischen Kurzfilm und GIF her, indem er sie erstmals in einem „CLIF“ (Clip + GIF = CLIF) zusammentreffen lässt. Es handelt sich hierbei nicht um zufällig erscheinende GIFs, sondern um eine Serie von GIFs, die eine Leserichtung vorgeben. Typischerweise wird etwa auf einen Play-Button verzichtet, wohingegen gescrollt werden muss, um dem weiteren Verlauf der GIFs zu folgen. So könnte man auch hier deine These nochmals darum erweitern, dass es sich auf räumlicher Ebene um ein Über-, Neben- und Untereinander und auf zeitlicher Ebene um ein Hintereinander sowohl durch die technisch-medial bedingte als auch durch die künstlerisch-ästhetische Anordnung der GIFs handelt, die für einen Augenblick miteinander verschmelzen. Ich habe dennoch den Eindruck, dass mehr GIF als Clip im „CLIF“ steckt, wodurch ich nach Rajewsky („Intermedialität“, 2002) eher von „intermedialen Bezügen“ als von einem „Medienwechsel“ sprechen würde. Somit handelt es sich mehr um einen Systembezug des GIFs, der den Clip nur so weit wie (medienspezifisch) möglich nachahmt.

    Das GIF ist meiner Meinung nach ein äußerst „unbequemes“ Medienformat und ich bin deshalb auf den weiteren Verlauf der Diskussion gespannt!

  2. Ich finde sehr interessant, was Du in Deinem letzten Absatz angesprochen hast. „Auf Ton wird verzichtet, wobei auf Schrift zurückgegriffen werden kann: erklärend, oder als semiotische Dopplung.“ In Deinem Beispiel von Doctor Who, in dem der Doctor einerseits entschuldigend andererseits flehend seine letzten Worte spricht, wird ja auf die Schrift in ihrer erklärenden Instanz zurückgegriffen, um dem Rezipienten dabei behilflich zu sein, die Tragik des Augenblicks zu erfassen. Mich persönlich würde nun die unterschiedliche Wahrnehmung einzelner Rezipienten interessieren. Die einen, die die Serie und die Szene kennen, und die anderen, die sie nicht kennen und nur zufällig bei dem GIF gelandet sind.

    Ich selbst kenne die besagte Szene und habe festgestellt, dass ich vergleichsweise spät erst auf die Schrift aufmerksam geworden bin, weil mir die bildliche Darstellung schon gereicht hat, um die Entschuldigung und das gleichzeitige Flehen aus dem Gesicht des Doctor abzulesen. Erst nachdem das GIF sich ein paar Mal wiederholt hatte, habe ich die Schrift bemerkt. Das könnte nun zwei Ursachen haben: Entweder habe ich diese Szene einfach schon oft genug gesehen, sodass eine Erklärung in Worten überflüssig geworden ist, und/oder die Schrift ist auf eine Art und Weise formatiert, dass sie dem Betrachter nicht von vorne herein ins Auge springt. Außerdem – ich bin nicht sicher, ob das hier von Relevanz ist – hatte ich ziemlich schnell auch die Stimme des Doctor und die dazugehörigen Hintergrundgeräusche dieses kurzen Ausschnitts, also einen imaginären Ton, im Kopf, was natürlich für jemanden, der diese Szene nicht kennt, unmöglich ist.

    Mich würde nun interessieren, wie jemand ohne diese speziellen Vorkenntnisse ein GIF wie dieses wahrnimmt. Wird auch dann zuerst das Bild und nur noch nicht alle Emotionen wahrgenommen bis die Schrift gelesen wird, oder findet die Wahrnehmung gleichzeitig oder sogar anders herum statt? Und stellt sich vielleicht doch irgendeine Art von imaginiertem Ton ein, sei es für das „I’m sorry“ oder irgendwelche Geräusche?

    1. Die Schrift kommuniziert auf jeden Fall auch etwas (dass sie auch erzählt, wäre eventuell zu weit gegriffen). Ich kenne die Serie, aus welcher das GIF entnommen wurde, nur schlecht bis gar nicht. Bei mir ist der nette Toneffekt nicht von selbst mit dazugkommen, doch ich kenne das Phänomen durchaus von anderen Bildern und auch GIFs.
      Jedoch würde ich das als kulturelle Prägung einstufen. Es ist, wie wir alle jetzt festgestellt haben, rezipientenabhänhig, was man aus einem solchen Bild herausliest. Jedenfalls ist es kein Naturwissen 😉

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