Zur Schwierigkeit der bildlichen Übersetzung – Erste Gedanken

Lessing untersucht am Beispiel des Laokoon die Möglichkeit einer Skulptur, eine vorher schriftlich gefasste Erzählung in ein Bild zu übersetzen. Nach Chatman bedeutet dies die Übersetzung der Substanz des Ausdruckes der Laokoonerzählung vom Griechischen in die Bildsprache des antiken Künstlers. Es stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern die Übertragung des Mediums der Wiedergabe den Informationsgehalt der Erzählung beeinflusst – was geht verloren, wie verändert sich das Übrige? Wie muss ein Bild aussehen, das textähnlich „sprechen“ und erzählen kann?

 

Definitionen

  • Erzählung sei zunächst gemäß Chatman (Story and Discourse) verstanden als die vierteilige Struktur aus Substanz und Form von Ausdruck und Inhalt einer Handlung.
  • Information sei verstanden als eine bestimmte Menge an Wissen, die von einem Sender an einen Empfänger über ein Medium übertragen wird. Der Gehalt oder die Bestimmtheit einer Information I sei Η.
  • Bestimmtheit bedeutet, wie sehr sich das vermittelte Wissen nach Abzug aller Störungen, Redundanzen, Streichungen, Mehrdeutigkeiten etc vor der Interpretation durch den Empfänger mit dem zugrundeliegenden zu vermittelnden Wissen deckt.
  • Medium sei verstanden als das Trägermaterial, auf dessen Oberfläche Zeichen Gestalt annehmen können. (Sprache, Bild, Text etc)
  • Zeichen sei verstanden als ein Ding, dem  ein Betrachter eine Bedeutung zuweist. Im engeren Sinne sollen hier insbesondere solche Dinge Zeichen genannt werden, denen ähnliche Betrachter, also Mitglieder einer sonstwie gearteten Gruppe, regelmäßig ähnliche Bedeutung zuweisen. Solche engeren Zeichen sollen Symbole heißen.
  • Bedeutung sei verstanden als Referenz auf bekanntes oder neues, einzuführendes Wissen sowie als die Anweisung zur Anwendung logischer Operatoren auf den Vorrat an Wissen zum Zwecke seiner Korrektur.
  • Erfolgreiche Informationsweitergabe bedeutet also, dass ein Sender einem Empfänger vermittels eines Mediums beiderseits eindeutig bestimmbare Zeichen sendet. Durch die Entschlüsselung der Bedeutungen der Zeichen wird der Wissensstand des Empfängers den Absichten des Senders entsprechend erweitert oder revidiert.
  • Bild sei hier verstanden als das einzelne, für sich stehende Bild. Comics, Film und nebeneinanderstehende Bilder sind von dieser Betrachtung ausgeschlossen, wo nicht anders erwähnt.

 

Die Erzählung nach Chatman ist eine Art der Informationsvermittlung durch das transmediale Phänomen „Erzählen“, wobei der Content das Wissen enthält und durch seinen Ausdruck medial gebunden wird. Wir erhalten Information über eine Handlung („Der Apfel fällt vom Baum“; bis hin zur kompletten Odyssee: „Es odysseet“) durch den medialen Filter erzählerischen Ausdrucks.  Der Informationsgehalt wird dabei an das Medium angepasst – die deutsche Schriftsprache kann beispielsweise nicht den Klang einer Stimme wiedergeben, weshalb ein Text behelfsmäßig die Stimme als „hoch“ oder „tief“ beschreibt. Es werden sprachliche Symbole genutzt, denen wir mehr oder weniger bestimmte Eigenschaften zuweisen. Durch die Bindung an ein Medium verliert eine Information an Bestimmtheit (Η) und somit an Wert.
Wir werden uns im weiteren Text vor Allem den Wert von Informationen widmen. Je bestimmter eine Information, desto wertvoller ist. Volle Bestimmtheit heißt, dass jeder in ihr enthaltene Teil einen relevanten Unterschied macht. Relevanz bedeutet hier, dass dieser Teil zu den Wissensveränderungen gehört, die der Sender dem Empfänger weiterzugeben (idealerweise) bewusst beabsichtigt. Ein „äh“ wäre beispielsweise oft kein relevanter Teil der beabsichtigten Information einer mündlichen Erzählung. Es ist an sich wiederum eine unintentionale Information – als Zeichen für mangelnde Redegewandtheit oder Unsicherheit des Sprechers kann es dem Hörer Wissen über diesen vermitteln – aber nicht Teil der eigentlichen Information.

Betrachten wir die erste Erzählung. Als Auswahl der für relevant erachteten Elemente einer Handlung in einem Setting schildert sie uns textlich in finiten Formen zeitliche Handlungsabläufe und beschreibt ihre Akteure und Requisiten. Wir haben hier das Informationsmaß I1, die erste Kanalisierung der „ursprünglichen“ Information I0 der Handlung, welche noch vor jedweder Medialisierung stand. Im Laokoonfall wäre I1 Homers Dichtung, I0 der eigentliche Stoff unter der Annahme einer zumindest für historisch erachteten Begebenheit. Die Information I0 enthält alle denkbaren Wissensbestandteile jener Handlung, es ist die Information, die der erste Erzähler noch vor dem Konzipieren einer Erzählung über die gedachte Welt erhält. Es ist nicht die wirkliche Welt, sondern die Gesamtheit gedanklich gefilterter Sinneseindrücke, nach Chatman die Substanz des Contents. Die Bestimmtheit Η einer Information I

Der Trichter der Bestimmtheit

Da wir Homer als zuverlässigste Quelle der Laokoongeschichte erachten, gehen wir zu Gunsten der Interpretierbarkeit davon aus, dass I1 von großer Bestimmtheit ist und somit die meisten enthaltenen Bestandteile der Information relevant und intentional sind. Wird der Laokoon nun von einem Bildhauer rezipiert und (um Lessings Argumentation zu folgen) in Anlehnung an Homers Text ein Bestandteil seiner Handlung zu einer Skulptur umgemünzt, müssen wir die Veränderung des Informationsgehaltes untersuchen. Wir betrachten die Skultpur zunächst als Übersetzung möglichst der selben Information in ein anderes Medium. Wir haben den Schritt von I0, der reinsten „wahren“ Begebenheit und allem dazu denkbaren Wissen, zu I1, Homers Dichtung vollzogen. Dabei wurden Wissensmengen weggelassen, andere vereinfacht. Idealerweise wurden keine Wissensmengen hinzuerfunden.  Der Schritt von I1 zu I2, also zur Skulptur, kann wiederum nur mit einer kleineren Bestimmtheit einhergehen, wenn der Sender von I2 lediglich Zugriff auf I1 hat. Wie bei jedem Wechsel von einem Träger zum nächsten muss Ordnung oder Bestimmtheit bei einer Übersetzung verlorengehen. Zumindest kann dabei keine Bestimmtheit gewonnen werden. Wissensmengen können abhanden kommen, aber nicht ohne Rückgriff auf vorherige, vollständigere Informationssätze I wiederhergestellt werden. Es gilt für solche Übersetzungen von Information unter jeweils ausschließlicher Bezugnahme auf die spezifisch verkörperte Vorgängerinformation:

Η(In+1) ≤ Η(In)

Werden neue Wissensmengen hinzugefügt, so fördern diese nicht die Bestimmtheit in Bezug auf die ursprünglichere I, sondern senken diese ebenfalls – ein geringerer Teil des nun übermittelten Wissens deckt sich mit vorherigen Informationen. Im strengeren Sinne wäre sogar jedes Hinzufügen von Wissen logisch unzulässig, wenn von einer Übersetzung gesprochen wird. Je nach Medienwechsel bleibt uns jedoch keine andere Wahl, als Wissen hinzuzufügen, heißt: zu erfinden, das nicht aus der vorherigen Information (hier: der vorherigen Erzählung) hervorgeht.

 Medialbedingte Spezifität

Dies geschieht dort, wo ein Medium uns zu Spezifizität zwingt. Das herkömmliche Bild lässt uns keine andere Wahl, als die Gestalt und Position von Dingen zu präzisieren. Können wir unpräzise schreiben „Sie trug ein schönes Kleid“, muss uns das Bild eine weibliche Person mit einem sonstwie gearteten Aussehen und einem beliebigen, vom Künstler für „schön“ erachteten Kleid präsentieren. Womöglich gibt er ihr ein rotes Kleid mit weißen Punkten – und die Frage, ob jeder Betrachter darin ein „schönes“ Kleid sieht, bleibt offen. Ein Betrachter könnte es als „peinlich“ betiteln, wieder einer als „neu“ oder „alt“ oder „freizügig“. Die Bestimmtheit der Information in Bezug auf das ursprünglich zu vermittelnde Wissen hat abgenommen, während ein neues Wissen (rot mit Punkten) willkürlich eingeführt wurde – und kein Betrachter kann ahnen, ob dies nun in der Quelle vorgesehen war oder nicht.

 

So viel zu Teil 1, der Artikel wird nahtlos fortgesetzt. In den nächsten Teilen wird ein Ausweg aus der erzwungenen Unbestimmtheit der Spezifizität vorgestellt sowie genauer auf die Möglichkeit eingegangen, wie genau nun sich die Qualität des Erzählens übersetzen lässt und welche Zeichenrelevanz die Closure bei Comics innehat.

 

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