Das Salz der Erde: Fragen über Fragen

Im Beitrag „Das Salz der Erzählung: Die Geschichte vor der Linse.“ habe ich bereits erste Gedanken und Fragen zum Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ formuliert. Vor allem die Frage danach, wer nun eigentlich die Geschichte vor der Linse haben könnte, hat sich mir zunächst durch weitere Fragen beantwortet, die ich im Folgenden darzulegen versuche, um davon ausgehend den Film zum Untersuchungsgegenstand einer narratologischen Medienanalyse zu machen. Zunächst aber möchte ich Wim Wenders, der den Film produziert hat, durch das folgende Video (zumindest bis ca. 03:45) zu Wort kommen lassen:

Was sagt Wim Wenders dazu?

„Man is the storytelling animal“ – die funktionelle Bedeutung des Erzählens als Mittel der Welterfahrung? Eine Geschichte also auch in einem Dokumentarfilm erzählen? Der Dokumentarfilmer dabei als „Weltgewissen“? Der Dokumentarfilm somit als eine Abbildung von Realität? Schließlich ist die dokumentarische Darstellung medial konstruiert und unterliegt folglich nicht nur den technischen Möglichkeiten und strukturellen Bedingungen des jeweiligen Mediums, sondern auch den Bedingungen menschlichen Mitteilens überhaupt. Die Darstellbarkeit von Realität verknüpft sich somit an die Fähigkeit des Erzählens. Wenn also Dokumentarfilme von einer Wirklichkeit erzählen, stellt sich die Frage nach der Stimme – dem Erzähler. Was passiert somit, wenn man die Bilder als Sprechakte betrachtet, die durch ihre fotografische Qualität nicht nur Dinge zeigen, sondern zugleich einem fremdbestimmten Blick auf die Dinge durch eine vermittelnde Erzählinstanz unterworfen sind? Wie zuverlässig kann diese sein? Welche Wahrheit behauptet der Film folglich zu sein, zu sagen und zu zeigen? Inwiefern wird die Authentizität des Filmes durch die Wahrheit des Inhalts und die Wahrhaftigkeit der Darstellung beeinflusst? Wenn der Film erzählt, wie erzählt er dann? Worin könnte das narrative (transmediale) Potenzial des Filmes liegen? Was also könnte das „Salz der Erzählung“ des Filmes sein?

Fragen über Fragen

Geschieht die Kommunikation des Filmes allein durch das Zeigen von Bildern, die in Bildsequenzen montiert sind? Inwiefern ist die Darstellung mittels Bilder und Töne von einer (oder mehrerer) Erzählinstanz(-en) abhängig? In welchem Verhältnis können potenzielle Erzählinstanzen zueinander stehen und welche Erzählerstimme dominiert dabei? Wie wirkt sich das auf die Qualität und Authentizität des dokumentarischen Charakters des Filmes aus? Wie kann die Kommunikationssituation zwischen Körper und Stimme sowie Blick und Auge beschrieben werden? Jedoch ist die Filmsprache als eigenständiges semiotisches System gerade nonverbal. Kann man dennoch von einer Erzählsituation des Filmes sprechen? Kommt damit die Kamera als Erzähleräquivalent in Frage? Müsste man somit auch andere filmische Techniken wie die Montage als narrative Aktivität betrachten? Wie sieht beispielsweise die Stellung im Narrationsprozess des Phänomens voice over aus? Wie kann man darüber hinaus die Beziehung zwischen den eingesetzten Instanzen und Medien beschreiben? Zeigen die Bilder mehr als potenzielle Erzähler sagen? Was können die Fotografien, was weder Film noch Sprache können?

Eine bloße Verkettung von Ereignissen – die Geschichte allein – macht noch keinen Film zu einem Film und im Übrigen auch keine Erzählung zu einer Erzählung. Schließlich ist nicht nur das, was gezeigt und gesagt (histoire) wird, sondern auch wie überhaupt vermittelt wird – die Art der Darstellung, die die Geschichte hervorbringt – ausschlaggebend für den Film. Inwiefern lässt sich also von einer „Erzählung“ im Sinne eines discours (bzw. récit) – einer materiellen Darstellungsseite, die den Inhalt an die mediale Oberfläche transportiert – sprechen? Können hierzu die Fragen nach der zeitlichen Organisation (beispielsweise Analepsen und Prolepsen), dem Modus (die Wahrnehmungsweisen und Blicklenkungen im Kontext der Informationsvergabe) und der Stimme (die mögliche Differenzierung und Markierung der Vermittlungsinstanzen), wie sie etwa in Gérard Genettes „Diskurs der Erzählung“ vorgeschlagen werden, ausreichende Antworten geben? Zu was für einer spezifischen Art der Darstellung führt das Erzählen von und über Bilder im Medium des Filmes folglich? Wie lässt sich das Analyseinstrumentarium von Text zu Bild übersetzen? Was passiert, wenn man nach der Filmnarratologie Markus Kuhns nicht nur von einer sprachlichen, sondern auch von einer visuellen Erzählinstanz ausgeht? Wer erzählt dann? Wie kann man folglich das Konzept der Erzählinstanz für den Film neu durchdenken? Eignet sich der Film als Beispiel, um die literatur- und filmwissenschaftliche Erzähltheorie zu erproben? Welche Probleme ergeben sich daraus und wie kann man diesen wiederum begegnen?

Noch Fragen?

 

9 Responses

  1. Super spannendes Thema. Ich hatte fest vor, den Film anzuschauen und soeben mit Schrecken festgestellt, dass er in Freiburg nicht mehr läuft. Trotzdem bin ich sehr gespannt darauf, wie du deine vielen Fragen – oder zumindest einen Teil davon – beantworten wirst.

    Schon Salgados Bilder allein erzählen große Geschichten. Erst letzte Woche stand ich vor ein paar seiner Fotos im Frankfurter Städel-Museum. Die Bilder haben so eine Kraft. Man vergisst fast, dass es Fotos sind. Sie wirken wie gemalt. Umso gespannter bin ich auf deine Analyse des Films, vor allem darauf, wie die Verknüpfung von Person und Werk gelungen ist.

  2. Schade, ich habe gehofft, der Film würde (nicht nur wegen meiner Analyse) länger in Freiburg laufen! Denn gerade auf der Kinoleinwand, so scheint mir, wird das erzählerische Potenzial der Bilder verdeutlicht – gerade auch dadurch, dass die Verbindung des Fotografen zu seinen Bildern auf der Leinwand durch Wenders „Teleprompter-Dunkelkammer“ eindrücklich dargestellt wird.

    Wenders erinnert bereits im Prolog des Filmes daran, dass der Fotograf, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, jemand sei, der mit Licht male. Und tatsächlich erinnern Salgados Bilder stark an die Hell-Dunkel-Malerei. Wie dieses Spiel von Hell und Dunkel aus den Bildern eine Filmsequenz erzeugt und wann man genau das erkennen kann, finde ich dabei besonders spannend. Interessant finde ich darüber hinaus, dass die Beziehung zwischen Malerei, Fotografie und Film schon dadurch ausgesprochen wird, indem wir sowohl für ‚Gemälde‘ als auch für ‚Fotografie‘ sowie ‚Einstellung‘ immer wieder von ‚Bildern‘ sprechen.

    Auf meine Anfrage hin habe ich vom Harmonie Kino Freiburg den Hinweis erhalten, dass das neue Kinoprogramm diesen Donnerstag veröffentlicht wird. Es wäre daher möglich, dass der Film dann wieder auf der Kinoleinwand zu sehen ist – also noch nicht die Hoffnung aufgeben! In jedem Fall aber werde ich versuchen durch meine Analyse, einen Einblick und Ausblick durch die ‚Bilder‘ zu ermöglichen.

    1. Falls der Film (wovon ich ausgehe) in Freiburg nimmer aufgenommen wird ins Programm, gibt es ja auch noch die Möglichkeit, ihn z.B. in Basel anzuschauen. Da läuft er noch.

      1. Habe „Das Salz der Erde“ heute angeschaut. Großartiger Film! Freue mich jetzt noch mehr auf die weitere Analyse und die Diskussion. Jetzt, da ich den Film gesehen habe, kann ich mich auch besser daran beteiligen.

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