Die Schlacht am Ulai-Fluss – ein neuassyrischer Splatter-Comic (I)

Gegenstand meiner medialen Analyse ist die neuassyrische Reliefkunst. Diese Kunstgattung  verzeichnete zum untersuchten Zeitpunkt im alten Orient bereits eine fast dreitausendjährige, nahezu ungebrochene Tradition. Ich werde über die nächsten Wochen herausstellen, inwiefern hierbei der Begriff Kunst zu verstehen ist. Zudem werde ich klarmachen, warum man diesen Bildwerken keinen anderen Zweck zuweisen kann, als zu erzählen.

Die Bilderwelt des alten Orientes war ausgesprochen reich. Ein Großteil der Bildwerke wurde von Herrschern in Auftrag gegeben, war politisches Programm und Propaganda – Schlachtenszenen, Feindtötungen, Krönungen, Jagdszenen und dergleichen. Aufgestellt wurden Bildstelen und Obelisken an öffentlichen Plätzen, je nach Zeit auch an Straßen, in Palästen zur Einschüchterung fremder Gesandter, selbstverständlich in Tempeln – und so weiter. Reliefkunst stelle die wohl verbreitetste Kunstform dar, aber auch Rundplastiken waren keine Seltenheit. Nahezu alle bildlichen Medien konnten zugleich Schriftträger sein.

Ich werde insbesondere auf ein berühmtes Bildwerk des neuassyrischen Herrschers Assurbanipal eingehen, das Relief der Schlacht am Ulai-Fluss. Wie kaum ein anderes bekanntes Bildwerk seiner Zeit, versucht es, eine Erzählung und eine Botschaft zu vermitteln. Und wie nahezu alle Bildwerke der neuassyrischen Könige ist es eine Erzählung von Blut, Folter, Allmacht, Gemetzel und nationalistischer Überlegenheit. Angebracht war das Relief im Südwestpalast der assyrischen Königsstadt Niniveh. Fremdländische Botschafter mussten das deutlich mehr als mannshohe Relief (mindestens 1,8m) – und viele andere seiner Art – passieren, ehe sie die Audienzhallen betreten konnten.

In dem auf den ersten Blick chaotisch anmutenden Bild, welches uns leider nur beschädigt erhalten ist, wird der Verlauf einer Schlacht in mehreren nebeneinander stehenden Szenen, ähnlich einem Comic, geschildert. Beitexte erläutern das Geschehen und geben teilweise wörtliche Rede wieder. Die Schlacht wird geschlagen vom assyrischen Heer gegen die Truppen des elamischen Königs Teumman. Neben großen Schlachtenszenen wird das Schicksal des fremden Köngis in Einzelszenen beschrieben: sein Sturz von einem Wagen, seine Flucht durch das Gelände, schließlich sein Ergreifen und seine Hinrichtung, im Angesicht seines ebenfalls getöteten Sohnes.

Bei der Analyse werde ich der Nummerierung der Szenen nach Kaelin (1999) folgen, wobei zunächst die beiden das Standlinienraster durchbrechenden Seitenflügel als „Rahmenhandlung“ – Ansturm der Assyrer zu Beginn der Schlacht, Treiben der Elamer in den Fluss am Ende – des eigentlichen Schlachtengetümmels, in dessen Mitte die detailliertere Handlung um den König Teumman stattfindet, gedeutet werden. Im nächsten Beitrag werde ich die Szenen kurz auflisten und die narrative Struktur beschreiben. Im Folgenden sollen dann einzelne Szenen/“Panels“ beschrieben werden. Wie erzählen das Gesamtwerk und die einzelnen Szenen? Ich werde auf Bildkomposition und Panelgrenzen eingehen. Den Schluss stellt eine Betrachtung des Kunstbegriffes jener Bildergattung, eine Einordnung der Ulai-Schlacht in das allgemeine Bildprogramm und die übergreifende, intertextuelle (bzw interpicturelle) Herrschaftserzählung Assurbanipals und seines Geschlechtes.

 

Umzeichnung, mit nummerierten Szenen und Beischriften (SWB) nach Kaelin, Oskar (1999): Ein assyrisches Bildexperiment  nach ägyptischem Vorbild  Zu  Planung und  Ausführung der  "Schlacht am  Ulai", Übersicht 1 S.151
(Zum Vergrößern anklicken) Umzeichnung, mit nummerierten Szenen und Beischriften (SWB) nach Kaelin, Oskar (1999): Ein assyrisches Bildexperiment nach ägyptischem Vorbild Zu Planung und Ausführung der „Schlacht am Ulai“, S.151 Übersicht 1

1 Response

  1. Auf jeden Fall eine spannende Überlegung, ein Relief daraufhin zu analysieren, wie etwas erzählt wird und wie dadurch Herrschaftsansprüche konstituiert werden. Ebenso die Frage, wie die damaligen Rezipienten sich in dieser auf den ersten Blick scheinbar chaotischen Darstellung zurechtfanden.

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