Das Märchen von den drei Brüdern: Geschichte in der Geschichte

„Es waren einmal drei Brüder…“ klingt wie der Anfang eines traditionellen Märchens. In gewisser Weise ist es das auch. Nur dass es sich bei diesem Märchen um ein traditionelles Märchen aus der Zaubererwelt handelt und nicht aus unserer. Das Märchen von den drei Brüdern wurde uns „Muggeln“ also erst durch J.K. Rowling zugänglich.
Oder anders gesagt, das Märchen wurde erst vor einigen Jahren (schätzungsweise im Jahr 2005/2006) von J.K. Rowling für den siebten und letzten Harry Potter-Band, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ (2007), erfunden. Im Jahr 2008 erschien es dann auch in einer Sammlung als Begleitbuch unter dem Titel „Die Märchen von Beedle dem Barden“. Und auch in der Verfilmung konnte diese Erzählung nicht fehlen.

Ich bin zwar bekennender Harry Potter-Fan, wie man an der Wahl des Analysegegenstands unschwer merkt, muss aber auch zugeben, dass ich kein wirklicher Fan der letzten Filme bin. Gerade der achte hat mich doch sehr enttäuscht, was aber durchaus daran liegen könnte, dass ich das Buch zuvor ein paar Mal zu oft gelesen habe und somit halbauswendig kannte. Viele Änderungen, die zum Film hin gemacht wurden, um ihn vielleicht kinotauglicher (und 3D-tauglicher) zu machen, haben mich sehr gestört. Aber das ist nochmal ein anderes Thema.

Was mir von den Filmen wirklich im Gedächtnis geblieben ist, ist die Adaption der Szene dieses Märchens für die Kinoleinwand, die ich persönlich sehr gelungen finde. Während die Geschichte vorgelesen wird, wird sie gleichzeitig animiert dargestellt.

Das Ergebnis sieht wie folgend aus:

 

 

Ich gehe zwar grundsätzlich davon aus, dass Harry Potter und seine Geschichte so bekannt sind, dass fast jeder davon gehört hat, möchte an dieser Stelle aber eine kurze inhaltliche Einordnung vornehmen. Achtung, hier enthält der Text Spoiler!

Wir befinden uns im siebten Buch bzw. siebten Film, wobei es für das Beispiel nicht von Belang ist, dass das Buch in zwei Filme geteilt wurde.

Auf ihrer mehr schlecht als recht verlaufenden Suche nach dem Mittel zur diesmal endgültigen Vernichtung des Antagonisten Voldemort, stoßen die drei Protagonisten Harry, Hermine und Ron immer wieder auf ein Symbol. Unter anderen findet es sich handschriftlich ergänzt in einem Märchenbuch, das der ehemalige Schulleiter Dumbledore Hermine in seinem Testament explizit überlassen hat. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um das Zeichen der titelgebenden Heiligtümer des Todes handelt. Und genau um diese Heiligtümer des Todes geht es in dem markierten Märchen von den drei Brüdern, das an der entsprechenden Stelle im Buch vollständig geschrieben steht und an der entsprechenden Stelle im Film eben in dieser Sequenz gezeigt wird. Wir haben es also mit einer Geschichte in der Geschichte zu tun, was mir hoffentlich einiges an Analysematerial bieten wird.

Auch wenn ich mich hauptsächlich auf die filmische Umsetzung und die Frage nach dem Erzählen der Bilder konzentrieren möchte, werde ich vermutlich den Text immer mal hinzuziehen, um beispielsweise Fragen nach Trans- oder Intermedialität zu klären. Sollte es insofern nötig sein, werde ich auch die entsprechende Textstelle noch posten.

Da wir es hier meiner Meinung nach –wer widersprechen will, nur zu- mit einer Erzählung zu tun haben, möchte ich dies in den nächsten Wochen belegen und sie auf ihre Strukturen untersuchen. Verschiedene Definitionen von Erzählung, Story und discourse, das Zusammenspiel von Bild und Ton, sowie wenn wir dazu kommen nach Begriffen der (Film-)Narratologie wie Instanzen oder Fokalisierung. Wie viel erzählen uns die Bilder allein? Ist die Geschichte durch sie allein immer noch verständlich oder braucht es in diesem Fall zwei Medien (Bild und Ton)?
Was ich auch interessant finde, ist, dass das Mittel einer vollständig animierten Sequenz hier bewusst eingesetzt und dem Zuschauer auch so vermittelt wird. Dafür braucht es keine Kenntnis der Medienwissenschaft, um den Unterschied zum Rest des Films zu erkennen. Aber mit der Medienkulturwissenschaft lässt sich sicher noch einiges mehr herausfinden.

 

Quellenangaben:

Joanne K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. Carlsen, Hamburg 2007
Joanne K. Rowling: Die Märchen von Beedle dem Barden. Carlsen, Hamburg 2009
David Yates (Regisseur): Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1. Warner Bros., Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten, 147 Minuten, 2010
Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=e2a8tEpUBLA

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