Die „Geologische Zeitlichkeit“ nach André Bazin

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Mein Projekt, das Erzählerische in Gerhard Richters abstrakten Bildern freizulegen fußt auf dem Ansatz der geologischen Zeitlichkeit, den André Bazin in seinem Aufsatz „Painting and Cinema “ (André Bazin: Painting and Cinema, in: Angela Dalle Vacche (Ed.): The Visual Turn. Classical Film Theory and Art History, New Brunswick 2003, p. 221-225.) formuliert hat.

In diesem Beitrag soll Bazins Ansatz beschrieben werden. In seinem Aufsatz arbeitet der französische Filmtheoretiker den Unterschied von Zeit und Raum in den Medien Film und Malerei heraus. Raum, so Bazin sei im Film folgendermaßen zu definieren: „On the contrary, what the screen shows us seems to be part of something prolonged indefinitely into the universe. A frame is centripetal, the screen centrifugal.“ Er unterscheidet also zwischen Bildschirm und Bilderrahmen. Ein Bildschirm ist seiner Meinung nach keine statische Begrenzung, sondern mehr eine permeable Membran, welche durchlässig für einen sich zentrifugal ausbreitenden Raum ist. Das auf dem Bildschirm gezeigte steht also immer in Zusammenhang mit dem Ungesehenen, welches außerhalb des Bildschirmes liegt. Ein Bildschirm ist demnach wie ein Ausschnitt der Realität zu betrachten: „The outer edges of the screen are not, as the technical jargon would seem to imply, the frame of the film image. They are the edges of a piece of masking that shows only a portion of reality.“ Da die Dimensionen von Zeit und Raum traditionell eng verknüpft sind schließt sich seine Konzeption von Zeitlichkeit im Film an diese Überlegungen an: „On the other hand, the sequence of a film gives it [the picture] a unity in time that is horizontal, so to speak, geographical,…“. Die Kamera gehorcht einer geographischen, einer linearen und chronologischen Zeitlichkeit.

Dem Gegenüber steht der gemalte Raum bzw. die gemalte Zeitlichkeit. “The picture frame polarizes space inward.“ Aus der zentrifugalen Räumlichkeit des Films wird also in der Malerei, durch den Bilderrahmen eine zentripetale. Der Raum breitet sich also nicht mehr vom Zentrum des Bildschirmes zu dessen Rahmen, und über diesen hinaus aus, sondern wird vom Bildzentrum angezogen. Ebenso grundlegend wandelt sich auch die Zeitlichkeit in der Malerei: “…, whereas time in painting, so far as the notion applies, develops geologically and in depth.“ Gewissermaßen rotiert hier also der Zeitachse, und zwar um 90°. Die Zeit läuft also nicht mehr von links nach rechts, sondern von innen nach außen.

Was Bains Ansatz grundlegend von anderen Zeitvorstellungen unterscheidet, ist dass hier die Zeit unter den Farbschichten verläuft. Ganz simpel gesprochen nehmen wir Zeit im Film durch Veränderung wahr, die Veränderung des sich bewegenden Bildes. In der Malerei verläuft die Zeit unsichtbar, aber gilt dies wirklich für alle Gemälde?

3 Responses

  1. Ich finde den Gedanken einer geschichteten Zeitlichkeit in der Malerei sehr interessant und frage mich denn, was dies über die erzählerische Dimension der Bilder (- Gerhard Richters?) aussagt – oder wie wir diese zu lesen haben. Insbesondere die Idee einer um 90° gewendeten Zeitachse illustriert glaube ich ganz gut unseren Anspruch an die Linearität bzw. Chronologie einer Narrativen. Doch während es sich bei der von links nach rechts, in Leserichtung dargestellten Zeitachse um eine konventionell etablierte Lesart handelt, bildet doch die Schichtung in der Malerei viel mehr den Produktionsprozess ab. Müssen wir also die „Geschichte“ so lesen, wie der Maler sie aufs Papier gebracht hat? Oder liegt in der zentrifugalen Bewegung eine weitere Lesart ? Chronologie im „klassischen“ Erzählmedium der Literatur zum Beispiel muss ja nicht den Entstehungsprozess abzeichnen (man denke an Kafka, der Anfang und Ende vom „Prozess“ fertig hatte bevor er die mittleren Kapitel schrieb, die schwierige Rekonstruktionsarbeit unvollendeter literarischer Werke oder auch an verschiedene Montagetechniken im Film).

  2. Ein ungeheuer spannendes Thema, danke!

    Sehe ich recht, dass Bazin bei „frame“ mit der Doppelbedeutung im Englischen spielt — ‚Einzelbild‘ beim Film, aber ‚Bilderrahmen‘ für die Malerei?

    1. Der ursprüngliche Text ist in den 40er Jahren auf französische erschienen und 2003 das erste mal ins Englische übersetzt worden. Meine Französischkenntnisse reichen nicht aus, um im Original zu überprüfen, ob Bazin hier auch mit der potentiellen Doppeldeutigkeit des Wortes „frame“ spielt. Selbst wenn dies ursprünglich nicht so gedacht war, haben die Übersetzer gute Arbeit geleistet, denn die Auflösung dieser vordergründigen Verwandtschaft ist eines seiner Hauptanliege.

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