Black Hole #3: Peirces Ikon, Index und Symbol – ein Wechselspiel?

Charles Sanders Peirce (1839-1914) entwickelte einen systematischen Zeichenbegriff, der von einer triadischen Grundstruktur ausgeht. Das Zeichen fungiert als Mittler zwischen dem repräsentierten Objekt und dem Rezipienten. Das Verhältnis des Zeichens zum Objekt teilt Peirce in drei Kategorien auf: das ikonische, das indexikalische und das symbolische Zeichen.
Ikonisch ist ein Zeichen dann, wenn es durch seine eigene Beschaffenheit die „Vorstellung von seinem Objekt hervorruft“[1] . Beispielhaft für ein ikonisches Zeichen wird die abstrakte Malerei häufig angeführt.
Indexikalisch ist ein Zeichen, wenn eine mentale oder real manifestierte Beziehung zu dem Objekt besteht. Photographie oder gegenständliche Malerei dienen hier als Beispiel.
Symbolische Zeichen schließlich verweisen aufgrund einer Konvention oder Gewohnheit auf das zugehörige Objekt. Dies ist beispielsweise bei der ikonographischen Malerei der Fall.
Peirce erkannte selbst, dass die drei Kategorien in der Realität nie in „Reinform“ auftreten, sondern sich eher Mischformen bestimmen lassen, bei denen aber jeweils ein Merkmal dominant ist.

In „Black Hole“ sind die einzelnen Kapitel durch schwarz hinterlegte Einzelseiten unterteilt. Auf den Seiten sind nicht wie in der sonstigen Erzählung die Inhalte in einzelnen Panels dargestellt. Lediglich ein Motiv in der Mitte hebt sich weiß von dem Hintergrund ab. Durch die zentrale Platzierung in der Seitenmitte und die Entbindung von jeglichem Kontext stehen die Motive für sich selbst.
Ein Beispiel ist die Seite zu dem 4. Kapitel mit dem Titel Racing Towards Something. Das Motiv zeigt lediglich einige feine weiße, verästelte und jeweils sehr kurze Linien in einer vertikalen Anordnung. Das Motiv in genau dieser Darstellung taucht in der Erzählabfolge so zum ersten Mal auf. Man kann es also keinem expliziten Gegenstand des fiktiven Universums zuordnen. Auch wenn man durch Ähnlichkeiten zu bereits erfolgten Darstellungen von rissiger, sich schälender Haut bereits eine Ahnung hat, worauf sich das Motiv bezieht, überwiegen die ikonischen Merkmale dieses Zeichens.
Zu einem späteren Zeitpunkt in der Rezeption kann man das Zeichen jedoch eindeutig als den sich häutenden Rücken der Figur Chris Rhodes identifzieren. Ab diesem Moment überwiegt die Verbindung zu dem tatsächlichen Aussehen einer Häutung und somit der indexikalische Anteil des Zeichens.

Fast alle der Kapitelunterteilungen funktionieren nach diesem Prinzip von Verschiebung der Zeichenkategorien.
Betrachtet man die Interpretationsfähigkeit der Rezipienten angesichts der Motive und der ihm eigenen kulturellen Konventionen, kann auch ein überwiegend symbolischer Charakter mancher Zeichen gesehen werden. Das immer wieder in verschiedenen Variationen verwendete Motiv eines Lochs fungiert als Metapher und somit symbolisches Zeichen für das weibliche Geschlechtsteil.

Dass die Zeichen in Charles Burns „Black Hole“ nie einseitig sind, trägt zu einem diffusen Eindruck von Unsicherheit und Fremdheit bei. Da man nie sicher sagen kann, worauf ein Zeichen referiert, wird eine Art ungewisser Orientierungslosigkeit hervorgerufen.

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[1] Winfried Nöth: „Bildsemiotik“, in: Bildtheorien – Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Sachs-Hombach, Klaus (Hg.), Frankfurt a.M. 2009

4 Responses

  1. Danke für diesen Einstieg in Ihre Analyse!

    Gegenständliche Malerei wird m.E. gewöhnlich nicht als typisch indexikalische, sondern als typisch ikonische Zeichenverwendung dargestellt. Anders als bei der Photographie gibt es keinen realen, kausalen, also indexikalischen Mechanismus, durch den das Bild in einen Bezug zum dargestellten Objekt gebracht würde, sondern ersteres ähnelt letzterem.

    Entsprechend bin ich nicht sicher, ob in Ihrem Beispiel wirklich im Laufe des Comics eine Verschiebung zur Indexikalität stattfindet. Wenn ich recht verstehe, beschreiben Sie, dass wir zunächst nicht wissen, was die Linien auf der Fläche darstellen sollen — hier wäre das Objekt unbekannt oder nur sehr unmittelbar, durch die graphische Qualität gegeben. Später erkennen wir, dass damit Haut gemeint ist: Aber auch hier steht das Bild, soweit ich das verstanden habe, nicht in einer realen Beziehung zu irgendeiner realen Haut, sondern bezieht sich durch Ähnlichkeit auf sie. Wenn das immer wieder passiert, entwickelt sich dann darüber hinaus eine Regel, wonach ich das Bild nicht nur als ähnlich der Haut, sonder auch als ähnlich den anderen Bildern von der Haut erkenne.

    Mit Peirce ließe sich das als drei Arten von ikonischen Zeichen beschreiben: ein rhematisch-ikonisches Sinzeichen, das nur ein Aussehen präsentiert, ohne damit einem anderen Objekt mit diesem Aussehen zu ähneln; dann dicentisch-ikonische Sinzeichen, die auch beim einzelnen (sin-gulären) Vorkommen eine Ähnlichkeit zu dem Objekt unterhalten; und dicentisch-ikonische Legizeichen, die für ihre Ähnlichkeitsbeziehung bereits eine zusätzliche Regel (ein leg-ales ‚Gesetz‘) erfüllen, nämlich, dass das Bild wie frühere Bilder auszusehen hat.

    Die Darstellung in Nöths Handbuch der Semiotik (2. Aufl.), Kap II.1, in dem die Zeichenklassen einzeln erklärt werden, finde ich für diese hakeligen Diskussionen und Definitionen sehr nützlich. Die Frage, welche Veränderungen an den wiederholten Zeichen stattfinden, ist auf jeden Fall sehr spannend und vielversprechend, wie ich meine.

    1. Vielen Dank für die hilfreiche Korrektur! Ich hatte gedacht, den Text in Sachs-Hombachn richtig verstanden zu haben. Aber mein Kopf hat Peirce wohl zu sehr vereinfacht und dabei ist dann eine Fehlverbindung entstanden.
      Sie hatten mich jedenfalls mit meinem Beispiel richtig verstanden. Ich versuche, mit meinem nächsten Beitrag das nochmal durchzugehen (dann hoffentlich weitgehende korrekt) und werde auch zwei entsprechende Beispiele aus dem Band hochladen, um deutlicher zu machen, wo von ich spreche.

  2. Genau, da ich nicht der allergrößte Fan vom Peirceschen Zeichenbegriff bin (es versetzt mich einfach nicht in große Freude, diese Kategoresierungen vorzunehmen), wäre es gerade für mich zum Nachvollziehen deiner Argumente sehr sinnvoll, die Seite, auf die du bei deinem Beitrag eingehst, hier abzubilden! Dies gilt, denke ich, auch für deine übergeordnete Fragestellung. So kann sich jeder ein Bild davon machen, worüber du schreibst 🙂

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