Erzählen in einem Open-World Computerspiel? – Ein großes virtuelles Theater

Bevor ich mich einem expliziten Beispiel aus der Haupthandlung widme, möchte ich das Spiel vorerst unabhängig der Story und beschreiben und dabei der Frage nachgehen, ob es auch außerhalb der Haupthandlung erzählt. Bei GTA V handelt es sich um ein Open-World Spiel (engl. free to roam). Das heißt grob zusammengefasst, dass sich der Spieler von Beginn an in einer offenen Spielwelt bewegen kann, in der er große Bewegungsfreiheit genießt.

Die Ausgangslage meiner folgenden Untersuchung ist folgende: Man stelle die Spielfigur auf irgendeinen belebten Punkt auf der riesigen (schätzungsweise 450m² großen) virtuellen Spielwelt. Auch wenn die Spielfigur nicht bewegt wird, wird dem Spieler Einiges dargeboten: Autos fahren, Menschen laufen, telefonieren oder trinken Kaffee.

Screenshot GTA V
GTA V bietet dem Spieler eine lebendige Spielwelt: Leute gehen spazieren, trinken Kaffee oder benutzen ihr Smartphone

Nach der Definition von Lessing kann man immer dann von einer Erzählung sprechen, wenn Handlung dargestellt wird. Betrachtet man das virtuelle Leben in der Spielwelt von GTA V kann man nach dieser Definition durchaus von einer Erzählung sprechen. Auch wenn das Spiel gerade nicht die Haupthandlung wiedergibt, so erzählt es doch insofern, da es dem Spieler durch das Verhalten der Menschen eine Handlung darbietet.

In folgendem kleinen Exkurs möchte ich einen weiteren Gedanken zu Lessing und dem Medium Videospiel äußern: Ich habe mir die Frage nach dem Verhältnis der Erzählung zum Videospiel gestellt? Ist ein Videospiel geeignet, um zu erzählen? Stehen Videospiel und Erzählung in einem bequemen Verhältnis? Um dieser Frage nachzugehen, werde ich das Medium Videospiel folgend beschreiben: Es handelt sich um bewegte Bilder, die einen virtuellen Raum darstellen, in den man mit seiner Spielfigur interaktiv eingreifen kann. Um die Frage nach dem Verhältnis zu beantworten, muss man in Betracht ziehen, wie Lessing bewegte Bilder einordnet. Freilich kannte Lessing weder Fernsehen, geschweige denn Computerspiele. Als einziges Medium, das bewegte Bilder darstellte kannte Lessing das Theater. In ihm sieht Lessing das perfekte Medium, um zu erzählen. Schließlich ist es weder auf Diachronie (Zeichen hintereinander; Poesie) oder Synchronie (Zeichen nebeneinander; bildende Kunst) beschränkt, sondern vereinigt beides in sich.

Greift man diesen Gedanken auf und bezieht ihn auf das Medium Computerspiel kann man zu dem Schluss kommen, dass dem Spieler in der virtuellen Welt, in der Handlung stattfindet ein Theater geboten wird. Der Spieler betritt mit seiner virtuellen Spielfigur eine riesige Bühne, auf der er sich frei bewegen kann. Demnach steht das Medium Videospiel mit der Erzählung in einem äußerst bequemen Verhältnis.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nach der Theorie Lessings das Computerspiel durchaus ein Medium sein kann, dass sich für Erzählungen eignet. In GTA V finden dadurch, dass einem durchgehend Handlungen geboten werden stets Erzählungen statt – auch abseits der Haupthandlung. In meinem nächsten Beitrag werde ich auf die Haupthandlung, sowie das Missionsdesign eingehen.

Literatur:

Lessing, Gotthold E.: „Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie.“ In: Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Lessing. Laokoon. Stuttgart: Reclam 2012.

2 Responses

  1. Danke dafür — die Engführung zum Lessingschen Theaterbegriff finde ich sehr spannend, unerwartet und dabei plausibel.

    Vielleicht lässt sich hier eine produktive Brücke zu dem Thema zur Schlacht am Ulaifluss nebenan schlagen, die über die ergodische Erschließung von Raum durch Handlung führt?

  2. Ich habe in meinem dritten Beitrag ähnliche Themen gestreift. Ganz besonders interessant finde ich die Frage, inwieweit verschiedene Spiele ohne Eingabe des Spielers immer noch erzählen, welche Funktion der Spieler genau übernimmt. Ich schätze hier sind GTA und TWD doch sehr verschieden.

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