Lessing 2.0: Was macht einen Stop-Motion-Film aus?

Dieser Beitrag wird sich mit der theoretischen Sichtweise auf die Form des Stop-Motion-Films beziehen. Ganz sachlich betrachtet haben wir in meinem Analysebeispiel „Her Morning Elegance“ eigentlich keine bewegten Filmaufnahmen, sondern nur aneinandergereihte Fotos zu betrachten. Besser gesagt 2096 Bilder, die größtenteils aus der gleichen Perspektive aufgenommen wurden. Doch wie können diese Bilder erzählen?
Bei einem Stop-Motion-Film werden die Protagonisten beziehungsweise Objekte des Films von Bild zu Bild minimal verändert oder bewegt. (vgl.: Michael Klant, S. 284) Michael Klant wirft den Begriff „Pixilation“ (aus dem englischen: pixilated: verrückt, angeheitert) ein und definiert diesen als: „Technik des Stop-Motion-Animationsfilm mit schrittweise bewegten und fotografierten Personen“ (Michael Klant (2012): S. 281) Er betont, dass die Pixilation durch die fein ausgearbeiteten und animierten Bewegungsstrukturen der Personen einem Realfilm ähnelt. Oftmals werden dabei skurrile Aktionen wie Schwebeeffekte erzeugt (vgl. S. 96). Diese lassen sich auch im Musikvideo „Her Morning Elegance“ erkennen. Wenn die Hauptfigur beispielsweise ab 0:20 beginnt zu laufen und die Treppe heruntergeht. Die Bilder werden bei einem Stop Motion Film so kontinuierlich projiziert, dass im Nachhinein eine zusammenhängende Bewegung entsteht. (vgl: Theo Bender und James zu Hüsingen: „Stop Motion“ )
Im folgenden Video ist das Making of zu „Her Morning Elegante zu sehen“:

Gotthold Ephraim Lessing unterteilt in seinem Werk Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie (hier wird die Reclamausgabe, Stuttgart 2012, Herausgeber: Friedrich Vollhardt verwendet) sogenannte Raum- und Zeitmedien (vgl. Lessing (2012): Kapitel 16, Seite 115 ff.). Ein Dichter könne die Zeitfolge darstellen, also all das, was aufeinander folgt und dadurch stelle er Handlungen dar. Im Gegensatz dazu steht die Malerei, die als Raummedium ihre Farben und Formen nebeneinander zeige. Aus diesem Grund drücke die Malerei nur Gegenstände aus, jedoch keine Handlungen. Bilder sind also synchron, Erzählungen jedoch diachron.
Die Mahlerey kann in ihren coexistierenden Compositionen nur einen einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muß daher den prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am begreiflichsten macht.“ (Lessing (2012): S. 116).
Damit Bilder anfangen können zu erzählen, müssen sie also entweder einen prägnanten Augenblick darstellen, oder nebeneinander beziehungsweise wie in meinem Beispiel hintereinander gezeigt werden. Ansonsten sieht Lessing Bilder nicht als erzählendes Medium an.
In meinem Beispiel zählen für mich die Musik zu den Zeitmedien und die statischen Fotos zu den Raummedien. Dadurch, dass sie aber nacheinander auftreten und sich immer wieder weiter ergänzen, verändern und vervollständigen, beginnen sie meiner Meinung nach zu erzählen.
Durch die schnelle Abfolge der Fotos entstehen Bewegungen, die sich wie bei einem Gedicht oder einer Erzählung nacheinander entfalten und sich immer weiter entwickeln. Der Betrachter muss dem ganzen Geschehen von Anfang bis zum Ende folgen, um die Handlung zu verstehen.
Würde der Rezipient nur ein einzelnes Foto betrachten, so könnte er sich keine Geschichte darunter vorstellen. (Unter folgendem Link kann man sich jedes einzelne Bild anschauen: http://www.hmegallery.com/photos.php)

Literaturverzeichnis:
Bender, Theao & zu Hüningen, James: Stop Motion, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=3289, Stand: 13.12.14.
Klant, Michael: Grundkurs Film 3: Die besten Kurzfilme. Braunschweig: Schroedel 2012.
Lessing, Gotthold Ephraim: „Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie“. In: Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Lessing. Laokoon. Stuttgart: Reclam 2012.

5 Responses

  1. Danke für den sehr einleuchtenden Einstieg in die Analyse! Was gilt es jetzt weiter herauszufinden?

    (Vollhardt heißt der Mann, nicht Vollbart 😉 — Autokorrektur?)

  2. Ja… das war die Autokorrektur…. Er heißt Vollhardt…

    Weiter analysieren möchte ich im nächsten Schritt die eingesetzten Alltagsgegenstände, die zweckentfremdet werden, wir sie jedoch trotzdem zuordnen können. Dabei möchte ich auf die Semiotik von Nöth eingehen. An einer präzisen Fragestellung feile ich noch. Ich könnte mir vorstellen, mich damit zu beschäftigen, inwiefern Dinge erzählt werden, die gar nicht gezeigt werden. Was ich da sehr spannend finde ist die Szene in der „Fahrrad gefahren“ oder die Socken als Fische und Kissen als Wolken.

  3. Was ich hier interessant finde, ist Beziehung Bild – Liedtext. Erzählen die Bilder auch ohne die gesungene Erzählung? Erzählen sie etwas anderes? Könnte man auch einen komplett anderen Text darüber legen, und den Inhalt, die story dadurch verändern?

  4. Danke für deine Anmerkung. Die Untersuchung der Beziehung von Bild und Liedtext wollte ich noch mit Chatmans story und discourse untermauern und sollte in den kommenden Wochen noch eine Rolle spielen. Ist aber ein sehr wichtiger Punkt, da gebe ich dir Recht.
    Was meinst du? Ich finde schon, dass Bild und Liedtext auch getrennt voneinander funktionieren würden. Ich finde jedoch, dass sie sich an vielen Stellen ergänzen. Beispielsweise die Szene mit dem Cello.

    1. Ich denke auch, dass das Video ohne das Lied funktioniert. Allerdings nur eingeschränkt, denn es wird nicht mehr die gleiche Geschichte erzählt. Der Rezipient ist sehr viel freier in seiner Interpretation, weil ihm sprachlich nichts mehr vorgegeben wird. Und das Video ist natürlich trockener ohne musikalische Untermalung.
      Also alles in allem: das Video funktioniert auch ohne das Lied (wenn auch anders); das Lied funktioniert natürlich auch ohne das Video. Zusammen ergänzen sie sich wunderbar

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