„Wo? Wo?“ – Chatman bei Asterix

Draufhauen, was das Zeug hält. Das ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Gallier, wenn sie sich wieder einmal gegen die Feinde zur Wehr setzen müssen. Besonders Obelix scheint daran großen Gefallen zu finden. So kommt es, dass Panels wie dieses aus Asterix bei den Olympischen Spielen keine Seltenheit in den Comics darstellen. Jedoch funktioniert ein solches Bild nicht von alleine. Erst der Rahmen der Handlung, des Comics und dessen Regeln lassen den Betrachter den Inhalt verstehen. Was hier bilderzählerisch geschieht, möchte ich im Folgenden kurz zu erläutern versuchen.

Asterix und Obelix sitzen rudernd nebeneinander, als Asterix eine Piratengaleere entdeckt.
„Eine Piratengaleere!“ „Wo? Wo?“ – Ohne das Bild fehlen wichtige Bestandteile einer Szene im Comic.

Diese Art der zeichnerischen Umsetzung einer per se nacheinander ablaufenden Interaktion zwischen Charakteren, also einer Handlung, eignet sich gut dafür, um einen Versuch zu starten, Chatmans Erzählbegriffe auf den Comic anzuwenden. Der Begriff der Story beschreibt bei Chatman, was in einer Erzählung geschieht, also die Handlungen und Ereignisse einer Geschichte (vgl. Chatman 1978, S. 19). Dementsprechend zeigt dieses Panel für sich einerseits die Entdeckung eines feindlichen Piratenschiffs seitens Asterix und andererseits die dazugehörige, von Vorfreude geprägte Reaktion von Obelix darauf.

Der Discourse hingegen, beschreibt wie diese Vorgänge dargestellt werden. Also welche Methoden eingesetzt werden, um dem Leser die Story zu vermitteln (vgl. Chatman 1978, S. 19). Diesbezüglich lassen sich im Panel verschiedene Elemente feststellen. Erzählt wird die Handlung zum einen durch Schrift, die in ihrer Typographie so gewählt ist, dass sie die Dringlichkeit und Freude der Konversation passend zum Ausdruck geben kann. Zum anderen suggerieren Linien, beispielsweise an Asterix’ Helm-Flügeln oder seiner rechten Hand folgend, Bewegung im Bild. Am auffallendsten sind jedoch die zwar unvollständigen aber dicht aufeinander gelegten Abbildungen von Obelix’ Kopf. Im Comic wird eine solche Art der Abbildung regelmäßig verwendet, um äußerst schnelle und drastische Bewegungen übertrieben deutlich darzustellen.

Die ganze Bildkomposition hat für mich allein durch die Anordnung der Figuren und der Sprechblasen ein eindeutig erzählerisches Element. Die zuerst sprechende Figur und deren Sprechblase sind in der linken, oberen Hälfte des Bildes positioniert, die in der Handlung nachfolgende Figur hingegen, in der rechten, unteren Hälfte. Somit ist die Anordnung der Bildelemente chronologisch von links nach rechts und von oben nach unten vorgenommen worden und entspricht dadurch der europäischen Leserichtung.

Nun könnte man sich die Frage stellen, warum sich Goscinny und Uderzo nicht dazu entschieden haben, diese Handlung in zwei separaten Panels abzubilden, denn denkbar wäre es. Eine sichere Beantwortung dieser Frage ist zwar unmöglich, jedoch scheint mir, dass die Schnelligkeit dieser Interaktion erst durch diese komprimierte Darstellung in einem Panel richtig zum Ausdruck gebracht wird, weswegen eine Aufspaltung der Handlung in einzelne Bilder unnötig wird und außerdem den erzielten Effekt der gewählten Form nicht ausschöpfen würde.

Literatur: Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. London 1978, S. 13-42.

Bildquelle: Goscinny, René; Uderzo, Albert: Asterix bei den Olympischen Spielen. Berlin 2002, S. 19.

4 Responses

  1. Danke für die interessante Probeanalyse!

    Sie behaupten eingangs, das Bild funktioniere für sich alleine nicht. Im Folgenden demonstrieren Sie aber, wie viel doch funktioniert. Kann man genauer angeben, *was* bei dem Einzelbild allein nicht funktioniert?

    Und: Lässt sich schon eine erste Formulierung dazu abgeben, was es bei diesem Projekt insgesamt herauszufinden gilt?

    1. Meine Formulierung, dass das Panel alleine nicht funktioniere, bezieht sich auf den größeren Kontext des Comics. Warum sind Asterix und Obelix auf dem Schiff? Wohin sind sie unterwegs? Wie lässt sich Obelix Reaktion erklären? Das sind Fragen, die ohne zusätzliche Panels oder weiteres Vorwissen um die Comics, nicht ohne Weiteres zufriedenstellend beantwortet werden können. Meine Ausdrucksweise war diesbezüglich ungenau. Vielen Dank für den Hinweis.

      Ihre zweite Frage betreffend, würde ich gerne Asterix daraufhin untersuchen, inwiefern Erzählbegriffe, die ursprünglich aus der Literatur stammen, bildlich dargestellt werden. Auf der Grundlage dessen möchte analysieren, ob und wie der Comic als erzählendes Medium kategorisiert werden kann.

  2. Ich finde den ausgewählten Panel (oder heißt es „das Panel“?) sehr gut geeignet für eine Analyse dieser Art, die Comics in Bezug auf ihre Erzählfähigkeit untersuchen möchte. Dieses Beispiel (auch ohne die Sprechblasen) benötigt nicht einmal den vor- und nachfolgenden Panel, um Dynamik auszudrücken und stellt somit, finde ich, schon eine Handlung dar. Das Beispiel dient also nicht bloß der Comic- sondern sogar der allgemeineren Bildanalyse wunderbar. Es zeigt genau das, was Lessing meiner Meinung nach mit seinem Ausnahmefall des prägnanten Augenblicks zu erklären versuchte.

    1. Vielen Dank für die Rückmeldung. Ich habe das Panel genau aus den von Dir angeführten Gründen ausgewählt, da es sich meine Meinung nach zur Analyse gut eignet und den zusätzlichen Faktor der Schrift nicht unbedingt nötig hat.

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