Das Problem einer Fragestellung und Chatmans Erzählbegriff

Für meine Analyse einen Corpus und eine übergeordnete Fragestellung wirklich festzulegen, schien mir gar nicht so einfach. Dadurch, dass ich nur einen bestimmten Ausschnitt des ganzen Films gewählt habe, habe ich meinen Analysegegenstand schon mal von vornerein spezifischer bestimmt.
Um weiter einzugrenzen, habe ich mir die folgende Frage gestellt: Was ist das Besondere, wieso ich dieses Beispiel genommen habe? Denn es muss schließlich einen triftigen Grund geben, warum mir dieser Gegenstand für eine Medienanalyse geeignet schien.

Das Besondere, was mich an dieser Sequenz fasziniert hat, ist die Einbettung einer animierten und somit zum Rest völlig abgegrenzten Sequenz in den Film. An dieser Stelle haben wir es mit mehreren Ebenen der Geschichte zu tun, was dem Filmzuschauer deutlich gezeigt wird.

In der Literatur kommen solche Binnenerzählungen häufig vor, da sie – pauschal gesagt – durch einfache Absätze oder ein paar gezielte Worte gut in den Kontext der Rahmenhandlung eingebettet werden können. Im Film ist das schon schwieriger. Filme sind viel komprimierter als Bücher, somit kann eine Binnenerzählung oft nicht den Platz einnehmen, wie sie es vielleicht in einem Buch kann. Häufig werden sie also bei Buchverfilmungen weggelassen.

Im Fall des Märchens von den drei Brüdern wurde nun entschieden, die Erzählung vollständig, wenn auch nicht wortwörtlich, auch in den Film zu übernehmen. Es wäre sicherlich auch möglich gewesen, sie zu paraphrasieren oder anders einzubinden. Anscheinend waren also die Autoren/der Regisseur/wer auch immer dafür verantwortlich war der Meinung, dass die Geschichte auch in Bildern erzählt werden soll.
Somit möchte ich mich mit der Frage beschäftigen:
Mit welchen erzählerischen und stilistischen Mitteln wird die Geschichte in der Geschichte im Film eingefügt?
Ich bin mir allerdings fast sicher, dass ich diese Frage im Laufe meiner Analyse nochmals modifizieren werde, so wie ich vermutlich auch meinen Analysegegenstand noch auf bestimmte Aspekte zuspitzen werde.

 

Anfangen möchte ich zunächst mit der Anwendung eine Erzählbegriffes.

Während Lessing einen sehr weitgefassten Erzählbegriff hat und Rancière einen engeren, siedelt sich der von Seymour Chatman in der Mitte an. Daher werde ich diesen im Folgenden anwenden.

Erzählen lässt sich nach Chatman als Zeichenverhältnis von story (histoire) und discourse definieren. Story bezeichnet das „was“, den Inhalt einer Erzählung, discourse hingegen das „wie“, den Ausdruck der Erzählung. Von diesen zwei Begriffen ausgehend differenziert Chatman noch weiter aus, aber dies soll hier außen vor gelassen werden.

Da das Märchen in den Kontext des Films eingebettet ist, haben wir es hier tatsächlich noch mit einer doppelten Zeitstruktur im anderen Sinne zu tun.

Einmal gibt es die Rahmenhandlung: Harry, Ron, Hermine und Xenophilius Lovegood sitzen im Haus und lesen das Märchen. Das ist die story. Der discourse ist, dass uns diese Begebenheit über die Bilder des Films vermittelt wird.

Das Märchen selbst nun, also die Binnenhandlung, lässt sich wiederum nach story und discourse aufteilen. Die story ist auch hier wieder der Inhalt, die Geschichte der Brüder. Nun gibt es aber zwei mögliche discourse. Einmal haben wir auch hier Bilder, die uns die story zeigen. Auf anderen Seite wird uns die Geschichte gleichzeitig vorgelesen. Der discourse sind also auch die Worte, die wir hören.

Für Chatman lassen sich story und discourse trennen. Für eine story kann es wie hier mehrere discourse geben. Laut Saussure, auf dessen strukturalistisches Modell sich diese Zweiteilung bezieht, wäre das nicht möglich.

Für mich hat sich an dieser Stelle die Frage gestellt, ob diese beiden discourse unabhängig voneinander also wirklich als zwei getrennte oder nur zusammen und somit doch eher als einer funktionieren?

Die Heiligtümer des Todes. Lässt sich das aus dem Bild so erkennen?
Die Heiligtümer des Todes. Lässt sich das aus dem Bild so erkennen?

Für den auditiven Teil ist das leicht zu beantworten. Das Märchen wird in der Rahmenhandlung vorgelesen. Die Figuren dort haben außer ihrer eigenen Phantasie keine Bilder vor Augen. Da es aber gerade der Zweck der ganzen Erzählung ist, dass sie sie verstehen, bilden story und dieser discours ein Ganzes. Das gilt auch wenn die Zuschauer (wir) und nicht die anderen Figuren die Rezipienten sind.

Die animierte Sequenz anzuschauen und zu verstehen, ohne die entsprechenden Erklärungen dazu, ist hingegen schon schwieriger. Dies kann ich nur als Behauptung so hinstellen, da es mir nun nicht mehr möglich ist, die Geschichte ohne die Hintergrundinformationen anzuschauen. Meiner Meinung nach würde man den Grundkern der Erzählung auch weiterhin verstehen, nur ihren Zweck nicht. Somit würde an dieser Stelle der Zusammenhang fehlen. Die Bilder allein könnten also zwar erzählen, aber eben nicht alles erzählen.

 

Quelle: Seymour Chatman: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. Cornell University Press, London, 1978
Bildquelle: http://harrypotter.wikia.com/wiki/The_Tale_of_the_Three_Brothers?file=Peverell_brothers_with_the_Deathly_Hallows.jpg

2 Responses

  1. Ich finde deine Aufteilung in story und discourse sehr gut. Für mich sind in der Märchenerzählung gerade im Medium Film die Laute und die Bilder in der discourse-Ebene nicht trennbar. Allein könnten die Bilder nicht erzählen, die Worte vielleicht schon, dabei ginge aber vielleicht die bedrohliche Stimmung und der Ausdruck der Szene verloren.
    Für mich persönlich ist das animierte Märchen ein deutlicher Bruch in der Erzählstruktur. Mir ist dabei sofort die Frage gekommen, auf welcher Ebene wir uns dabei befinden und würde die Begriffe extradiegetisch und intradiegetisch nach Genettes einwerfen. Was meinst du dazu? Beim extradiegetischen Erzähler wendet sich dieser direkt an den Erzähladressaten. Siehst du die extradiegetische Erzählung als die Erlebnisse von den drei Hauptprotagonisten Harry, Ron und Hermine oder gibt es noch eine Instanz darüber? Oder ist die Erzählung des gesamten Films bereits intradiegetisch – also die erste Handlings- und Geschichtsebene und das Märchen damit metadiegetisch?

  2. Danke für die sehr klare Grundlegung der Analyse!

    Das Buch habe ich vor etlicher Zeit gelesen und den Film gar nicht gesehen. Erinnere ich mich bzw. verstehe ich recht, dass der im Buch wiedergegebene Text aus einem in der erzählten Welt, in der Potter lebt, existierenden Buch stammt, Potter diesen Text also so lesen kann — während im Film einerseits der Buchtext existiert, aber nicht komplett gezeigt wird, den Potter & Co. lesen, der Inhalt dieser Erzählung aber durch filmische Bilder wiedergegeben wird, die Potter & Co. nie zu sehen bekommen?

    Dann wäre offenbar der discourse im Film für beide Teile extradiegetisch, und nur die story wäre für die Erzählung von den drei Brüdern intradiegetisch, während im Buch auch die story der Binnenerzählung intradiegetisch ist?

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