Weiterführende Überlegungen (Wandel Kunstbegriff)

Welche Faktoren haben einen Einfluss auf die Veränderung des Kunstbegriffes?
Der Einbezug von gesellschaftlichen Ansichten, der Einstellung der Künstler, deren Wandel in Technik und Motivgestaltung sind für die Beantwortung dieser Fragestellung notwendig.
Im Folgenden stelle ich verschiedene Ideen vor, welche zu einer expliziteren Spezialisierung meiner Analyse ab dem nächsten Beitrag führen sollen.

Das ästhetische Regime definiert nach Rancière Anforderungen, welche erfüllt werden müssen, um den Begriff „Kunst“ zu beschreiben. Materialverwendung und der Effekt, welcher bei dem Betrachter des Bildes ausgelöst werden, stehen stärker im Vordergrund, als der ursprüngliche Zweck, mit dem Dargestellten eine Geschichte erzählen zu können.
Der Kunstbegriff ist wandelbar und entwickelte sich mit der Zeit immer weiter, viele Definitionen wurden geschaffen- doch rührt die Wertung des Objektes als Kunst nicht vielmehr da her, was der individuelle Beobachter für geschmackvoll hält?
Im Verlauf der Analyse möchte ich herausfinden, ob die über die Zeit aufgestellten Kriterien noch gelten, wie sie sich verändert haben, ob man Kunst überhaupt definieren kann und dies anhand verschiedener Quellen prüfen.
Insbesondere die moderne Kunst werde ich mit Rancières Äußerungen vergleichen und herausfinden, ob unter Anderem seine Beurteilung, die Kunst benötige einen Blick, welcher sie als Kunst wahrnehme, überwiegend zutreffend ist.
Die Kunst der Gegenwart am Beispiel der Werke von Jeff Koons werde ich direkt mit der Epoche des Barock vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen, was sehr gut durch seine Ausstellung aus dem Jahre 2008/09 möglich ist, welche in dem geschichtsträchtigen, prunkvollen Palast in Versailles statt fand und auf viel Kritik stieß.
Die kontrastreichen Werke, welche vor Ort aufeinander trafen, hatten verschiedene Auswirkungen aufeinander und brachten ganz neue Darstellungsformen auf.

Der Medienrummel, welcher durch die Ausstellung ausgelöst wurde, war gewaltig, die Marketingstrategie scheinbar erfolgreich. Doch die festlichen, neuartigen Werke von Koons sind mit ihrer glänzenden und dekorativen Ausstrahlung gar nicht so weit entfernt von den Merkmalen des Barock, mit welcher der Sonnenkönig seine Macht auszudrücken versuchte.

Welche Objekte von dem schrillen Künstler in welchen gut ausgewählten Räumen des Schlosses präsentiert wurden und was die räumliche Umgebung in dem medialen Zusammenspiel auslöste, werde ich in meinen folgenden Beiträgen behandeln. Kann die Gegenüberstellung von „Altem“ und „Neuem“, welche durch die Analyse erschlossen werden soll, die sich wandelnden Gedanken der Gesellschaft zum Thema Kunst widerspiegeln?

Der Dialog zwischen Koons Skulpturen und den umgebenden Räumlichkeiten ist spannend, beispielsweise wählte er den Raum von Porträts des Sonnenkönigs als Ort für sein eigenes Selbstporträt, welches laut ihm mit der gegenwärtigen Monumentalität in Zusammenhang stünde.
Koons´ Arrangement der Werke und was er bei den Betrachtern auslösen möchte, werden eine Grundlage für die Auswertung der gegenwärtigen Anforderung an Kunst aus Perspektive des Machers bilden.
Der Bezug von Macht und Reichtum, welchen ich in meinem vorigen Beitrag erwähnte, zu dem heutigen Kunstbegriff und dem gewählten Ausstellungsort, wird unterstrichen durch den Hauptsponsor- Milliardär Francois Pinault, welcher selbst großer Fan und Sammler des Amerikaners ist und mit dem Event auch den Marktwert seiner Objekte steigern wollte.

 

 

Quelle: Rancière, Jaques, „Die Malerei im Text“, Politik der Bilder, Zürich/Berlin, 2005

5 Responses

  1. Cooles Thema ! Ich hab mir gerade die Bilder der Ausstellung in Versailles angeschaut und bin echt beeindruckt, vor allem weil die Skulpturen so unterschiedlich sind. Ich finde es interessant wie gut Koons Werke zu Versailles passen, vor allem der pinke Hund.
    Erinnert mich an die Ausstellungsreihe Eiserner Vorhang der Wiener Staatsoper , Dort gestaltet jedes Jahr ein neuer Künstler den eisernen Vorhang der Bühne. Jeff Koons hat den eisernen Vorhang, der ziemlich groß ist, vor einigen Jahren auch gestaltet.
    Wie in Versailles treffen dort auch zwei Welten aufeinander.

  2. Ich bin sehr gespannt darauf, mehr über die Art zu erfahren, wie die Kunst von Jeff Koons repräsentiert wird und sie folglich erzählbar macht. Darüber hinaus frage ich mich, ob so nicht nur eine Geschichte erzählt werden kann und dabei Altes und Neues miteinander verbunden werden können, sondern ob auch die Geschichte alt und neu in Relation zueinander setzt. Ist also Kunst als diskursives Objekt sozusagen story und history zugleich und damit nicht einfach bloße Repräsentation der Wirklichkeit? Hierbei erscheint mir auch der Zusammenhang der künstlerischen Einteilung des Wahrnehmungsraumes mit nicht-künstlerischen ästhetischen Einteilungen spannend. Ist dadurch eine neue narrative Form entstanden, die durch Reflexion von Geschichte und Geschichten dazu fähig ist, diese komplexen Wahrnehmungsbeziehungen zur Wirklichkeit zu beschreiben? Deshalb finde ich es besonders interessant, gerade diesen Beziehungen zur Kunst Koons‘ nachzugehen, also zu untersuchen, wie die Repräsentation seiner Kunst das bestimmt, was wir nun sehen können (was zuvor nicht sichtbar war). Wird zunächst das narrative Potenzial der Kunst erkennbar, damit Kunst als Kunst – ihr Tun, Sehen und Sagen sichtbar wird? Wodurch genau wird dieser Bruch ästhetisch überschritten und wie kann dabei überhaupt eine privilegierte Interpretationsfreiheit aufkommen?

  3. Danke für das ungeheuer reiche Thema!

    Gerade da es so vielfältig ist: Lässt sich Ihre Frage noch weiter fokussieren? Wie könnten mögliche Antworten aussehen?

  4. Als ich mir die Kunstwerke von Koons in Versailles angeschaut habe, war komischerweise mein erster Eindruck, dass die Exponate und das Umfeld (also das repräsentative und das ästhetische Regime der Kunst/Künste) super harmonieren. Der Stilbruch wurde für mich erst deutlich, als ich mir die Wandgemälde genauer angesehen habe.
    Ich denke, man kann diese Kunstwerke in diesem Umfeld durchaus als Persiflage des üppigen Lebens des Sonnenkönigs Louis XIV betrachten.
    Wie haben denn die üblicherweise doch relativ nationalstolzen Franzosen auf die Ausstellung/Verunglimpfung reagiert?
    Die Schwierigkeit der Definition von Kunst (für alle, die nicht mit Rancière vertraut sind) im ästhetischen Regime der Künste wird an diesem Beispiel auch deutlich. Zumindest ich stelle mit die inzwischen wohl ziemlich verbreitete Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

  5. Wenn Kunstwerke verschiedener Epochen in einem Museum einander gegenüber gestellt werden, spricht man in der Museumspädagogik von einem „Dialog“, der zwischen den Werken hergestellt werden soll.
    Vielleicht könnte man sich einen „Dialog“ aus Versailles heraussuchen und fragen, was sich die Werke über den Kunstbegriff ihrer Entstehungszeit zu erzählen haben. Man könnte dann fragen, ob ein Dialog zu Stande kommt und wenn ja, was der Betrachter aus dieser Erzählung mitnehmen kann.

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