Black Hole #4: Semiotik nach Peirce – Ein zweiter Versuch

Mein erster Versuch, die Kapitelmotive im Verhältnis zu ihrem weiteren Auftauchen in Verlauf des Comics zu untersuchen, soll nun korrigiert werden. Dazu muss jedoch angemerkt werden, dass eine Zeichen-Kategorisierung nach Pierce immer vom Blickwinkel abhängt. Der Weimarer Medienwissenschaftler Lorenz Engell spricht dabei in einer seiner Vorlesungen über Peirces Semiotik von mehreren „Schichten freilegen“(1). Man könne innerhalb eines Zeichens wiederrum einzelne Unterdifferenzierungen in grundlegendere und darauf aufbauende Aspekte unternehmen. Auch zeigt Engells, dass Peirce sein Gerüst nicht starr und statisch konstruiert, sondern dass Zeichen von ihm auch als Prozess oder „Entwicklung“(2) gesehen werden, welche Zwischenstadien und verschiedene Transformationen durchlaufen(3).

In Black Hole werden zur Unterteilung der Kapitel bzw. zur Deutlichmachung der ursprünglich einzeln erschienenen Teilbände singulär stehende Motive auf schwarzem Hintergrund den Kapiteln vorangestellt. Ich werde nun zum 1. Kapitel genannte Eingangsmotive genauer untersuchen.

1. Kapitel, 1. Motiv
1. Kapitel, 1. Motiv

Wie in einem Kommentar zum letzten Artikel angemerkt wurde, kann man das erste Auftauchen des Motivs als ein rhematisch-ikonisches Sinzeichen sehen. Nach der hierarchisch „niedrigsten“ Stufe des rhematisch-ikonischen Qualizeichens ist dies die einfachste Form, die ein tatsächlich qualitativ wahrnehmbares Zeichen annehmen kann. Es stellt bestimmte wahrnehmbare Aspekte aus, welche jedoch noch nicht mit einem realen Objekt in Verbindung stehen. Man kann wahrnehmen, dass es sich um eine Art Schlitz oder Loch handelt.

 

1. Kapitel, 2. Motiv
1. Kapitel, 2. Motiv

Die nächste Seite zeigt das erste Motiv leicht abgeändert, jedoch erkennt man durch die Ähnlichkeit des Motivs, der Zentrierung und die unmittelbare Aufeinanderfolge eine Zusammengehörigkeit der zwei Loch-Motive. Das Zeichen ist also in einen größeren Sinnzusammenhang gestellt. Für den Rezipienten ist das Motiv bzw. das Zeichen jedoch noch nicht als feste Regel, also als Legizeichen etabliert. Der Beobachtung des Kommentars, dass es sich hier um ein dicentisch-ikonisches Sinzeichen handeln könnte, stimme ich somit zu.

Das dritte Bild zeigt das Motiv wiederrum abgeändert, der Kontext zum Zeichen wird erweitert. Man sieht das vorhergesehen Motiv des Lochs als aufgeschlitzten Bauch eines Froschs. Diese Rekombination eröffnet eine neue Ebene des Dicentischen.

1. Kapitel, 3. Motiv
1. Kapitel, 3. Motiv

Der Zusammenhang scheint sich für den Rezipienten nach und nach zu ergeben. Jedoch bleibt das Zeichen hier ein rein dicentisch-ikonisches Sinzeichen.  Argument kann es noch nicht sein, da der Zusammenhang nicht zwingend ist. Es hätte auch eine aufgeschlitzte Tomate sein können. Auch ein Index ist nicht feststellbar (wie ich in meinem vorige Post fälschlicherweise vermutet hatte), da es keine kausale Relation zu einem realen Objekt gibt.

 

4. Kapitel, Wiederkehr und Rekombination
4. Kapitel, Wiederkehr und Rekombination

Schließlich ist eine Seite aus dem 4. Kapitel zu sehen, bei der das Motiv des Lochs wieder aufgenommen wird. Auch zwischendurch ist das Motiv immer wieder in verschiedenen Rekombinationen aufgetaucht. Dieses Mal ist das Loch eine Art Schlitz im Fußbett der Protagonistin Chris.

Im Verlauf des Wiederkehren des Motivs ist das Loch zu einem Legizeichen innerhalb des Sinnzusammenhangs des Comics geworden. Bei diesem ist die Ähnlichkeit zu dem Motiv auf der 1. und 2. Seite besonders deutlich. Dabei bleibt das Zeichen jedoch dicentisch-ikonisch, aus den selben Gründen wie zuvor.

 

Die Aufeinanderfolge der Motive wirkt ähnlich einer metonymischen Montage im Filmschnitt. Gerade dass kein „klassischer“ Sinnzusammenhang eines argumentisch-symbolischen Legizeichens hergestellt wird, ruft beim Rezipienten eine Unsicherheit hervor. Warum wählte Burns genau diese Aufeinanderfolge von Motiven? Wieso hat er nicht beispielsweise ein bekanntes, durch Konventionen gefestigtes Symbol wie einen Totenkopf für das Horrormotiv verwendet?
Die Motive wirken in ihrem eigenen Zusammenhang teilweise erst fremd und verwirrend. Dass Burns sich gerade in dieser Unsicherheit breitmacht und seine eigene Bildsprache entwickelt, ist ein großer Reiz des Comics und transportiert letzlich, welche Unsicherheit seine Protagonisten durchleben.

 

(1) Engell, Lorenz(2001): „Grundlagen der Semiotik Peirces“, in: Bauhaus Universität Weimar Fakultät Medien,  Vorlesung Semiotik Lorenz Engell, http://www.uni-weimar.de/medien/archiv/ws01_02/semiotik/, aufgerufen am: 20.12.14, S. 2
(2) Ibd., S. 2

(3) Ibd., S. 2

1 Response

  1. Die Analyse leuchtet mir sehr ein. Das letzte Ergebnis ist vielleicht auch anschlussfähig an Peirce‘ Begriff von den Hauptzeichenklassen. Wenn man davon ausgeht, dass der Interpretantenbezug nicht komplexer als der Objektbezug und dieser nicht komplexer sein kann als das Repräsentamen, sind dicentisch-ikonische Zeichen uneigentlich, oder in Peirce‘ Terminologie: „degenriert“. Ein Zeichen so zu verstehen hieße also, eine Basis unseres Zeichenverständnisses zu unterschlagen, da der Interpretation als dicentisch (damit könnte man etwas sagen) vom Ikon (das ähnelt etwas) keine hinreichend komplexe Grundlage geliefert wird. (Technisch: Ein Dicent ist eine Zweitheit, aber ein Ikon nur eine Erstheit.) Nach Ihrer Schilderung wäre das gewissermaßen ein Scheck, der erst auf die Zukunft ausgestellt wird: Wir behandeln das Zeichen bereits als dicentisch, obwohl die Verbindung zu einem Referenten erst später wirklich bestätigt wird.

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