Der Traum und die Musik: „A cello lying in its case“ – Her Morning Elegance

In meinem dritten Blogeintrag möchte ich meine Fragestellung etwas genauer definieren. In den nächsten Beiträgen möchte ich mich vor allem darauf konzentrieren, inwiefern der Liedtext und die Bilder zusammenhängen. Was wird auf beiden Ebenen jeweils erzählt? Ergänzen sich diese beiden Medien oder vermitteln sie dem Rezipienten zwei völlig unterschiedliche Dinge? Könnten die Bilder sogar selbstständig erzählen?

Her Morning Elegance #0361: http://www.hmegallery.com/photos.php, Stand: 21.12.14
Her Morning Elegance #0361: http://www.hmegallery.com/photos.php,                Stand: 21.12.14

Gleich zu Beginn fällt auf, dass während das musikalische Intro läuft, wir auch gleichzeitig in die Situation des Bildgeschehens eingeführt werden (0:00-0:15). Wir sehen die Frau in ihrem Bett schlafend. Der Sonnenverlauf zeigt die vergehende Zeit an. Es gibt am Anfang des Videos große Sprünge zwischen den einzelnen Fotos, sodass noch keine Bewegung entsteht. Sogar die Perspektive wird geändert und wir gehen von einer Totalen-Einstellung, in der wir die Matratze auf dem Boden im Raum liegend sehen, ganz nah an ihr Gesicht ran und beobachten, dass sie die Augen geschlossen hat und scheinbar schläft. Es gibt auch eine Detailaufnahme der Bettdecke.

Sobald der Sänger Oren Lavie anfängt zu singen, beginnt die Frau sich zu bewegen und sie begibt sich auf ihre Traumreise. Was mir aufgefallen ist, sie bewegt sich immer von rechts nach links. Für mich spricht dies dafür, dass sie in ihren Träumen zurück geht und das erlebte vom Tag Revue passieren lässt. Im westlichen Kulturkreis sind wir durch die Leserichtung von links nach rechts geprägt. Deshalb steht für mich eine Bewegung von rechts nach links für einen Rückschritt in die Vergangenheit. Die Protagonistin läuft also los, die Treppen hinab, zurück in die Vergangenheit in ihrer Traumwelt.
Eine besondere Verbindung zwischen dem gesungen Text und der bildlichen Darstellung ergibt sich in dem Abschnitt von 0:29-0:40. Diese kurze Sequenz möchte ich nach Seymour Chatman in story und discourse aufteilen. Die story, oder im französischen die histoire (nach Gérard Genette), betrachtet den Inhalt des Erzählten: Was wird erzählt? Dem gegenüber steht der discourse, nach Génette discours, der die Ausdrucksseite des Erzählten beschreibt und danach fragt, wie etwas erzählt wird (vgl.: Chatman (1978): S. 19).
Die ersten Zeilen des Songs lauten: „Sun been down for days, a pretty flower in a vase, a slipper by the fireplace, a cello lying in its case. Soon she’s down the stairs, her morning elegance she wears.“

Während Oren Lavie noch über das Cello „a cello lying in its case“, singt, läuft die Frau. Sobald er aufgehört hat zu Singen, beginnt ein Cellosolo zu spielen. Dabei sehen wir auch das Musikinstrument im Bild. Es scheint über den Kopf der Protagonistin zu schweben und zu fliegen. Mit einem Perspektivenwechsel, gehen wir näher an sie heran. Wir können uns vorstellen, wie sie der Musik zuhört.
Ich persönlich finde, dass man die Erzählebene des Liedes von der Erzählebene der Fotos beziehungsweise des Stop-Motion-Films trennen muss. Wie seht ihr das?

Auf der Liedebene wird in diesem Ausschnitt in der story erzählt, wie die Umgebung ist. Neben der schönen Blume, die in der Vase steht, liegt eben auch ein Cello im Instrumentenkasten. Als discourse sehe ich die gesungenen Laute von Oren Lavie.
Auf der Bildebene wird auf der Story-Ebene erzählt, dass die Protagonistin, nachdem sie die Treppenstufen herunter gegangen ist, an der Straße entlang läuft und der Cellomusik lauscht. Das Ganze wird im discourse in der 11 Sekunden dauernden Szene durch 86 Fotos erzählt, die durch die schnelle Abfolge, in der sie wiedergegeben werden, wie eine fließende Bewegung wirken.
Meiner Meinung nach haben jedoch der Liedtext und die Bilder in dieser Szene sehr wenig gemeinsam und ergänzen sich nur bedingt gegenseitig. Sie konkurrieren sogar meiner Ansicht nach. Ich kann mich entweder auf den gesungenen Text oder auf die Bildreihenfolge und deren Geschichte konzentrieren, da beide Dinge zwei unterschiedliche Begebenheiten erzählen. Die Musik gibt den Bildern primär eine Art Rhythmus in der Erzählstruktur vor. Mit dem Einsatz seiner Stimme beginnt die Frau zu träumen. Singt er über das Cello und ertönt ein Instrumentensolo, spielt auch das Cello eine Rolle auf der Bildebene. Auf der Storyebene unterscheiden sie sich jedoch sehr stark. Wie seht ihr das?

Eine weitere wichtige Szene, die ich mir herausgesucht habe, um das Verhältnis von Musik und Bild etwas besser beschreiben zu können, ist der Abschnitt von 1:41 bis 2:02. Der Sänger Oren Lavie kommt hinzu. Er singt den Liedtext direkt mit. Hier haben wir eine sehr starke Verbindung der beiden Medien.

Wie seht ihr die Verbindung vom Liedtext und den bewegten Fotos? Sind für euch die story und der discourse der beiden Medien auch voneinander trennbar oder seht ihr eine engere Beziehung zwischen den beiden Formen?

In den nächsten Beiträgen möchte ich den Intermedialitätsbegriff von Irina Rajewsky genauer betrachten und weitere spannende Szenen des Stop-Motion-Films analysieren. Dadurch erhoffe ich mir, der Frage etwas näher zukommen, wie der Liedtext und die Bilder zueinander stehen und ob die Bilder vielleicht auch allein erzählen könnten. Dafür möchte ich noch die zweckentfremdeten Gegenstände unter Berücksichtigung der Semiotik von Nöth und Peirce genauer betrachten.

Literaturverzeichnis:
Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. Ithaca und London: Cornell University Press 1978, S. 9-42.

2 Responses

  1. Dass die Frau von rechts nach links geht und dadurch auf Grund der westlichen Leserichtung metaphorisch in ihre Vergangenheit eintaucht, war mir bisher gar nicht aufgefallen. Ich finde es aber sehr interessant. Inwiefern ist die bildlich erzählte Geschichte in Einklang zu bringen mit den gesungen Lyrics?

    Da einen Zusammenhang herzustellen scheint Dir zwischendurch schwer zu fallen: „Ich kann mich entweder auf den gesungenen Text oder auf die Bildreihenfolge und deren Geschichte konzentrieren, da beide Dinge zwei unterschiedliche Begebenheiten erzählen.“ Mir scheint da eine Art media blindness zu entstehen. Man nimmt primär das Bild war und erst, wenn man sich auf den Text konzentriert, kann man diesem folgen, was wiederum dem Bild zum Nachteil gereicht. Ich weiß nicht, ob Du das noch vorhast, aber eine diesbezügliche Untersuchung des Videos und eine Analyse der Stellen, in denen diese media blindness abnimmt, könnte ich mir durchaus vorstellen.

  2. Vielen Dank Janka für diesen Hinweis. Gerade mit der media blindness lässt sich sicherlich viel analysieren. Für dich ist also auch das Bild das dominantere Medium, der Text wird erst sekundär wahrgenommen. (entspricht das deiner Vorstellung der media blindness oder hättest du es anders formuliert?)
    Für mich sind beide Medienformen – also Bild und Ton – sehr differenziert voneinander und die Bildaussage entspricht nicht der Liedaussage. Andererseits unterstützt die Melodie des Songs die Leichtigkeit der Bildfolge. Das werde ich in den kommenden Wochen sicherlich noch genauer betrachten

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