Zeit und Erinnerung im Film „Memento“: Die Erzählstruktur

Um eine Analyse des Films durchführen zu können, muss zuerst die Erzählstruktur aufgeschlossen werden. Die erste Szene des Films beginnt mit dem Ende der Geschichte und wird real rückwärts abgespielt. Diese erste Sequenz verweist bereits auf die Erzählweise: die Geschichte von Leonard Shelby wird von ihrem Ausgang her erzählt. Auf jede Szene, die weiter in die Vergangenheit zurückgreift, folgt eine Szene in schwarz-weiß, die aber die Geschichte vorwärts erzählt. Am Ende des Films ist der Zuschauer dann quasi am Anfang der Geschichte angelangt, wobei die letzte Szene in schwarz-weiß Bildern beginnt und dann zu farbig wechselt, wodurch die beiden Erzählebenen zusammenfallen. Der autodiegetische Erzähler ist jedoch ein unzuverlässiger Erzähler, der sich selbst zensiert und manipuliert. Leonard Shelby leidet an einer anterograder Amnesie, durch die er neue Erlebnisse nicht dauerhaft speichern kann. Um dennoch sein Leben organisieren zu können, und sein Ziel zu erreichen, den Mörder seiner Frau zu finden und zu töten, erfand er ein System, das mithilfe von Polaroidfotos, Tätowierungen und Notizen funktioniert, dessen Brüchigkeit aber immer evidenter wird. Denn die Polaroidfotos sowie die Schrift erzählen eine andere Geschichte. Leonard stützt sein gesamtes Weltverständnis auf diese Hilfsmittel, doch handelt es sich hierbei um Erinnerungsmedien, die bereits durch ihn selbst verfälscht wurden. Darauf wird später noch genauer eingegangen werden.

Die Erzählung von Sammy Jenkis, eine metadiegetische Erzählung, die von Leonard jemandem am Telefon in der vorwärts laufenden Erzählebene berichtet wird, erscheint zuerst zusammenhangslos. Erst im weiteren Verlauf der Geschichte lassen sich Sinnbezüge zu Leonard selbst herstellen. Für einen kurzen Moment kann der aufmerksame Zuschauer Leonard anstatt Sammy auf einem Stuhl sitzend in dem Heim erkennen. Es ist also seine eigene Geschichte, die Leonard erzählt, ohne es zu wissen.

Die Handlung passiert in einer Stadt in den USA, doch bleibt die Stadt anonym. Ebenso ist unklar in welcher Gegenwart die Geschichte spielt, oder wie viel Zeit seit dem Überfall vergangen ist.
Ziel dieser Erzählweise ist es, die Orientierungslosigkeit von Leonard auf den Zuschauer zu übertragen. Genauso wie der Protagonist sich an die letzten Erlebnisse nicht mehr erinnern kann, werden auch dem Publikum nur einzelne, fragmentarische Szenen geliefert. Die Zuschauer jedoch haben den Vorteil, sich an die vorangehenden Geschehnisse noch erinnern zu können, wodurch eine Rekonstruktion ermöglicht wird.

2 Responses

  1. Sehr spannender Gegenstand für unser Thema, vor allem, weil sich Erzählen und Erinnern in Memento sehr nahe kommen. Beide Konzepte sind ja per Definition Konstruktionen und ich denke genau dieser Aspekt kommt in Memento gut heraus. Darauf würde ich mich im folgenden noch stärker fokussieren.

  2. Erstaunlich, wie knapp und klar man den Film zusammenfassen kann! Chapeau — und jetzt möchte ich ihn gleich nochmal sehen. Vielleicht begreife ich ihn diesmal besser.

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