Dri Chinisin: Layout, Schrift und Bild.

In diesem Beitrag möchte ich mich um eine systematische Erfassung des mir vorliegenden Untersuchungsgegenstands bemühen, den ich bis auf weiteres eingegrenzt habe auf die Erzählung Ein Tag, der zuletzt doch nicht im Sande verlief. Im Fokus stehen das Layout und das medienspezifische Verhältnis von Schrift und Bild. 

 Ich wende zunächst das an uns durch Janina Wildfeuer herangetragene multimodale linguistische Instrumentarium an, um den grafischen Aufbau des Comics zu beschreiben.

Abbildung 1 //Seitenlayout
Abbildung 1 //Seitenlayout

Bei der Darstellung handelt es sich um ein completely-framed, single layered – grid layout in Form einer row-based variotable (siehe Abbildung 1). Die Tabelle setzt sich zusammen aus zwei Spalten und je drei Reihen pro Seite. Auffallend ist, dass dieses Layout die gesamte Erzählung (und das gesamte Buch) über beibehalten wird. Deshalb möchte ich auch einzelne Seiten, die dieses Schema einzeln betrachtet scheinbar aufbrechen, indem sie ganz auf die vertikale Spaltung verzichten (non-grid-layout – by picture), allerdings die Reihenaufteilung beibehalten, im Hinblick auf das Gesamtlayout als eine Spielform der variotable verstehen.

Auch wichtig scheint mir, dass der Comic ganz in schwarz-weiß gedruckt ist, vor allem da Farbe im Zuge der intermedialen Übertragung von der literarischen Vorlage (wo sie nur benannt wird) im Comic medienspezifisch konventionell und vergleichsweise einfach realisierbar ist.

Es lohnt sich bestimmt auch, die grafische Organisation der Schrift-Bild-Kombinationen zu untersuchen. Hier fällt auf, dass die verbalen Elemente nicht eine durch Sprechblasen oder Rahmung gesonderte Ebene darstellen, sondern sich zusammen mit den bildlichen Elementen als ein Nebeneinander von Zeichen präsentieren. Unterschiede weisen Schrift und Bild jedoch in der zweidimensional-grafischen Andeutung eines dreidimensionalen Objektbezugs auf. Während die bildlichen Elemente teilweise durch Schattierungen auf eine indexikalische Verknüpfung zu einem (vorgestellten) räumlich existierenden Objektreferenten hinweisen, scheint die Schrift auf ihre zweidimensionale Medialität zu vertrauen und durch eine „räumliche“ Anordnung im Panel den Lesefluss des Betrachters zu leiten bzw. hierarchisch zu ordnen. Etwa indem sie den Bildelementen voran- oder hinterher gestellt sind.

Schnackertz beschreibt das wechselseitige Verhältnis von Schrift und Bild im Comic folgendermaßen: Entweder bezieht sich die sprachliche Aussage auf ein Bildsegment selbst oder auf Formen ihrer Zusammenfügung.*  Das mag auf die meisten Panels zutreffen, dennoch muss eine weitere Kategorie aufgemacht werden, in welcher die schriftlichen Zeichen mit der vorgestellten Dreidimensionalität der bildlichen Darstellung in Konkurrenz treten (Abbildung 2) und in ihrer zentralen Positionierung, genauso wie in der fehlenden inhaltlichen Bezugnahme auf grafische Elemente des Panels als eigenständiges Element dastehen, dessen Funktion eher der des Bildlichen, -im Comic als story-immanenter discourse (Schüwer)- semantisch Eindeutigen zukommt – gerade weil keine grafische Referenz parallel geschaltet ist. Insofern lässt sich vielleicht von einer Überschneidung von Sagbarkeit und Sichtbarkeit in der Einbettung von Schrift sprechen. Trotzdem diese die ihr eigene Signifikant-Signifikat Beziehung aufrechterhält, ist ihre narrative Funktion im betrachteten Beispiel eine bildhaft darstellende.

Abbildung 2 // "Ich konnte weggehen"
Abbildung 2 // „Ich konnte weggehen“

Der Übergang von Schrift zu Bild wird nochmals deutlicher in der grafischen Darstellung der akustischen Qualität von flatternden Flügeln und wehendem Wind (siehe Abbildung 1). Hier geht das gepunktete Schrift b i l d   fließend in die bildlichen Elemente des Panels über. Kategorien von Sagbarkeit und Sichtbarkeit werden einmal mehr auf der Folie des Mediums semantisch überlagert.

Die Frage nach dem Wer spricht? unter Erweiterung des Erzählbegriffs als nicht per se sprachlichen Ausdruck heranziehend, lässt sich folgende Vermutung aufstellen: Müssen im Comic sprachliche Zeichen einem Sprecher (Erzähler oder Protagonisten) zugeordnet werden, während Bilder als eigene Autorität gelten? Sind sie deshalb im Comic medienspezifisch semantisch eindeutiger als Schriftzeichen? Kann es also so etwas wie eine sprechende Erzählstimme geben, die ja den Bildern hierarchisch untergeordnet wäre?

Literatur:

Wildfeuer, Janina (Vortrag), Bateman, Veloso, Chung, Guo: An Open Multilevel Annotation Scheme for the Visual Layout of Comics and Graphic Novels, -in preparation-, 2014.

*Schnackertz, Hermann Josef: Form und Funktion medialen Erzählens: Narrativität in Bildsequenz und Comicstrip, München, 1980, S. 43.

Schüwer, Martin: Wie Comics erzählen: Grundriss einer intermedialen Erzähltheorie der grafischen Literatur, Trier, 2008.

3 Responses

  1. Danke für die präzise Sicherung des Materials! Ich denke, hier beweisen die Kategorien des Markups ihre Mächtigkeit jenseits der Corpusannotation: Indem sie uns zwingen, unsere Seitenbeschreibungen genau festzuhalten, führen sie hier wiederum zu weiterführenden Fragen. Werden Sie an den Fragen am Ende festhalten und denen weiter nachgehen?

    1. Vielen Dank für die Antwort ! Ich habe (mit dieser Rückversicherung) vor, auf die gestellten Fragen weiter einzugehen, scheint mir das Verhältnis von Schrift und Bild ein möglicher Ansatz, einerseits der Fokalisierung des Dargestellten und somit einer Erzählinstanz auf den Grund zu gehen, die die medienspezifischen Kategorien von Sichtbarkeit und Sagbarkeit verschränkt.

Schreibe einen Kommentar