Dri Chinisin: Zeichnen und Zeigen.

Bevor in einem nächsten Schritt die Erzählsituationen in Comic und Prosatext verglichen werden sollen, widme ich mich zum wiederholten Mal der Beschreibung der medialen Oberfläche, diesmal unter besonderer Berücksichtigung sich ergebender Zeichenrelationen. Dabei beziehe ich mich auf Kategorien aus Pierces Zeichentheorie, argumentiere aber auch in Anlehnung an Chatmans semiotische Erzähltheorie.

Abbildung 1 // Erstheit als vorherrschende Zeichentrichotomie?

Die teils grafisch sehr abstrahiert und schematisch differenziert wirkende Ästhetik in Ein Tag, der zuletzt doch nicht im Sande verlief , lässt auf eine vorherrschende Qualität der Darstellung schließen, die nach Pierce’s Zeichentheorie mit den Kategorien der ersten Trichotomie beschrieben werden kann. Beispielhaft möchte ich hier das erste Panel (Abbildung 1) anführen, das in der Aktualisierung eines (rhematisch-ikonischen) Qualizeichens als Sinzeichen aufgefasst werden kann und als „Zeichenmittel“ (vgl. Lorenz Engel: Semiotik VL) auch inhaltlich die Funktion rein qualitativer Darstellung einnimmt– der grafischen Übersetzung eines flüchtigen Sinneseindrucks. Das Zeichen kann zunächst nur als für sich stehendes solches verstanden werden (vgl. hierzu auch Schüwers Theorie einer Verschränkung von Discourse und Story im Comic). Erst im nächsten Panel wird dieser mit einer „sagbaren“ Bedeutungsdimension überlagert („ein bunter Gegenstand“). Die sprachlichen Zeichen (zunächst als rhematisch-indexikalische Legizeichen) grenzen die Bedeutung im Hinblick auf den Interpretantenbezug ein (gewinnen eine dicentische Dimension) und fügen das Bild zusammen. Es kann hier nicht die Rede von einer Type – Token Relation eines als Legizeichen etablierten Sinzeichens nach Pierce sein, da es sich bei dem vorliegenden Sinzeichen im zweiten Panel nicht um eine Aktualisierung der vorherigen Zeichenqualität, sondern viel mehr um eine inhaltliche Korrektur derselben handelt und das Wiedererkennen nur durch die metonymische Aneinanderreihung der Panels möglich ist – wobei allerdings auch hier mit Bezug auf den Interpretanten argumentiert werden muss (3. Trichotomie), dessen konventionelle Prägung bestimmte notwendige Gesetzmäßigkeiten der Comiclektüre vorschreibt. Erstmals im dritten Panel wird die Qualität des „runden“ als symbolisches Legizeichen vorstellbar, aber erst auf Seite 2 im dritten Panel (Abbildung 2)  kann der als solcher sprachlich bezeichnete Ball mit der Festlegung des Interpretantenbezugs als jemanden, der den sprachlichen Code beherrscht, als genuines Zeichen gedacht werden.

Abbildung 2 // Es ist ein Ball !

 

Der piktogrammhafte Stil (als bildlicher Code) lässt wiederum auf eine Gewichtung der Objektrelation und des Interpretantenbezug schließen. Eine Untersuchung unter Berücksichtigung der 2. Trichotomie, d.h. der Objektrelation der realisierten Zeichen ist am vorgelegten Beispiel besonders fruchtbar, führt man sich vor Augen, dass neben der Bezugnahme auf ein (fiktionales) Referenzobjekt auch immer eine grafisch-übersetzende Realisierung des Prosatextes stattfindet. So ergibt sich neben der semantischen Eindeutigkeit des Bildhaften im Comicdiscourse eine Vielzahl von Verkettungen zwischen Signifikat und Signifikanten. Hier könnte sich auch die weitere Differenzierung Chatmans vom Signifikant des narrative content in substance and form als nützlich erweisen. Die Comicbilder mitteln über einen eigenen Zeichencode zwischen dem narrative content der Erzählung der literarischen Vorlage und dem Interpretanten der neuen Form. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die strukturellen Besonderheiten des Mediums (bezogen auf die substance of expression)auf die Erzählung auswirken. Kann man darauf bestehen, es handle sich um die gleiche substance of content, während von einer hintergründig ganz anders gearteten substance of expression ausgegangen werden muss? Ich finde die Frage spannend, inwiefern sich jeweils substance und form gegenseitig bedingen. Dagegen legt Schüwers Argumentation nahe, dass die Unterscheidung zwischen expression (discourse) and content (story) im Comic ohnehin hinfällig wird – in der vorliegenden Analyse aber insofern eine Rolle spielt, als das Ausgangsmedium Literatur über diese Trennung verfügt.

Anscheinend wird in Ausschnitten der mediale Ausdruck des Ursprungsmedium als Teilsystem übernommen: einzelne Sätze im Code der Schrift behalten ihre Eigenschaft zur sprachlichen Aussage bei. Aber können Zeichen sich selbst darstellen? Wirken sie in einen neuen Kontext versetzt unter dem Regime der bildhaften Zeichen im Comicdiscourse, wird ihre Sagbarkeit gleichsam zur Sichtbarkeit (– selbst wenn diese nur darin besteht, die eigenen Sagbarkeit offensichtlich auszustellen und vor dem Hintergrund der Bilder hervorzuheben.) Durch die Übertragung verweist es indexikalisch in Ausdruck und Form auf sich selbst als Zeichen und auf das Ausgangsmedium Literatur als System.

Abbildung 3 // Personen, die anstelle von Köpfen Verkehrsschilder tragen.

Von dicentisch-indexikalische Legizeichen kann von den Comic-Bildern gesprochen werden, ist der Interpretant bzw. Rezipient mit der intermedialen Vorlage vertraut. Nach Lorenz Engell handelt es sich daher um einen dynamischen Interpretanten. Die schon auf der Ebene der substance of content bekannte Fiktion ähnelt – falls überhaupt denkbar – einer nicht visuellen Erinnerung, weshalb Deleuzes’ Begriff des Erinnerungsbild möglicherweise nur eingeschränkt angewendet werden kann. Dies betrifft vor allem jenen Fall, in dem die sprachlichen Zeichen der Vorlage einem bildlichen Ausdruck weichen. Als Beispiel lassen sich in diesem Zusammenhang gut die drei Panels auf Seite 9 (Abbildung 3) anführen. Sie kommen ganz ohne Worte oder sprachliche Zeichen aus. Auch scheinen sie sich in ihrem Objektbezug von der Erzählung Kronauers zu lösen oder zumindest einen weiteren, eigenständigen Bezug zu der Vorstellung von Personen, die anstelle von Köpfen Verkehrszeichen tragen, auszubilden, wofür auf den ersten Blick keine inhaltliche Entsprechung in der Vorlage zu finden ist. Nichtsdestotrotz formulieren sie den Anspruch, ein Ausdruck der substance of content der Erzählung zu sein – diese besteht dann möglicherweise in einem „Gefühl der Bedrängnis“ (als reine Erstheit oder rhematisch-ikonisches Qualizeichen), dem je nach in Kategorien der Sichtbarkeit oder Sagbarkeit in medial günstigen Verhältnis Ausdruck verliehen wird, also in der materiellen Verwirklichung einen Objekt- und einen Interpretantenbezug ausbildet. Auch besteht nach wie vor eine indexikalische Beziehung zur substance of content des Ursprungsmediums. Zudem scheint der Interpretantenbezug durch die Verwendung gängiger Verkehrszeichen definiert zu sein.

Zusätzlich zur mehrfaltigen Objektrelation, – wird während der Übersetzungspraktik nicht immer noch einen weiteren Interpretantenbezug dazwischen geschaltet, nämlich den des zuerst Rezipierenden und folgs Produzierenden? Dieser müsste laut Engell denn als finaler Interpretant gelten, der die Gesetzmäßigkeiten der Fiktion festlegt und insofern eine Wahrheit für sich beansprucht, welche jedoch nicht ebenso vom rezipierenden Interpretanten geteilt werden muss.

Als Ergebnis ließe sich festhalten, dass die Zeichenkonstellationen und Bedeutungsrelationen sehr dynamische sind – nicht nur in Hinblick auf ihren Interpretanten-, sondern auch auf ihren Objektbezug.

 

Abbildungen: Reprodukt / Sascha Hommer

Literatur:

Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik, 2. Auflage, 2000.

Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film, 1978.

Engell, Lorenz: Semiotik (Vorlesung an der Bauhaus-Universität Weimar, WiSe 01/02)

Übersicht: http://www.uni-weimar.de/medien/archiv/ws01_02/semiotik/

Peirce und Deleuze: Die Bildzeichen des Films http://www.uni-weimar.de/medien/archiv/ws01_02/semiotik/Semiotik11.pdf, aufgerufen am 4.1.2014.

4 Responses

  1. Den Adaptionsvorgang unter dem Blickwinkel der „Substance“-Kategorien zu denken, finde ich sehr sinnvoll und gerade so wie du es aus „Dri Chinisin“ herausgarbeitet hast, auch sehr gelungen. Sie machen zumindest deutlich, warum die Substance of Expression im Comic eben nicht die Gleiche ist, wie die Substance of Expression der Literaturvorlage. Spannend wäre es, zu sehen, an welche Stelle genau die letzte Abbildung „mit ohne“ Text tritt. Du hast ja bereits geschrieben, dass es keinen konkreten Hinweise in Kronauers Vorlage auf diese Stelle gibt. Wie äußert sich der Anspruch des Graphic Novel an die mit der Literaturvorlage gemeinsame Ebene der Substance of Content denn dann?

  2. Danke für die beeindruckend genaue und sehr aufschlussreiche Analyse! Ich fand besonders spannend, wie Sie Schüwers Diskussion der mangelnden Separierbarekit von Signifikant und Signifikat im Comic auf Peirce und auf Chatman beziehen. Der Hinweis auf den finalen Interpretanten am Ende entspricht in etwa Ecos idealem Leser, oder?

    An zwei Details hatte ich Verständnisschwierigkeiten:

    Inwiefern sind die sprachlichen Zeichen anfangs indexikalisch — in welcher realen Verbindung stehen sie zu ihrem Gegenstand?

    Und: Meinen Sie wirklich fiktionale Referenten, wenn Sie Abb.2 besprechen, oder fiktive?

    1. Wiederum vielen Dank für die genaue Lektüre und ausführliche Antwort. Und die Ergänzung um Ecos idealen Leser: ja ich denke der finale Interpretant entspricht ziemlich genau dem Modell des idealen Lesers, der während der Textlektüre und einhergehenden -interpretation sämtliche strukturellen und inhaltlichen Bedeutungsdimensionen durchdringt.

      Eine Kausalverbindung der sprachlichen Zeichen zu ihrem Gegenstand ließe sich höchstens auf die literarische Vorlage beziehen, in welchem Fall eine zeichenhafte Referenz auf andere Zeichen bestünde, die hier übertragen wurden – ich mache mir da nochmal Gedanken, weil man ja bei der Rezeption des Comics nicht davon ausgehen kann, der Leser sei sich dieses zweistufigen Gegenstandsbezugs bewusst.

      Danke auch für den Hinweis zu den fiktionalen Referenten in Abbildung 2, ich meinte wohl wirklich fiktive.

  3. Das wären wohl ‚degenerierte‘ (so Peirce) indexikalische Zeichen: Sie sind zwar insofern mit der Vorlage verbunden, als sie ohne sie nicht existieren können, aber sie sind von einer dritten Instanz gesetzt, ohne die sie ebenfalls nicht existieren könnten. Ein Verkehrsschild etwa weist vielleicht auf den real existierenden Bahnübergang hin, zu dem es in einer realen Beziehung der Nähe steht, aber es ist nicht vom Übergang hervorgebracht, sondern von der Stadtverwaltung, die erst den zweiten Zusammenhang der räumlichen Nähe hergestellt hat.) Das heißt, es sind Drittheiten, die nur degeneriert als Zweitheiten erscheinen. Nebenan in der Black Hole-Analyse geht es auch gerade um Degenerationen.

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