Bild-Ton-Trennung

Wie angekündigt, habe ich über die Feiertage einen Versuch gestartet. Ich wollte Ton und Bild getrennt voneinander anhören und ansehen, um zu erkennen, über welche Kanäle welche Informationen vermittelt werden. Mir ist aber ziemlich schnell aufgefallen, dass ich weder den Vortrag anhören konnte, ohne dass mir die Filmbilder in den Kopf gekommen sind, noch dass ich die Bildabfolge anschauen konnte, ohne dass ich wusste, was gesagt wird.
Also habe ich Leuten, die das Video noch nie gesehen haben, die Aufgabe erteilt, zuzuhören bzw. hinzusehen. Folgendes ist dabei herausgekommen:

1. Schau dir das Video ohne Ton an:

Worum geht es in dem Video?

  • „Es geht um Physik und Atome“ (Reaktion auf das Atom-Symbol bei 0:20)

Was erklärt der Mann?

  • „Bergmann versucht nachzuweisen, was Albert Einstein entdeckt hat. Er untersucht, wo überall Atome sitzen.“
  • „Der Physiker erklärt, wie die Welt funktioniert.“
  • „Er erklärt, was sich alles in der Luft befindet.“

Was macht der Mann?

Affe in der Küche, Min. 3:20
Affe in der Küche, Min. 3:20
  • „Er nimmt kleinste Teilchen auseinander und setzt sie wieder zusammen.“
  • „Er entwickelt eine Nuklearwaffe.“
  • „Er forscht, welche Nahrungsmittel Menschen und Tiere zu sich nehmen.“ (Als Reaktion auf den Affen bei 3:20)
  • „Er hat eine riesige Heidelbeere entwickelt.“
  • „Er wiegt, wie viele Nuklei in einem Auto sind. Daraus schließt er, was ein Auto alles ausstößt und misst die Auswirkungen.“

Was ist das Fazit?

  • „Alles besteht aus kleinen Atomen, also ist alles eins. Atome sind mit bloßem Auge nicht erkennbar.“
  • „Alles besteht aus kleinen Dingen. Wenn sie durcheinandergebracht werden, leidet unser komplettes System darunter.“

Insgesamt waren die Bildabfolgen zu schnell, als dass sie richtig verarbeitet werden konnten. Beispielsweise wurde die Grapefruit nicht als solche erkannt, sondern als „Kapsel“ wahrgenommen. Die Bilder wurden so schnell missinterpretiert, weil niemand dazugesagt hat, in welchen Kontext sie einzuordnen sind. Zwar reagiert man auf Farben, Formen und Bewegung und erkennt auch das ein oder andere, aber tatsächliche Fakten werden nicht übermittelt. Trotzallem haben mich die jeweiligen Fazits erstaunt, da das Gesamtvideo doch in die richtige Richtung gedeutet wurde, auch wenn einzelne Stellen verwirrt haben.

2. Hör dem Vortrag zu:

  • „Er stellt Größenverhältnisse von Atomen dar mithilfe einer Grapefruit bzw. Blueberry. Er zoomt da rein.“
  • „In eine Grapefruit wurde ein Football-Stadium projiziert, die Atome/Blueberrys haben die gleiche Größe. In der Blueberry ist eine Murmel/der Nukleus.“
  • „Es ist schwer, den Bildern zu folgen, die er beschreibt. Zwar tauchen die zugehörigen Bilder im Kopf auf, aber es ist schwer, sie richtig zusammenzusetzen, weil der Erzähler sehr schnell spricht. Zu viel Information in Bildkombination.“

3. Sieh dir das komplette Video an

Bergmann mit Atom, Min. 1:16
Bergmann mit Atom, Min. 1:16

Der Inhalt wurde zusammenhängend verstanden und hat auch nach längerer Zeit einen Eindruck hinterlassen.  Nach gut drei Wochen wurden noch einzelne Bilder erinnert, wie bspw. Bergmann ein „Atom“ in der Hand hat und näher betrachtet (1:16) oder die aufgezeigten Größenverhältnisse. Hängen bleiben die Informationen in Kombination mit den Bildern. Mithilfe der Farben und Formen konnte die Information besser und langfristiger erinnert werden.

Schlussfolgerung

Die reinen Bildabfolgen erzählen hier keine zusammenhängende Geschichte. Dazu passiert zu viel in kurzer Zeit. Außerdem werden Obstsorten und Autos nicht automatisch mit Atomen in Verbindung gebracht. Es ist also eine Erklärung nötig, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Hinzu kommt, das komplexe Zusammenhänge wohl am eindeutigsten durch Sprache vermittelt werden können.

Einige Informationen, wie bspw. das Bild von Albert Einstein am Anfang (0:14), das Steak und der Burger (3:38) oder der Affe in der Küche (3:20), tauchen in der gesprochenen Erzählung nicht auf, schmücken aber das Video aus. Auch die vereinfachte Darstellung eines Atoms (z.B. 0:20), die jeder kennt, kann nur durch Bilder gezeigt werden.

Durch das ausschließliche Benutzen von Sprache war es ebenfalls nicht so einfach, den Ausführungen zu folgen. Zwar benutzt Bergmann Metaphern, die der nicht-Physiker nachvollziehen kann, doch benutzt er sie in schneller Abfolge, sodass der Rezipient leicht verwirrt ist und dann abschaltet.

Die Kombination beider Medien bewirkt einen großen Unterschied. Dadurch, dass eine Interpretation des Gesagten parallel zum Vortrag erscheint, haben wir zwar das Problem, dass der Rezipient in seiner Interpretationsfreiheit eingeschränkt ist, allerdings ist es so möglich, schneller ein langfristiges Aneignen der Informationen zu erreichen.

3 Responses

  1. Die Gegenüberstellung finde ich sehr interessant.

    Denken Sie denn, dass der Verlust an Interpretationsfreiheit hier überhaupt ein Nachteil ist? Bzw. kann man angeben, was man dadurch verliert, das man in diesem Genre überhaupt haben will? Und wie verhält sich das zu den vielen Metaphern, die in den Bildern eingesetzt werden?

  2. Ich finde deinen Versuch auch sehr spannend und deine Beobachtungen sind nachvollziehbar. Ohne den erklärenden Ton hätte ich das Video wahrscheinlich nicht wirklich verstanden. Obwohl die Schrift, die ab und zu auftaucht, eine kleine Hilfestellung ist und dem Video Struktur gibt. Die Abfolge der Bilder während der Zusammenfassung am Schluss ist jedoch wirklich sehr schnell.
    Die verwendeten Vergleichsgegenstände finde ich sehr spannend gewählt, da diese keine bestimmten kulturellen Codes voraussetzen und jeder eine ungefähre Größenvorstellung von Auto, Blaubeere oder Grapefruit hat, egal aus welchem Kulturkreis er stammt.
    Zur Interpretationsfreiheit: Ich finde, dass der Rezipient durch die Erklärungen eine Hilfe bekommt, sich jedoch durch die vielen Vergleiche viele eigene Gedanken und Vorstellungen machen muss und dadurch viel reflektieren und interpretieren kann (allerdings ist die Abfolge der Informationen sehr schnell).

  3. „Denken Sie denn, dass der Verlust an Interpretationsfreiheit hier überhaupt ein Nachteil ist?“

    Im Großen und Ganzen: Nein. Denn was hier vermittelt werden soll, ist Wissen und keine Geschichte, die unterhalten soll. Das Ziel des Videos ist, den momentanen Wissensstand über die Größe und weitere Eigenschaften eines Atoms Rezipienten nahezubringen, die unter Umständen nicht viel über das Thema wissen. Dafür ist ein Erklärvideo perfekt. Es zeigt zu den relevanten Begriffen die entsprechenden Bilder, das heißt der Rezipient muss nicht noch eine weitere kognitive Leistung erbringen, bzw. die kognitive Leistung, die Bilder zu interpretieren, während gesagt wird, was sie darstellen, ist geringer, als sich in so kurzer Zeit die Bilder und Metaphern selber vorzustellen.
    Andererseits wird dem Rezipienten ein Bild davon in den Kopf gesetzt, wie ein Atom auszusehen hat. Da wir das aber nur vereinfacht und nicht naturgetreu abbilden können, (Betonung auf abBILD, es ist schließlich kein vergrößertes Foto,) ist das Bild in gewisser Weise falsch.
    Das ist aber für den Zweck des Videos nicht wichtig. Wägt man hier also pro und contra gegeneinander ab, komme ich zu dem Ergebnis, dass es für ein schnelleres Verständnis sogar notwendig ist, dass die Animation „vorinterpretiert“.

    Valeska: deine Anmerkung fand ich sehr gut
    „Ich finde, dass der Rezipient durch die Erklärungen eine Hilfe bekommt, sich jedoch durch die vielen Vergleiche viele eigene Gedanken und Vorstellungen machen muss und dadurch viel reflektieren und interpretieren kann“
    Wenn man beispielsweise das nächste mal vor einem Zweistöckigen Gebäude steht, kann man ja auch auf eigene Faust versuchen, die Größenverhältnisse ins Gedächtnis zu rufen. Das ist vielleicht noch eindrucksvoller, als das Bild, das im Video gezeigt wurde. Trotzdem hat es zum Nachdenken und Weiterdenken angeregt.

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