Bilder-Verschwörung? Zur Authentizität von Pressefotos

In den bisherigen Beiträgen habe ich unter anderem versucht, herauszuarbeiten, ob mein Untersuchungsgegenstand, das Golfplatz-Grenzzaun-Foto (1), ein authentisches Pressefoto ist. Die im Zuge dieser Analyse herausgearbeiteten Kriterien für authentische journalistische Bilder wende ich im heutigen Beitrag auf aktuell kontrovers diskutierte Beispiele an. Die zu untersuchenden Fotos stehen im Kontext des Pariser Trauermarsches vom 11.01.2015 und zeigen Staats- und Regierungschefs, die gemeinsam gegen den Terrorismus und den Angriff auf die Freiheit Einigkeit bezeugen. Zur Botschaft des Bildes später mehr.

Für meine heutige Analyse habe ich vier Fotos ausgewählt: Zuerst ein kurzer Blick auf ein Foto, welches von einer ultraordthodox-jüdischen Zeitung veröffentlicht wurde. Hier der Link zum von Merkur online veröffentlichten Bild (2). Wir sehen dort Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch – jedoch keine Frauen. Angela Merkel und alle anderen weiblichen Personen wurden wegretuschiert. Hier handelt es sich zweifelsohne um ein manipuliertes Bild. Dass hier ein Fake vorliegt, ist eindeutig.

Doch wie sieht es mit den diesem Fake zugrundeliegenden „Originalfotos“ aus?

Zunächst eines der typischerweise in den Zeitungen und Fernsehnachrichten verwendeten Bilder vom Trauermarsch (Abb.1): Fotos, welche die Staats- und Regierungschefs aus dieser oder ähnlicher Perspektive zeigen, nenne ich „Originalfotos“. Eines dieser Bilder wurde so beschrieben und diese Wertung lässt sich übertragen auf all diese „Originalbilder“: Es handle sich um „ein Bild, das um die Welt ging und schon jetzt zu den bedeutsamsten politischen Ikonographien unserer Epoche zählt. Nur dass mittlerweile bekannt wurde, dass auf dem Bild nicht nur das zu sehen ist, was man sieht.“ (3)

Angela Merkel und viele andere Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch in Paris (2)
Abb.1: Angela Merkel und viele andere Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch in Paris (4)

Das obige „Originalfoto“  vermittelt – offensichtlich – einen anderen Eindruck als das folgende Bild (Abb.2), welches mit dem Titel „World leaders not exactly „at“ Paris rallies“ (5) via Twitter verbreitet wurde. Fotos dieser Szenerie und Perspektive werde ich im Folgenden „Dreharbeitenfotos“ nennen.

Dieses Foto löste Verschwörungstheorien aus. @ianbremmer veröffentlichte es per Twitter mit den Worten "World leaders not exactly 'at' Paris rallies" (4)
Abb.2: Dieses Foto hat Verschwörungstheorien ausgelöst. @ianbremmer postete es via Twitter mit den Worten „World leaders not exactly ‚at‘ Paris rallies“ (5)

Ist das Foto womöglich überhaupt nicht beim Trauermarsch der 1,5 Millionen Menschen entstanden? Sind die „Originalfotos“ auch Fakes? Für etliche Kommentatoren und Journalisten stand schnell fest, dass dem so sei (6). Auf dem ausgewählten „Dreharbeitenfoto“ ist in der Tat nicht zu sehen, dass die Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch „mit“-liefen oder den Trauermarsch angeführt hätten. Denn wo sind die anderen Menschen?

Sind die „Originalfotos“ tatsächlich Fakes? Meine Antwort: Nein.

Um diese überraschende Antwort zu begründen, gehe ich den Weg weiter, den ich in meinem Beitrag „Ein Weg mit Hindernissen. Zweiter Anlauf“ eingeschlagen habe. Dort bin ich nach einer intensiven Außeinandersetzung mit Ernst von Glasersfelds radikalem Konstruktivismus zu diesem Ergebnis gekommem: „Als real gilt, was nicht nur von mir, sondern auch von anderen wahrgenommen wird. So wird objektive Wirklichkeit geschaffen.“ (7) Neben dieser philosophischen Betrachtungsweise ist die Ethik des Bildjournalismus zu betrachten. Hier werde ich die Kriterien prüfen, die ich in meinem Beitrag „Authentizität von Pressefotos versus Konstruktion der Wirklichkeit“ vorgestellt habe.

Zu prüfen ist folglich, nicht nur wie ich, sondern auch wie andere die „Originalfotos“ bewertetet haben, nachdem die „Dreharbeitenfotos“ bekannt wurden. Zu unterscheiden ist zwischen der „Diskussion der Experten“ sowie der „Diskussion des Laien“, wobei ich unter Laien Personen verstehe, die weder dem Medien- noch dem Politikbereich zugehörig sind: Man möge annehmen, dass sich die beiden Diskurse stark in Wortwahl, Temperament und Rage unterscheiden und dass der Expertendiskurs sachlicher geführt würde. Dem ist jedoch nicht so, da die Stimmung auch innerhalb der Vertreter der „Lügenpresse“ in Zeiten von „Pegida“ aufgeheizt ist, wie ich aufzeigen werde.

Ein erster Versuch der Annäherung: Die Kommentare der Laien

Aus der Vielzahl der Kommentare habe ich bewusst zwei Pegida-nahe Wortmeldungen aufgegriffen, welche bei Focus Online unter dem Beitrag „Bilder täuschen – Regierungschefs führten Trauermarsch in Paris an? Von wegen!“ (8) geschrieben worden sind:

„Liebe Kommentatoren, habt ihr es endlich geschnallt., dass man euch von allen Seiten her verarscht. Von Seiten der Politdarsteller wie auch von der Presse die zwar die Wahrheit wußte, aber erst stark verzögert berichtete. Die Trauerdarsteller haben dem Gedenken an die ermordeten Satiriker einen Bärendiest erwiesen.Pfui Deibel!“ (I. Kurtze, 14.01.2015)

„Lügenpresse ist das Unwort des Jahres. Vielleicht sollte man die Vorsilbe „un“ streichen. So wird viel eher ein Schuh draus. Und das entlarvende „von oben – Foto“ sollte im Namen des Volkes zum Pressefoto des Jahres ernannt werden. Im Übrigen, Frau Bundeskanzler, weiß ich zwar noch nicht, wen ich bei der nächsten Bundestagswahl wählen werde. Aber ich weiß, wen ich NICHT wählen werde! (A. Körner, 14.01.2015)

Ein zweiter Versuch der Annäherung: Die Kommentare der Experten

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 13. Januar bereits um 15:02 Uhr einen bemerkenswert ruhig geschriebenen und doch nicht weniger selbstkritischen Kommentar von Gerhard Matzig mit Titel „Ein gestelltes Foto darf Geschichte schreiben. Bild von Kundgebung in Paris“ (9). Darin beschreibt der Journalist die verwirrende Situation. Seine Zeitung hatte erst kurz zuvor erfahren, dass die Aufnahmen der „Originalfotos“ in einer gesicherten Straße entstanden seien, was dem widerspricht, was auch seine Zeitung zuvor berichtet hatte: „So war es in den Zeitungen zu lesen, „an der Spitze des Zuges“, auch in der SZ. Es ist wahr – und doch stimmt es nicht. Wie man inzwischen weiß, wurde das Bild in einer abgesperrten Straße aufgenommen […]Nach der Aufnahme, so Le Monde, seien fast alle Spitzenpolitiker wieder von ihren Limousinen abgeholt worden.“ (10)

Für den Kommentar der Süddeutschen Zeitung ändert diese beschriebene Inszenierung jedoch nichts an der Aufrichtigkeit der Geste der Staats- und Regierungschefs: „Die internationale Polit-Elite steht mit Hunderttausenden gegen den Terror ein. Das war die Botschaft des Gruppenbildes mit Merkel und Hollande vom vergangenen Sonntag. Jetzt kommt heraus: Die Aufnahme entstand in einer gesicherten Straße. An der Aufrichtigkeit der Geste ändert das jedoch nichts.“ (11)

Interessant ist Matzigs Schlussfolgerung bezüglich der von ihm beschriebenen Inszenierung: „Ist das ein Skandal? Natürlich nicht.“ (12) Seine Begründung: „Ist es vorstellbar, dass sich die Spitzen der Länder ungesichert auflösen könnten in einer unüberschaubaren Masse von Menschen – wenige Tage nach den Attentaten? Natürlich nicht.“ (13)

Matzig führt auch an, was für ihn ein Fake ist: „Ein Fake ist etwas ganz anderes, wie die ultraorthodoxe Zeitung Hamodia (Der Verkünder, Auflage: 25 000) anhand des gleichen Bildes demonstriert. Die verkündenden Redakteure der israelischen Zeitung retuschierten nämlich alle Frauen aus dem Foto heraus. Kanzlerin Merkel wurde sozusagen ausradiert. Auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo wurde entfernt – und Federica Mogherini, Außenbeauftragte der EU, ist nur noch mit einer Hand im Bild zu sehen.“ (14) – Ist das „Originalbild“ folglich trotz Inszenierung kein Fake?

Meine persönliche Meinung ist: Dass das „Original“ nur deshalb keine Fälschung sein soll, weil dort im Nachhinein keine Manipulation stattgefunden hat, ist keine Begründung. Verwiesen sei nochmals, wie bereits in meinen vorhergehenden Beiträgen auf Rüdiger Funioks Auslegung der Ethik im Bildjournalismus mit Verweis auf Leifert. Denn in „einem weiteren Sinn beinhaltet Authentizität auch den Verzicht auf Inszenierung der Aufnahmesituation, das ,dramaturgische’ Arrangieren der Bildszene. Ferner erfüllen den Anspruch auf Authentizität nur solche Bildeinstellungen (Aufnahmewinkel, Kameraeinstellungen), nur solche Entscheidungen bei der Postproduktion (Bildausschnitt) und nur eine solche Präsentation im Kontext des Mediums, die ,einen natürlichen, nicht-inszenierten, nicht-komponierten Blick auf die Wirklichkeit eröffnen, der frei ist von subjektiven Einflüssen’ (Leifert 2006, 23).” (15)

Teja Adams von Zapp verweist auf ein kleines Wort in der weltweiten Berichterstattung, das zum Schlüsselwort bei der Frage „Fake oder kein Fake?“ werden könnte: „Angela Merkel, François Hollande – alle liefen sie dicht an dicht bei dem Trauermarsch mit. Und das „mit“ ist das entscheidende Wort in dieser Diskussion.“ (16)

Genau deshalb lautet für mich die alles entscheidende Frage: Wo sind die Bilder entstanden? Während Matzig noch von einer Seitenstraße ausging, brachten Recherchen des Tagesspiegels Klarheit:

„Christian Röwekamp, Sprecher der dpa, die das Foto wie viele andere Nachrichtenagenturen verbreitet hatte, hat diesen Darstellungen gegenüber dem Tagesspiegel widersprochen. Die Politiker seien auf der gleichen Route unterwegs gewesen wie die ihnen nachfolgenden Menschenmassen. „Aus Sicherheitsgründen“ sei allerdings eine Lücke zwischen den Politikern und den 1,5 Millionen Menschen gelassen worden. Die Präsidenten und Minister hätten mit etwa 250 Meter eine verkürzte Wegstrecke absolviert, erklärte ein bei dem Marsch anwesender Fotograf. Die Spitzenpolitiker seien „der zweite Wall“ gewesen, die erste Gruppe hätten Angehörige der Terroropfer gebildet, die dritte französische Lokalpolitiker. Nach ihnen liefen die 1,5 Millionen Demonstranten.“ (17)

Auch wenn die „Dreharbeiten“ auf der „richtigen“ Strecke stattgefunden haben, so kann das Geschehen dennoch als Inszenierung gewertet werden, wie das folgende Bild zeigt. Dennoch schließt dies meiner Meinung nach noch nicht aus, dass das Foto authentisch sein kann. Denn wäre ein „Gruppenbild“ von einer solchen Vielzahl von Staatslenkern – auf dem auch jeder da steht, wo er laut Protokoll stehen soll – ohne Inszenierung möglich?

Abb.3: Ein weiterer Blick auf die Szenerie der "Dreharbeiten" für die Bilder (17)
Abb.3: Ein weiterer Blick auf die Szenerie der „Dreharbeiten“ für die Bilder (18)

Wie bewerten weitere Medienschaffende das Geschehen?

Hier muss der Schlagabtausch genannt werden, den sich Ines Pohl, Chefredakteurin der taz und Kai Gniffke, ARD-aktuell-Chefredakteur in dieser Woche geliefert haben und der gipfelte in Kai Gniffkes Blogbeiträgen „Die Verschwörung von Paris“ (19) und „Nachtrag: Die Verschwörung von Paris“ (20) . Zusammenfassungen der Ereignisse sind nachzulesen bei Stefan Niggemeier (21) sowie bei dem Beitrag des NDR-Magazins Zapp „Ja wo laufen sie denn?“ (22) Hier die Kurzfassung des Disputs:

Ines Pohl: „Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder — übrigens auch für deutsche Medienmacher — manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität.“ (23)

Antwort von Kai Gniffke: „Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s. Heute geistern schon wieder wilde Verschwörungstheorien durch soziale und traditionelle Medien. Kritiker bemängeln, dass die Darstellung der Staats- und Regierungschefs am Sonntag in Paris eine reine Inszenierung gewesen sei. Ich möchte versuchen zu erklären, warum ich das für kompletten Unfug halte.“ (24)

Am Ende der emotional geführten Debatte veröffentlicht Kai Gniffke in seinem Blog einen Nachtrag:

„Mittlerweile wissen wir, dass die Staats- und Regierungschefs nicht in einer Seitenstraße posierten. Sie marschierten auf der gleichen Route, auf der sich die nachfolgenden Menschenmassen auch bewegten. Der Tagesspiegel hat dies noch einmal sehr deutlich gemacht und darin auch eine klärende Stellungnahme der dpa in seinen Text aufgenommen. Diese Darstellung bestätigt, dass die Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch vorneweg gingen. Den Sicherheitsabstand konnte man in der Nachmittagsübertragung im “Ersten” sehen. Er wurde nicht unterschlagen. In dem Bericht in der Tagesschau um 20Uhr war der Sicherheitsabstand nicht zu sehen, weil er normal ist, weil es diesen Sicherheitsabstand bei jedem Auftritt von so vielen Staatschefs gibt. Die Kundgebung selbst war für die Berichterstattung meines Erachtens erheblich wichtiger als die üblichen Sicherheitsvorkehrungen. Daraus einen Manipulationsvorwurf zu konstruieren, halte ich für unangemessen. Es marschierten tatsächlich die Politiker vorneweg und danach die ganz große Menschenmenge.  Ähnlich hat sich ja auch Stefan Niggemeier heute nacht eingelassen, indem er diesen Fakt bestätigt, wenngleich er sich sonst ja überaus kritisch mit dem Umgang mit den Bildern (und mit meinem Blogeintrag) auseinandersetzt. Also: In der Sache, so glaube ich, haben wir heute ganz gute Argumente auf unserer Seite, und meinen Ton werde ich versuchen zu mäßigen.“ (25)

Ein dritter Versuch der Annäherung: Meine persönliche Erfahrung 

Auch wenn sich der ARD-aktuell Chefredakteur Gniffke eindeutig im Ton vergriffen hat, so stimme ich ihm in der Sache größtenteils zu. Die Bilder sind keine Fakes. Für die Begründung erweitere ich meine Untersuchung um eine Perspektive, und zwar um meine persönliche. Denn ich habe am Sonntag, 11.01.2015, die Berichterstattung über den Trauermarsch „live“ im Fernsehen, in der Sondersendung von „Das Erste“ (26), gesehen.

Dort wurden die „Dreharbeiten“ mehrmals gezeigt, wie das in der Mediathek von „Das Erste“ abrufbare Video der Sendung „Paris trauert – live aus der französischen Hauptstadt“ zeigt, siehe z.B. für die „Dreharbeiten“ 17:00 min bis 17:58 min. Die extrem überfüllten Pariser Straßen sowie die Sicherheitsvorkehrungen für die Staats- und Regierungschefs wurden thematisiert, was für mich als Fernsehzuschauerin die Lücke zu den anderen Demonstranten plausibel machte. Besonders deutlich wurde die Lücke von 18:50 min bis 19:17 min. des Videos sichtbar.

In der Sequenz von 27:12 min bis 37:56 min werden die Staats- und Regierungschefs zehn Minuten lang gezeigt, wie sie gemeinsam posieren, aber auch gehen. DIE Pressefotos, welche um die Welt gingen, entstanden, meiner Meinung nach, kurz nach halb vier an diesem Nachmittag (im Video bei ca. 28:25 min.). Bei 31:10 min. ist außerdem erkennbar, dass die Regierungschefs durch eine von Menschen gesäumte Straße laufen, da sie mit dem Publikum, z.B. durch Winken interagieren. Sie waren also nicht in einer komplett abgeriegelten Straße. Auch in dieser Sequenz wurde die Lücke erneut gezeigt und zwar bei 33:14 min. Von einer bewussten Täuschung seitens der Medien, hier dem Fernsehen, kann in keinster Weise gesprochen werden.

Fazit

Mit meinem Wissen über diese Live-Bilder war für mich die Aufregung über das „Originalbild“ zunächst nicht nachvollziehbar. Denn die Produzenten haben keineswegs heimlich die Bilder inszeniert. Das geschah unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Doch leider scheinen die Agenturen, welche die Fotos verbreitet haben, die „Produktionsbedingungen“ nicht deutlich vermerkt zu haben.

Sind die „Originalbilder“ nun Fake oder kein Fake? Meine Antwort: Sie sind kein Fake. Aber es wäre sinnvoll gewesen, wenn die deutschen Medien –  Zeitungen, Onlinemagazine und Fernsehnachrichten – beim Zeigen der Bilder auf die aus Sicherheitsgründen nötige Lücke zur Masse der am Trauermarsch Beteiligten hingewiesen hätten. Passend hierzu schreibt Stefan Niggemeier, mit Bezug zur  „Tagesschau“ und den genannten Blogeinträgen von Kai Gniffke:

„Natürlich ist der Vorwurf einer ‚Verschwörung‘ absurd, wenn etwa das Erste selbst am Nachmittag in seiner Live-Übertragung auch gezeigt hat, wie die Politiker getrennt vom Rest der Menschenmenge liefen. Aber deshalb ist doch nicht die Kritik an den Medien absurd, die in ihren Nachrichten und Fotos einen gegenteiligen Eindruck erweckt haben. Deshalb ist doch nicht die Frage unberechtigt, ob unter anderem die „Tagesschau“ ihren Zuschauern nicht diese Information hätte mitliefern sollen.“ (27)

In Zeiten von „Pegida“ und „Lügenpresse“-Vorwürfen ist als Erkenntnis deutlich hervorzuheben: Die Bilder selbst sind authentisch, hätten jedoch bei Verwendung besser erläutert werden müssen. Ich bin auf keine Verschwörung der deutschen Medienschaffenden gestoßen. Wohl aber auf viele Journalisten und Medienexperten, die intensive Fehleranalyse betreiben. Das ist gut so.

 

 

 

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Literatur- und Quellenverzeichnis:

(1) Palazón, José, aufgenommen am 22.10.2014, abgerufen am 13.12.2014 unter https://twitter.com/PRODEINORG/status/524927960961527808/photo/1

(2) Bildquelle: Twitter; Bild entnommen von: Nogge, Haakon, „Merkel aus Trauermarschfoto retuschiert. Historische Bildfälschung“, aktualisiert am 13.01.2015, 18 Uhr, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.merkur-online.de/welt/merkel-trauermarschfoto-retuschiert-4634500.html

(3) Matzig, Gerhard, „Ein gestelltes Foto darf Geschichte schreiben. Bild von Kundgebung in Paris“ vom 13.01.2015, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.sueddeutsche.de/politik/bild-von-kundgebung-in-paris-ein-gestelltes-foto-darf-geschichte-schreiben-1.2302160

(4) Foto: AFP,  entnommen aus: Afanasjew, Nik, “ Staatslenker posierten nicht in Seitenstraße. Trauermarsch in Paris“, in: tagesspiegel.de vom 13.01.2015, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.tagesspiegel.de/politik/trauermarsch-in-paris-staatenlenker-posierten-nicht-in-seitenstrasse/11225488.html

(5) @ianbremmer „World Leaders: Not exactly ‚at‘ the Paris rallies. #WhereIsCharlie“, via Twitter am 12.01.2015 um 13:29 Uhr, abgerufen am 14.01.2014 unter https://twitter.com/ianbremmer/status/554752108545970178

(6) Vgl. z.B. Nogge, Haakon, „Merkel aus Trauermarschfoto retuschiert. Historische Bildfälschung“, aktualisiert am 13.01.2015, 18 Uhr, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.merkur-online.de/welt/merkel-trauermarschfoto-retuschiert-4634500.html

(7) Seitz, Ramona, „Ein Weg mit Hindernissen. Zweiter Anlauf“ vom 11.01.2015, abgerufen am 16.01.2015 unter http://www.erzaehlenbilder.de/2015/01/11/ein-weg-mit-hindernissen-zweiter-anlauf/

(8) stj, „Drei versteckte Wahrheiten hinter dem Trauerfoto von Paris. Symbolträchtige Inszenierung“, in: Focus online, aktualisiert am Dienstag, 13.01.2015, 22:24, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.focus.de/politik/ausland/charlie-hebdo-symboltraechtige-inszenierung-der-grosse-foto-betrug-hinter-dem-pariser-trauerbild-stecken-drei-geschichten_id_4402839.html

(9) Matzig, Gerhard, „Ein gestelltes Foto darf Geschichte schreiben. Bild von Kundgebung in Paris“ vom 13.01.2015, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.sueddeutsche.de/politik/bild-von-kundgebung-in-paris-ein-gestelltes-foto-darf-geschichte-schreiben-1.2302160

(10) ebd.

(11) ebd.

(12) ebd.

(13) ebd.

(14) ebd.

(15) Funiok, Rüdiger, Medienethik. Verantwortung in der Mediengesellschaftzweite, durchgesehene und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2011, S. 137f.

(16) Adams, Teja,  „Staatschefs im TV – Ja, wo laufen Sie denn?“ vom 14.01.2015, in ZAPP. Das Medienmagazin, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Ja-wo-laufen-sie-denn-,linktipp250.html

(17) Vgl. Afanasjew, Nik, “ Staatslenker posierten nicht in Seitenstraße. Trauermarsch in Paris“, in: tagesspiegel.de vom 13.01.2015, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.tagesspiegel.de/politik/trauermarsch-in-paris-staatenlenker-posierten-nicht-in-seitenstrasse/11225488.html

(18) AFP, abgerufen am 17.01.2015 ebd.

(19) Gniffke, Kai, „Die Verschwörung von Paris“ vom 13.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://blog.tagesschau.de/2015/01/13/die-verschwoerung-von-paris/

(20) Gniffke, Kai, „Nachtrag: Die Verschwörung von Paris“ vom 14.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://blog.tagesschau.de/2015/01/14/nchtrag-die-verschwoerung-von-paris/

(21) Niggemeier, Stefan, „Die ‚Tagesschau‘. Wo man schöne Inszenierungen nicht blöd hinterfragt.“ vom 14.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20186/die-tagesschau-wo-man-schoene-inszenierungen-nicht-bloed-hinterfragt/

(22) Adams, Teja,  „Staatschefs im TV – Ja, wo laufen Sie denn?“ vom 14.01.2015, in ZAPP. Das Medienmagazin, abgerufen am 14.01.2015 unter http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Ja-wo-laufen-sie-denn-,linktipp250.html

(23) Ines Pohl, zit. nach: Stefan Niggemeier

(24) Gniffke, Kai, „Die Verschwörung von Paris“ vom 13.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://blog.tagesschau.de/2015/01/13/die-verschwoerung-von-paris/

(25) Gniffke, Kai, „Nachtrag: Die Verschwörung von Paris“ vom 14.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://blog.tagesschau.de/2015/01/14/nchtrag-die-verschwoerung-von-paris/

(26) Das Erste: „ARD-Sondersendung. Paris trauert – live aus der französischen Hauptstadt“ vom 11.01.2015, abgerufen am 14.01.2015 unter http://mediathek.daserste.de/ARD-Sondersendung/Paris-trauert-live-aus-der-franz%C3%B6sisch/Das-Erste/Video?documentId=25800354&topRessort=tv&bcastId=3304234

(27) Niggemeier, Stefan, „Die ‚Tagesschau‘. Wo man schöne Inszenierungen nicht blöd hinterfragt.“ vom 14.01.2015, abgerufen am 15.01.2015 unter http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20186/die-tagesschau-wo-man-schoene-inszenierungen-nicht-bloed-hinterfragt/

2 Responses

  1. Danke für den materia- und aufschlussreichen Beitrag!

    Vielleicht müssen wir bei Photographien von dem scheinbar offensichtlichen Wahrheitskriterium („war das so vor der Kamera?“) überhaupt absehen und die Kontexte noch ernster nehmen? Mir schiene es für die Hamodia-Abbildung entscheidend zu wissen, ob das Abbildungsverbot dort als allgemeiner, häufig eingesetzter Grund für Manipulation bekannt und die Anwesenheit der Frauen den Rezipienten der Zeitung deutlich gemacht wird, oder nicht. Interessanterweise habe ich darüber sehr verschiedene Aussagen gelesen: Ich weiß es noch immer nicht sicher.

    Umgekehrt scheinen einige der Kritiker und Verteidiger des ersten Bilds darauf abzuheben, ob als bekannt vorausgesetzt werden darf, dass die Politiker *selbstverständlich* nicht im gleichen Zug marschieren wie alle anderen. Hier scheint mir dennoch der Widerspruch, was nicht gleich Täuschung heißen muss, noch größer, weil die ganze Handlung ein Zeichen gemeinsamer Solidarität sein sollte, die der Selbstverständlichkeit, dass freilich nicht alle in der gleichen Lage teilnehmen, doch zuwiderläuft. Vielleicht ist die Aufregung auch teilweise davon und nicht von der oberflächlichen möglichen Täuschung getrieben?

    1. Ja, die Kontexte sind das A und O. Denn je nach Kontext, sind Fotos unterschiedlich zu bewerten. Bevor die Frage „Fake oder kein Fake?“ gestellt werden kann, ist der Kontext zu berücksichtigen im Sinne der Frage: In welchen Kontext ist das Foto einzuordnen: Fiktion oder Faktion? Oder genauer: Kunst (hierzu würde ich hier i.w.S. auch Satire zählen) oder Journalismus?

      Konkret: Was für eine Zeitung hat das Foto gedruckt? Wenn ich z.B. in Deutschland ein (manipuliertes) Foto bei „Der Postillon“ sehe, dann weiß jeder, der dieses satirische Format kennt, dass es sich um ein bewusstes Fake handelt.

      Doch was bedeutet das für das wohl als erstes von „Hamodia“ verbreitete Foto der Staats- und Regierungschefs ohne Frauen? Hier wissen natürlich die „Hamodia“-Leser, dass bewusst keine Fotos von Frauen gezeigt werden. Die meisten Artikel, die ich gelesen habe hierzu, betonten jedoch, dass normalerweise einfach auf Fotos mit Frauen verzichtet würde. Ein derart historisches Foto zu manipulieren, schien auch den meisten Hamodia-Kennern erstaunlich. – Auch ich bin mir hierzu nicht sicher. Bewusst bin ich deshalb im obigen Artikel – der ja eh schon sehr umfassend ist – nur am Rande auf das Hamodia-Bild eingegangen. Erstaunlich ist, dass auf der Hamodia-Website das Foto aktuell nicht mehr auffindbar ist, weshalb ich die Verlinkung über Merkur-online gewählt habe.

      Zu Ihrem zweiten Argument: Ganz sicher ist die Aufregung auch hierauf zurückzuführen. Der Wiederspruch in sich ist unübersehbar: Ein Zeichen gemeinsamer Solidarität setzt voraus, dass die Staatslenker auch MIT oder AN DER SPITZE des Trauermarsches der 1,5 Millionen gegangen sind. – Umgekehrt gefragt: Wie wäre das Foto, wäre es unabhängig vom Trauermarsch entstanden, zu bewerten gewesen? Ein Foto der vielen Staats- und Regierungschefs, darunter auch verfeindete, an diesem historischen Tag in Paris, wäre auch auf den Treppenstufen des Élysée-Palastes historisch geworden. Aber niemals hätte es die Geste und die Botschaft, das „wir gehen gemeinsam in eine Richtung“ so symbolisiert.

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