Her Morning Elegance: Ton und Bild | Hand in Hand

Hand in Hand: Her Morning Elegance #1904: http://www.hmegallery.com/photos.php,                Stand: 17.01.15
Hand in Hand: Her Morning Elegance #1904: http://www.hmegallery.com/photos.php, Stand: 17.01.15

Im folgenden Beitrag möchte ich die Verbindung von Lied und Bild genauer betrachten und der Frage nachgehen, inwieweit uns der Text beim Verständnis der Fotoabfolge hilft, dass wir die histoire des Visuellen verstehen können.
Zu Beginn möchte ich auf den Unterschied von Sprache und Bild eingehen. In seiner Dissertation „Zur Sprachlichkeit von Bildern“ beschreibt Rolf Wedewer die verschiedenen Funktionen der beiden Medien. Bilder seien vieldeutig und haben das Ziel, etwas zu repräsentieren. Dem gegenüber stehe die Sprache, oder in diesem Fall der gesungene Text, der nach Eindeutigkeit strebe (vgl.: Rolf Wedewer (1984): S.4).
Wie uns dieser eindeutige Text hilft, die vieldeutigen und auf den ersten Blick nicht immer gleich ersichtlichen Aussagen der Bildabfolge zu verstehen, möchte ich anhand des Refrains und der Sequenz von 1:05 bis 1:30 analysieren. (Link zum Video: https://www.youtube.com/watch?list=PL047920DD5CE0FF62&v=2_HXUhShhmY)
Der Text aus dem ausgewählten Abschnitt:
And she fights for her life | As she puts on her coat | And she fights for her life on the train | She looks at the rain as it pours | And she fights for her life | As she goes in a store | With a thought she has caught | By a thread | She pays fort he bread | And she goes… | …Nobody knows

Zug: Her Morning Elegance #0674: http://www.hmegallery.com/photos.php,                Stand: 17.01.15
Zug: Her Morning Elegance #0674: http://www.hmegallery.com/photos.php, Stand: 17.01.15

Was sehen wir? Wie in den Szenen zuvor ist für den Rezipienten der Ort gleich. Wir befinden uns immer noch auf der Matratze. Allerdings hat sich diese zu den Szenen davor verändert: Ein schwarzes Laken im unteren Drittel der Matratze und ein gemustertes helleres Laken kommen hinzu. Der obere Teil der Matratze scheint sich schnell zu bewegen.
Doch wo befinden wir uns hier? Diese Antwort liefert erst der Text. Oren Lavie singt „And she fights for her life on the train“. Wir wissen also: Dieser Schauplatz soll einen Zug nachstellen. Dazu passt auch die Körperhaltung der Protagonistin: Sie scheint sich irgendwo festzuhalten, wahrscheinlich an einer Haltestange im Zug. Auch ihre Haare bewegen sich durch den „Fahrtwind“. Sie schaut in die entgegengesetzte Richtung, in die der Zug „fährt“ (das Laken wird von links nach rechts bewegt). Der Zug fährt nach vorne, während sie sich nach rückwärts wendet und es dadurch erscheint, als ob sie sich an etwas erinnere.
Es kommt mir so vor, als hätte sie in ihrem Traum einen weiteren Traum. Wir befinden uns hier auf einer metametadiegetischen Ebene (zu den Ebenen und dem Modell von Markus Kuhn möchte ich in den nächsten Wochen noch einen Blogeintrag verfassen). In diesem Traum oder auch in dieser Erinnerung haben wir auf einmal wieder einen farblichen Kontrast auf der Matratze: Mehrere weiße Laken formen sich zusammen und lassen nur ein kleines Rechteck frei. In diesem Rechteck sehen wir die Protagonistin vor einem schwarzen Hintergrund. Was bedeutet dies? Auch hier liefert uns der Text einen Hinweis, der uns die Szene erschließen lässt: „She looks at the rain as it pours“. Die Protagonistin scheint also aus einem Fenster zu schauen und sieht, wie es regnet. Dazu passen auch die Lichteffekte, die meiner Meinung nach ein Gewitter beziehungsweise die Blitze simulieren. Hier entsteht eine Art optische Täuschung: Zwischen den einzelnen Fotos werden schwarze Bilder eingeblendet, diese Unterbrechungen in der Fotoabfolge suggeriert die Lichtblitze. Dies ist für den Rezipienten allerdings nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die Abfolge ist zu schnell, dass er sie direkt wahrnehmen kann.
Auch der Text spricht für einen Traum im Traum: Sobald er singt: „With a thought she has caught | By a thread | She pays fort he bread | And she goes… | …Nobody knows“, scheint die Protagonist wieder auf der metadiegetischen Ebene zu sein, zwar immer noch träumend, aber wieder in ihrem eigentlichen Traum. Ein Gedankengang reißt Sie aus der Erinnerung an das Gewitter und wir sind wieder mit ihr im Zug. Sie steigt aus und läuft weiter. Wohin? Das wissen wir nicht, da wir wieder auf der neutralen weißen Matratze sind.

Zum Verstehen der visuellen histoire von „Her Morning Elegance“ gehört meiner Meinung nach nicht nur der Text, sondern auch das Verstehen der zweckentfremdeten Gegenstände, die zum Teil nicht besungen werden. Aus diesem Grund möchte ich einen kleinen Exkurs zum Thema semiotische Zeichen machen und auf Charles S. Peirce Theorien eingehen, welche in Winfried Nöths „Handbuch der Semiotik“ beschrieben werden.

Fische: Her Morning Elegance #1438: http://www.hmegallery.com/photos.php, Stand: 17.01.15
Fische: Her Morning Elegance #1438: http://www.hmegallery.com/photos.php, Stand: 17.01.15

In meinem Analysebeispiel sind sehr viele zweckentfremdete Gegenstände zu betrachten, die sich vor allem als ikonisches Zeichen deuten lassen. Diese Zeichen vermitteln Informationen und Bedeutungen über das Prinzip der Ähnlichkeit (vgl.: Winfried Nöth (2000): S. 193 ff.). In dem Musikvideo „Her Morning Elegance“ haben wir beispielsweise buntes Laub, das durch orangefarbene Socken dargestellt wird. Wir erkennen die Socken nicht nur durch die ähnliche Form als Blätter, sondern auch durch die flatternde Bewegung, die durch die Gattung des Stop-Motion-Films noch verstärkt wird. Ähnliche Phänomene sehen wir auch bei den Kissen, die Wolken darstellen sollen. Hier haben wir große und kleine Kissen, die in der Farbe weiß oder grau den realen Wolken entsprechen oder auch allein durch die Anordnung am oberen Rand der Matratze an Wolken erinnern. Außerdem gibt es weiße Socken und ein weißes T-Shirt, die die Unterwasserwelt repräsentieren. Die Socken stehen für Fische, das T-Shirt soll eine Qualle darstellen. Auch hier spielt die Anordnung und Bewegung eine wichtige Rolle zur Erkennung der Bedeutung. Die Fische schwimmen im Schwarm, die Qualle bewegt sich ganz leicht. Diese naturgegebenen Ähnlichkeiten werden auch im Stop-Motion-Film eingesetzt und helfen dem Rezipienten, die Alltagsdinge nicht als solche zu sehen.

Ein weiteres Beispiel, welches ich sehr interessant finde, ist die Szene in der beide Protagonisten Fahrrad fahren (2:54-2:59). Doch woran erkenne ich das? Es gibt weder ein Fahrrad, noch einen anderen Gegenstand, der dieses Fahrrad repräsentieren könnte. Doch allein durch die Bewegung und die Haltung der beiden, erkennen die Rezipienten, dass die Figuren nicht nur irgendwie strampeln, sondern auf dem Fahrrad unterwegs sein müssen. Die Tretbewegung, das Halten des Lenkers und auch die bewegten Haare im Fahrtwind erinnern durch die ikonische Darstellungsform an die Realität. Um dieses Video und vor allem die ikonischen Zeichen vollständig verstehen zu können, ist auch der Kulturkreis und die individuelle Erfahrung wichtig (vgl.: Rolf Wedewer (1984): S.4). Denn durch unsere westliche Prägung können wir diese Zeichen erschließen.

 

Literatur:
NÖTH, Winfried: Handbuch der Semiotik. Stuttgart und Weimar: Metzler, 2. Auflage, 2000
WEDEWER, Rolf: Zur Sprachlichkeit von Bildern: Ein Beitrag zur Analogie von Sprache und Kunst. Köln: DuMont, 1984

2 Responses

  1. Dein Beitrag zeigt, dass es sich bei diesem Video tatsächlich um ein kleines Kunstwerk handelt! Ich finde es klasse, wie die Macher es geschafft haben, mit alltäglichen Gegenständen wie Socken, Tüchern und Kissen und einigen Körperbewegungen und Extra-Kniffen wie dem „flatternden“ Haar eine Geschichte zu erzählen, die so garnicht an Alltag erinnert. Weißt du schon, wie du deine Betrachtung abschließen wirst?

  2. Danke für deine Anmerkungen. Ich finde das Musikvideo auch sehr ästhetisch. In meinem nächsten Bogeintrag möchte ich noch näher auf den Zusammenhang von Musik und Ton eingehen und das Video dafür im Ganzen betrachten. Was passiert an welcher Textstelle? Wie unterstützt das Bild den Ton und umgekehrt. Das Lied gibt den Bildern einen gewissen Rhythmus vor. Die Schritte von ihr sind im Takt zur Musik. Ist die Musik fließender, sind auch die Bewegungen fließender. Dazu aber mehr heute Abend… Was findest du noch spannend zum Untersuchen? Ich werde wahrscheinlich noch auf Kuhns Modell eingehen und die einzelnen Ebenen definieren.

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