Semiotische Verwirrungen in „Heroes“

Die Serie „Heroes“ spielt gerne mit den Erwartungen ihrer Zuschauer. In vielen Szenen werden die gemalten Bilder direkt von intradiegetischen Figuren gedeutet, oder ihre ikonische Relation mit der tatsächlichen Situation wird dadurch verstärkt, dass diese Situation direkt im Anschluss gezeigt wird. Die Bilder jedoch, die für die Haupthandlung entscheidend sind, werden meist falsch gedeutet oder verstanden. Dies führt zu Missverständnissen, die aber für das Fortlaufen der Handlung und den Spannungsaufbau entscheidend sind.

Ein Beispiel: Peter sieht in Isaacs Atelier ein Bild von einem Mädchen in Cheerleader Uniform in einer Blutlache, auf das eine dunkle Gestalt einen Schatten wirft. Da er zuvor die Anweisung bekommen hat, eine Cheerleaderin zu retten, ist er überzeugt davon, dass es sich bei dem Mädchen um die Gesuchte handelt. Auch der Zuschauer geht in diesem Moment davon aus, dass es sich bei dem Mädchen um Claire handelt – vor allem, da das Bild in Verbindung mit weiteren Bildern von Claire gezeigt wird. Tatsächlich sind auf den Bildern aber zwei unterschiedliche Cheerleaderinnen abgebildet.

Tote Cheerleaderin
Bild 1: gemaltes Bild tote Cheerleaderin
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Bild 2: Filmstill tote Cheerleaderin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bild 3: Filmstill zwei Cheerleaderinnen

Die Figuren und mit ihnen auch die meisten Zuschauer sehen eine ikonische Beziehung zwischen Bild und „Zukunft“, dabei ist es in diesem Fall eher eine symbolische. Die Kleidung des Mädchens ist die typische, konventionelle Kleidung einer Cheerleaderin. Da im Verlauf der Serie die Cheerleaderin Claire eine der Hauptrollen war, assoziiert man automatisch sie mit diesem Bild. Der Betrachter fügt also zusätzliches Wissen der Interpretation des Bildes hinzu.

Dieses Problem der Ikonologie der Bilder tritt im Laufe der Serie häufiger auf. Am Ende der ersten Staffel sieht man beispielsweise ein Bild von einem Mann, der bäuchlings in einer Blutlache auf dem Boden liegt. Wer jedoch der Mann ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Serie spielt mit dieser Ungewissheit, indem sie in der letzten Folge gleich zwei Männer in dieser Position am Boden zeigt. Keiner von beiden ist jedoch der auf dem Bild gemalte.

 

Kaito's_death_painting
Bild 4: ein toter Mann?

 

Bildquellen:
Bild 1: http://heroeswiki.com/File:Painting_claire_murdered.jpg, hochgeladen von Hardvice, am 04.12.06, Stand:17.01.15
Bild 2: Tim Kring, Heroes S01 E09, 2006, Los Angeles, min 35:17
Bild 3: Tim Kring, Heroes S01 E09, 2006, Los Angeles, min 35:05
Bild 4: http://heroeswiki.com/File:Kaito%27s_death_painting.jpg, hochgeladen von Ryangibsonstewart, am 01.03.08, Stand:17.01.15

5 Responses

  1. Interessant ist, welche Geschichten nun potentiell durch die Bilder erzählt werden könnten, wenn man die restlichen Geschehnisse nicht kennt. Welches Bild sieht Isaac von der Zukunft, wie muss er sie sich vorstellen? Wieviel hält er selbst für unausweichlich und wie wirkt sein vermeintlicher Wissensstand auf ihn als „Erzähler“? Er ist für uns ein unzuverlässiger Erzähler, da wir vermeintlich getäuscht werden. Gilt dies aber auch für ihn? Sind unsere Missgeschicke nur unsere oder auch seine? Sein Selbstmordversuch (wenn ich mich recht entsinne) könnte für diese Betrachtung wichtig sein.

    1. Das sind auf jeden Fall sehr spannende Aspekte. Danke! Ich habe vor, in meinem nächsten Beitrag darauf einzugehen. Dabei kam bei mir vor allem auch die Frage auf, ob Isaac überhaupt als Erzähler bezeichnet werden kann, oder ob auch er – wie alle anderen Figuren – die Zukunft nur über die Bilder „erzählt“ bekommt.

  2. Das zentrale Argument wird sehr deutlich, danke! — Was meinen Sie hier genau mit „Ikonologie“? Vielleicht lohnt es sich, diesem Begriff näher nachzugehen?

    1. Ich meine damit eigentlich die Tatsache, dass die Bilder eine ikonische Beziehung zwischen Bild und diegetischer Realität nahelegen. Der Begriff Ikonologie war hierbei etwas unglücklich gewählt.

  3. Ah, ok. Vielleicht kann man da eher von ‚Ikonizität‘ sprechen. Ikonologie wird insbesondere im Begriffspaar Ikonologie/Ikonographie verwendet und meint da eine von zwei semantischen Dimensionen von Bildern (nämlich, *sehr* grob, Darstellung und Versinnbildlichung, mehr siehe Panofsky); diese muss nicht im semiotischen Sinne ikonisch vermittelt sein.

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