Eine intensive Erfahrung? – Alles eine Frage der Perspektive

All die Geschichten, Missionen, Nebenmissionen und zufällige Ereignisse, die GTA V bietet lassen sich seit der Portierung des Spiels von alten Systemen wie Xbox 360 oder Playstation 3 auf neue Systeme wie Playstation 4 und Xbox One in einem deutlich anderem Maße erleben. Seit das Spiel für die neue Konsolengeneration erschienen ist, hat der Spieler nämlich die Möglichkeit, aktiv zwischen Third-Person- und Ego-Perspektive zu wechseln. Neben einer schöneren Grafik ist dies mit Sicherheit die bedeutsamste Veränderung gegenüber der „alten“ Version des Spiels.

Bei der Third-Person Perspektive sieht der Spieler die Spielfigur von außen. Durch die Augen eines steten Beobachters verfolgt er die Figur durch das Spielgeschehen, man spricht daher auch von Verfolgerperspektive. Somit bleibt er zwar nah an der Figur dran und erlebt das Geschehen aus nächster Nähe- Eine gewisse Distanz zwischen Spieler und Spielfigur bleibt dennoch bestehen. Diese Perspektive bewirkt ein geringeres Maß an Immersion. Immersion – aus dem Lateinischen immersio „eintauchen“ – beschreibt im Diskurs über Computerspielen die Erfahrungen eines Spielers, sich in einer virtuellen Welt aufzuhalten, quasi das „Eintauchen“ in eine virtuelle Realität.

GTAV Comp
Unten Rechts: Egoperspektive Innen: Third-Person Perspektive

Diese Erfahrung einer virtuellen Welt ist in der Ego-Perspektive weitaus größer. Hierbei erlebt der Spieler das Geschehen aus den Augen der Spielfigur. Das ermöglicht neben einer intensiveren Erfahrung der virtuellen Welt auch einen größeren Grad an Identifikation mit der Spielfigur. Der Spieler wird beim Starten des Spiels, beim Eintauchen in die virtuelle Welt zur Spielfigur selbst und bleibt nicht nur in der Rolle des Beobachters derselben.

Ein Perspektivenwechsel ist für Fans der Reihe kein Novum. In GTA III, welches 2001 erschien, konnte der Spieler die virtuelle Welt erstmals in Third-Person Perspektive erleben. GTA I und II wurden noch in Vogelperspektive dargestellt. Bei allen nachfolgenden GTA-Spielen wurde schlussendlich auf die Vogelperspektive verzichtet. Auf mobilen Spielkonsolen wie Gameboy Advanced und Nintendo DS erlebte sie eine kurze Wiedergeburt. Aus dem einfachen Grund, dass diese Geräte nicht in der Lage waren, die grafisch weitaus komplexere Third-Person Perspektive darzustellen – ein Beleg dafür, dass dieser Perspektivenwechsel hauptsächlich aufgrund neuerer technischer Möglichkeiten realisiert wurde.

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Unten links: GTA II in Vogelperspektive Innen: GTA III in Third-Person Perspektive

Der Grund für die neuartige Möglichkeit in GTA V, auch in Ego-Perspektive zu spielen ist hingegen vermutlich hauptsächlich wirtschaftlicher Natur. Durch die neue Ego-Perspektive können einerseits Spieler, die das Spiel bereits auf einer der beiden „alten“  Spielekonsolen durchgespielt haben einen Anreiz bekommen, das Spiel in aufpolierter Fassung ein weiteres Mal zu kaufen. Andererseits erweitert man damit die Zielgruppe um jene Spieler, die für gewöhnlich auf Spiele in der Ego-Perspektive schwören.

Abgesehen davon erlaubt die neue Möglichkeit, die Perspektiven zu wechseln, die virtuelle Welt in GTA V in einer neuen Intensität zu erleben, wie sie es in einem GTA-Spiel noch nie gegeben hat. Es ist beinahe, als spiele man ein anderes Spiel. Dadurch gerät das Spiel in gewisser Weise auch in einen Genrekonflikt. Waren die Spiele Reihe seit GTA III stets als Third-Person-Shooter kategorisiert, kann man GTA V durch den Perspektivenwechsel – je nachdem für welche Perspektive der Spieler sich entscheidet – durchaus auch als Ego-Shooter bezeichnen. Die neue Perspektive wurde zudem mit gemischten Gefühlen aufgenommen: viele Spieler beklagen mangelhafte Übersicht, sie fühlen sich durch die neue Perspektive beschränkt. Glücklicherweise reicht ein Tastendruck, um wieder in die alte, gewohnte Third-Person-Perspektive umzuschalten.

1 Response

  1. Danke für den wie immer klaren Beitrag!

    Ich frage mich, wieviel wirklich von der optischen Perspektive abhängt, wenn es um die Unmittelbarkeit der Geschehensvermittlung geht. Viele Spiele erlauben ein stufenfreies Umschalten zwischen reiner FPV, FPV+Hände, und TPV. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich mein Erleben dabei in dieser Hinsicht drastisch ändert.

    Ich bin gespannt, was Sie mit Backes Begriffen dazu machen!

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