Schlacht am Ulai-Fluss – Zeitliches Verhältnis von Story und Discourse: Gruppe 2

In den letzten beiden Beiträgen habe ich das Relief der Schlacht in einzelne Bildgruppen aufgelöst, die sich aus formalen Kriterien (Handlungsrichtung, graphische Abgrenzung durch Trennelemente, Standlinine) ergaben. Das Ziel der Gesamtanalyse ist, das Relief auf seine zeitliche und räumliche Verschränkung von Story und Discourse – gezeigter Handlung sowie geschehener Handlung –  anhand seines Layouts und Auswahl an Bildern zu untersuchen. Durch die Unterteilung in Bildgruppen sollten die einzelnen „Panels“ (zutreffender: Interaktionsmomente oder Handlungsinseln im graphischen Raum) jeweils in einen bestimmten bildräumlichen Kontext gebettet werden. Offensichtlich legte der Schöpfer des Bildwerkes Wert darauf, einige Handlungsinseln zu ballen und aneinander zu reihen. Wir müssen diese intentionalen Handlungscluster rekonstruieren, um der mutmaßlichen Verschränkung von bildlicher Anordnung, erzählter Zeit und erzähltem Raum folgen zu können.

In diesem Beitrag soll die Analyse der Zeitlichkeit des Gezeigten mit der Betrachtung der Rahmengruppen beginnen. Zu diesem Zweck werden die einzelnen Gruppen und ihre Panels untersucht auf:

a) Rückbezug: Kommt ein Akteur mehrfach vor, wird er bei mehreren Handlungen begleitet? Gibt es einen Bezug zu vorhergehenden Panels hinsichtlich der Handlung oder der Handelnden?

b) Art der Handlung: Welche Handlungen sehen wir? Folgen mehrere ähnliche Szenen aufeinander spricht dies für detailliertere Zeitlichkeit, sehen wir in kurzer Folge Ansturm, Gefecht und triumphalen Zug, vermuten wir eher ein Zeitraffer.

c) Layout: Position entlang der vermeintlichen Handlungs- und Leserichtung sowie Verdeutlich zeitlich linearer Handlungsstrukturen durch graphische Elemente wie fortgesetzte Standlinien, Verweise auf folgende Panels wie Fingerzeig, einheitliche Blickrichtung etc – oder Fehlen davon.

Gruppe 1 wird aufgrund des Erhaltungszustandes vorerst nicht untersucht.

Gruppe 2 enthält mit Panel 8 den Ausgangspunkt für Leser des Reliefs, wenn man konventionelle Leserichtungen annimmt.

  • Panel 8:
    • Rückbezug: Erstes Panel unterhalb des oberen Rahmens. Gegebenenfalls Rückbezug auf Gruppe 1 als Beginn der Vorgeschichte. Auftreten assyrischer Soldaten ohne persönliche Merkmale, gerüstete aufgeriebene Elamer mit gleicher graphischer Darstellung von Ethnizität wie abgeführte Gefangene in Gruppe 1 (Kleidungsttil, .
    • Handlung: Assyrer und Hilfstruppen stürmen einen Hang hinunter. Gefallene Feinde bedecken den Berg oder stürzen hinab. Kaum Interaktion zwischen Figurengruppen, einheitliche Bewegung der Akteure.
    • Layout: Anfang der der Leserichtung nach ersten Bildgruppe. Abhang dient als Standlinie, die zugleich direkt in Gruppe 3 überleitet. Panel 8 trennt die übrigen Panels der Gruppe durch den Hang vom Rest des Reliefs ab. Entlang des Hanges kleiner werdende Figuren, allgemein kleiner als im restlichen Relief.
  • Panel 9:
    • Rückbezug: Gefallene aus Panel 8 gehen in Panel 9 über, Elamer im Stil von Panel 8.
    • Handlung: Pferd eines Elamers geht zu Boden, der Reiter von einem Pfeil getroffen.
    • Layout: Eigene Standlinie, verbunden mit Panel 8 durch Überlappung des getroffenen Reiters mit Gefallenen, in Panel 8 wiederum Überlappung des Hanges durch eine weitere Leiche, die ihren Köcher verloren hat. Panel 8 verweist auf Panel 9 durch senkrecht nach unten zeigenden Sterbenden.
  • Panel 10:
    • Rückbezug: Assyrischer Hilfssoldat aus Vasallenstaat wie in Panel 8 (gleiche Kopfbedeckung wie Schützen), gleichartige Gefallene, verlorengegangene Köcher wie zwischen Panel 8 und 9.
    • Handlung: Hilfstruppler schändet (oder schindet gar?) gefallene Elamer.
    • Layout: Keine graphische Standlinie, Stand im „leeren“ Raum des Hanges.
  • Panel 11:
    • Rückbezug: Keine bisher aufgeführten Akteure
    • Handlung: Streitwagen überrollen Elamer
    • Layout: Beginn der untersten Standlinie. Figuren überlappen Ende von Panel 8. Gleichzeitig Beginn ebenso weit links wie Panel 8 – gleich weit am Rand, gleicher Zeitpunkt der Schlacht? Bogenschützen kommen vom oben, Streitwagen donnern über die Ebenen? Figuren werden größer als in der restlichen Gruppe; eine Figur der Größe von Panel 11 geht direkt in eine größere Figur aus Panel 32 über – Verweis auf Folgehandlung?
  • Fazit der Gruppe: Von zwei Punkten aus wird in dieser Gruppe die Schlacht initiiert. Panel 11 ist ein Hybrid zwischen Gruppe 2 und Gruppe 3 und stellt ein zeitliches wie räumliches Bindeglied zwischen beiden Gruppen dar. Panel 9 und 10 treiben die „Rahmenhandlung“ nicht voran und scheinen mehr der Zierde oder der Raumfüllung zu dienen, während Panel 8 und 11 klare Verweise auf folgende Handlung bieten und somit zeitlich strukturierend wirken. Durch diese Wirkung der Verbundenheit in der Zeitlinie wirken sie dynamischer als die isolierten Handlungen aus 9 und 10, was gleichzeitig zum Inhalt passt: Panel 9 und besonders 10 zeigen Handlungen um einzelne Figuren sowie Vorgänge (Leichenfleddern), die kein eigentliches Schlachtmanöver, sondern nur Begleiterscheinung der Schlacht sind. 8 und 11 stellen als Ansturm die wohl historisch rasantesten Momente eines Schlachtverlaufes und führen direkt zum blutigen Gefecht in Gruppe 3.

Funktioniert diese Herangehensweise in euren Augen? In diesem Fall werde ich in den kommenden Tagen die restlichen Gruppen analog auseinandernehmen und dann in Verbindung setzen.

1 Response

  1. Mir leuchtet das sehr ein — es macht mir sowohl die Darstellung als auch Ihre Fragestellung transparenter. Ihr Verfahren ist dem von Ulrich Krafft (Comics lesen, 1978) nicht unähnlich; vielleicht lohnt sich ein (erneuter ich weiß) Blick darauf zur Unterstützung?

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