Exkurs: Textverstehen

Lessing geht ja davon aus, dass Bild und Text oder Malerei und Poesie nicht auf die gleiche Weise erzählen können, weil es sich um zwei unterschiedliche Systeme handelt, denen unterschiedliche Mittel und Gegenstände zur Verfügung stehen.

Dazu eine andere Sichtweise….

Three_levelTheorie der drei Ebenen des Textverstehens 

Laut dieser Theorie verstehen wir einen Text auf drei Ebenen. Zunächst auf der Ebene der Oberflächenstruktur, sie ist das Abbild der genauen Formulierung der Sätze im Text. Diese Ebene Fragt nach dem formalen Zusammenhang der Sätze (Kohäsion).

Beispiel: Wiederholungen

“ Wir holten Bier aus dem Keller. Das Bier war warm“

Die nächste Ebene ist die Textbasis. Die Textbasis ist eine Repräsentation der semantischen Bedeutung der Textinformation. Sie ist unabhängig von der exakten Formulierung. Auf dieser Ebene geht es um den inhaltlichen Zusammenhang (Kohärenz). Auf dieser Ebene nutzen wir bereits unser Weltwissen, und ergänzen Infos, um einen inhaltlichen Zusammenhang zu erzeugen.

Beispiel: Temporale Kohärenz

„Die Vorlesung begann. Eine halbe Stunde später war ich eingeschlafen“

Die dritte Ebene ist das Situationmodell. Auf dieser ebene ist kein Text mehr vorhanden, wir konstruieren mit den Infos aus der Textbasis ein mentales Bild der beschriebenen Situation.

Studien haben gezeigt, dass nach dem Lesen eines Textes die genaue Formulierung der Sätze (Oberflächenstruktur) schnell wieder vergessen wird. Das Situationsmodell, also das mentale Bild bleibt hingegen deutlich länger präsent.

Könnte es  sein, dass Text und Bild am Ende das Gleiche sind bzw. das wir jede Art von Text in ein Bild überführen ?

Auf den Comic angwendet gibt es wie beim Text eine synatkatische Ebene auf der Kohäsion geschaffen werden muss. Das heißt, die Figuren müssen  in jedem Panel gleich gezeichnet werden. Sie dürfen also nicht spontan in einer anderen Hautfarbe oder mit drei Augen gezeichnet werden.

Auf der semantischen Ebene muss der Comic, um Kohärenz zu erzeugen inhaltlich logisch sein. Also keine willkürlichen Zeit oder Ortssprünge.

Das Situationsmodell ist im Comic durch die Panels bereits gegeben. Dennoch werden die gesamten Panels in ein großes Situationsmodell eingefügt, das Infos darüber enthält wer die Personen sind, was bisher passiert ist und welchen Verlauf die Geschichte nehmen könnte.

Hintergrund- und Weltwissen spielt auf einen Ebenen ein wichtige Rolle.

 

 

Bild: .wikibooks.org/wiki/Cognitive_Psychology_and_Cognitive_Neuroscience

Kintsch, Welsh, Schmalhofer & Zimny, 1990 – Evidenz für Levels

van Dijk & Kintsch, 1983; Kintsch, 1998 – Levels of text representation

3 Responses

  1. Danke für den neuen Ansatz! Was trägt er aus Ihrer Sicht zur Analyse bei?

    Ich frage mich, ob die gleiche Darstellung der Figuren im Comic wirklich der syntaktischen Ebene geschuldet ist. Manche Comics wechseln innerhalb von Sequenzen den Stil der Zeichnung, viele Cartoons erhalten im Comic von Panel zu Panel neue Körperteile. (Donald hat Zähne nur, wenn er sie fletschen muss.) Ist das wirklich Kohäsion, die wir da fordern, oder nicht vielmehr eine einheitliche Situation?

    Inwiefern ist andererseits das Situationsmodell durch die Panels bereits gegeben? Sind sie nicht ebenso nur Abbilder, häufig noch dazu stark verformte, und über Syntax und Semantik auf eine abgebildete Situation bezogen?

    Und: Was macht dieses Modell mit dem von Schüwer angesprochenen Problem einer Untrennbarkeit von Signifikant und Signifikat im Comic? Müsste das nicht auch für die Trennung in Textoberfläche und Semantik einerseits, Situation andererseits gelten?

  2. Tut mir Leid, dass ich so spät erst antworte.
    Ich denke, dass es sich auf der Ebene der Oberflächenstruktur nur um Kohäsion handelt und dass der Anspruch einer einheitlichen Situation erst entsteht, wenn wir auf der Ebene der Textbasis Inferenzen ziehen.
    Auf der ersten Ebene geht es nur um den formalen Zusammenhang der Panels. Es ist also bei ihrem Beispiel zunächst wichtig das Donald als Donald erkennbar bleibt. Veränderungen werden dann auf der Ebene der Textbasis entweder durch Kohärenz oder Inferenzen erklärt. Wir wissen beispielsweise aus Erfahrung, dass Dinge, die wir nicht sehen dennoch da sein können. Wenn mein Handy auf dem Tisch liegt weiß ich trotzdem, dass der Tisch unter dem Handy weiter existiert, obwohl ich ihn nicht sehen kann.
    Beim Situationsmodell stimme ich ihnen zu, dass es durch die Panels teilweise schon vorgegeben ist. Ich glaube jedoch, dass die Panels eine richtung vorgeben das Situationsmodell jedoch bei jedem Rezipienten Anders aussieht, weil Jeder abhängig von Hintergrundwissen andere Inferenzen zieht.
    Im Bezug auf Schüwer wiederspricht das Modell einer Untrennbarkeit von signifikant und Signifikat. Signifikant ist eher auf der ebene der Oberflächenstruktur und wird formal analysiert, das Signifikat ist dagegen auf der Situationsebene angesiedelt und kann sich von Leser zu Leser unterscheiden. wenn beispielsweise im Comic über eine Person gesprochen wird, die nicht im Comic auftaucht, dann sich jeder eine andere Situation vorstellen. Selbst wenn man die Comicfigur sieht kann man sich noch vorstellen wie ihre Stimme vielleicht klingt.

  3. Eine Frage hätte ich. Sie schreiben „Studien haben gezeigt, dass nach dem Lesen eines Textes die genaue Formulierung der Sätze (Oberflächenstruktur) schnell wieder vergessen wird. Das Situationsmodell, also das mentale Bild bleibt hingegen deutlich länger präsent.“ – haben Sie hierfür eine Quelle?

    Beste Grüße
    Marian Pollok

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