Das Salz der Erde: Die Fokalisierung und Perspektivierung der Erzählung

Nachdem ich mich im letzten Beitrag mit dem Kapitel „Narrative Instanzen“ aus Markus Kuhns Filmnarratologie auseinandergesetzt habe, werde ich nun das darauffolgende Kapitel „Fokalisierung und Perspektivierung“ im Hinblick auf den Film „Das Salz der Erde“ untersuchen. In der vorangehenden Analyse konnte ich bereits beobachten, dass das Äquivalent zu Genettes Kategorie der „Stimme“ in Kuhns Instanzenmodell durch das Nebeneinander visueller und sprachlicher Erzählinstanzen vor und auf der Linse und somit nicht allein durch die Frage „Wer spricht?“ bestimmt werden kann. Daraus ergeben sich komplexe und medienspezifische Beziehungen zwischen Erzähltem und Gezeigtem, Gezeigtem und Gehörtem, Gesehenem und Gesprochenem, Produziertem und Präsentiertem sowie Objektiviertem und Subjektiviertem, die im Folgenden näher bestimmt werden sollen.

Auch ein Dokumentarfilm ist in jeder seiner scheinbar objektiven Darstellungen von einem Blick durch und auf die Linse – einem zum Objekt eingenommenen Blickwinkel und Standpunkt – geprägt und deshalb nie rein ‚objektiv‘. Jeder Ausschnitt der erzählten Welt wird immer schon selektiert und perspektiviert, weil er intendiert produziert und präsentiert wird. Auch wenn im Film „Das Salz der Erde“ nicht von einer subjektiven Kamera als eindeutigste Form der Fokalisierung gesprochen werden kann, wird eine perspektivische Subjektivität durch eine besondere Weise der Blickmontage erzeugt. So sind es drei Männer, die jeweils vor und hinter der Kamera durch ihren Blick die jeweilige Geschichte vor der Linse produzieren sowie präsentieren und sich in der Anzeige und Aussprache dessen zu erkennen geben. Dabei handelt es sich aber wiederum um eine Konstellation, die in den Bildern selbst markiert ist, wodurch Subjektivität Identität erzeugen kann. Denn erst wenn eine Fokalisierungsinstanz als solche klar identifiziert und damit als subjektivierte Wahrnehmung erkannt werden kann, wird der Blick des Bildsubjekts durch die Linse zum Blick auf der Linse des Rezipienten. So äußern sich die Erzählinstanzen erst in der Stellung zu den Bildern sowie in der Geschichte von den Bildern, die immer auch die Geschichte eines Blickes durch und auf die Linse von Fokalisierungsinstanzen ist. Dennoch ist durch den appellativen Charakter der Bilder nicht nur die Möglichkeit gegeben, durch sie hindurch zu sehen, sondern auch sie auf sich wirken zu lassen.

Aber wie kann das Konzept einer visuellen Erzählinstanz als filmische Grundvoraussetzung von der Fokalisierung unterschieden werden? Kuhn beantwortet diese Frage, indem er die visuelle Erzählinstanz vor allem als das Zusammenspiel von Produktion und Präsentation begreift: „Die visuelle Erzählinstanz ist […] eine durch Kamera und Montage selektierende, perspektivierende, akzentuierende, gliedernde, kombinierende und organisierende Vermittlungsinstanz.“ (Kuhn 2013: 90). Die Fokalisierung entsteht demnach erst durch das Zusammenwirken von Kamera und Montage, indem die Aufnahmen zueinander in Relation gesetzt werden. Folglich geht es bei der visuellen Erzählinstanz gerade nicht um die Frage „Wer sieht?“, wie sie Genettes Kategorie des „Modus“ beantworten soll, sondern vielmehr um die Fragen Wer produziert und wer präsentiert die Bilder, die etwas zu sehen geben? . Darüber hinaus unterläuft Kuhn „die strikte Trennung der Fragen ‚Wer sieht?‘ und ‚Wer spricht?‘“ (Kuhn 2013: 122), indem er Genettes Begriff der Fokalisierung dahingehend modifiziert, „dass sowohl sprachliche als auch visuelle narrative Instanzen fokalisieren können“ (ebd.). Zudem präzisiert Kuhn Genettes Bestimmung, wenn er die „Möglichkeit zur Informationsselektion und -relationierung“ (Kuhn 2013: 123) über die Figuren zum entscheidenden Fokalisierungskriterium erhebt. Daraus geht in Anlehnung an François Josts Differenzierung von Fokalisierung und Okularisierung als visuelle Fokalisierung bzw. Aurikularisierung als auditive Fokalisierung eine Abgrenzung zwischen dem hervor, was über das Wissen und Fühlen einer Figur und dem, was über die Wahrnehmung einer Figur vermittelt wird. So ist es beim Film „Das Salz der Erde“ gerade die Wahrnehmungsrelation des Blicks durch die Linse (die Informationsrelation zwischen der jeweiligen visuellen Erzählinstanz und der jeweiligen Figur) und des Blicks auf die Linse (die Informationsrelation zwischen der jeweiligen sprachlichen Erzählinstanz und der jeweiligen Figur), die die Fokalisierung bestimmen lässt.

Der Blick durch die Linse

Die visuellen Aspekte der Wahrnehmung sind primär dadurch bestimmt, dass die Fotografien des Fotografen sich durch ihre Unbewegtheit innerhalb der Bewegtheit der Bewegtaufnahmen der beiden Filmer abheben, wobei Wenders Aufnahmen in Schwarz-Weiß gehalten sind und Salgados Sohn Juliano über Farbaufnahmen auch aus der älteren Vergangenheit verfügt. Die drei Kameramänner sind jedoch nicht nur durch ihre subjektive Blickweise auf das Bild vertreten, sondern ebenso als Figuren im Bild, wodurch es sich jeweils um eine figurengebundene Kameraführung handelt. Somit ist das, was die jeweilige visuelle Erzählinstanz von der Produktion und Präsentation der Bilder zeigt an die Wahrnehmung der jeweiligen Figur gebunden, wodurch hierbei eine interne Fokalisierung bei interner Okularisierung einhergeht. Folglich zeigt die jeweilige visuelle Erzählinstanz in etwa das, was die jeweilige Figur weiß und zugleich wahrnimmt, wodurch dem Zuschauer der Blick durch die Linse ermöglicht wird.

Die auditiven Aspekte der Wahrnehmung können sowohl als musikalische Atmosphäre aus dem Inneren einer Figur stammen als auch an der Oberfläche den Fortgang der Erzählung kommentieren. Auffallend ist hierbei, dass die Sequenzen in der „Teleprompter-Dunkelkammer“ durch eine interne Aurikularisierung im Sinne eines markierten und intendierten Zuhörens gekennzeichnet sind. Hierbei wird eine auditive Subjektivität durch Aktualität der Medialität erzeugt, was den Blick durch die Linse zusätzlich erweitert. So werden die Bilder und damit das vom Fotografen durch die Linse Gehörte und Gesehene nicht nur als Erinnerung, sondern als erneutes Erleben hervorgerufen. Salgado scheint somit mit offenen Ohren und Augen den Blick durch die Linse ein weiteres Mal zu wagen. So wird auch durch auditive Aspekte der Wahrnehmung dem Rezipienten nicht nur ein Einblick in mentale Prozesse des Fotografen ermöglicht, sondern ebenso der Blick durch die Linse als Fotograf selbst.

Der Blick auf die Linse

Darüber hinaus muss aber von einer Nullfokalisierung im Hinblick auf die verbale Darstellung der Informationsrelation zwischen Erzählinstanzen und Figuren gesprochen werden. Wenn also fakultative sprachliche Erzählinstanzen im Film mehr sagen als durch den Blick durch die Linse gezeigt wird, ist der Blick auf die Linse zwangsläufig ein Mehrwert an Informationen, der nur verbal kommuniziert werden kann. So kann Wenders als Stimme aus dem Off durch seinen Blick auf die Linse Salgados Blick durch die Linse kommentieren. Hierbei sagt Wenders als sprachliche Erzählinstanz mehr als Salgado als Figur weiß. Diese Informationsrelation wird dadurch ermöglicht, dass Wenders als Begleitung zur visuellen Erzählinstanz in Erscheinung tritt und damit die Produktion und Präsentation der Bilder im Blick durch die Linse hat, die etwas zu sehen geben, was er wiederum durch seinen Blick auf die Linse zu sagen geben kann. Somit sind es die Schnittstellen von Produktion und Präsentation, visueller Erzählinstanz und fakultativer sprachlicher Erzählinstanzen sowie „Stimme“ und „Modus“, die die komplexen Blickbeziehungen des Films sichtbar und schließlich sehenswert machen. Um genau diese Blickmontage mit eigenen Augen wahrnehmen zu können, folgt nun eine Sequenz aus dem letzten Drittel des Films:

© Decia Films

 

Literatur:

  • Kuhn, Markus: „Narrative Instanzen“. In: Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin (u.a.): Walter de Gruyter 2013, S. 81-115.
  • Ders.: „Fokalisierung und Perspektivierung.“. In: Ebd., S. 119-167.

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