Her Morning Elegance: Akustische und optische Reize

Zu Beginn meiner Analyse bin ich von einer Dominanz der Bilder ausgegangen. Gerade durch die starke visuelle Prägung in heutiger Zeit und dem Seminartitel „Erzählen Bilder?“ habe ich zuerst den Fokus auf die Fotoabfolge gelegt. Siegfried Kracauer sagt zur Dominanz der Bilder Folgendes: „Das Medium Film, so scheint es, kann der Musik keine Hauptrolle gestatten und muss daher automatisch ihren Prioritätsanspruch zurückweisen.“ (zitiert nach Rösing (2003): S. 9)

Jedoch wurde mir nach häufigem Betrachten des Musikvideos bewusst, dass es die Töne sind, die die Bilder dominieren und damit beeinflussen und diese leiten. Auch wenn die Bilder ohne Ton funktionieren und eine Geschichte erzählen können, so fehlte mir beim Betrachten des Musikvideos ohne Ton die Leichtigkeit und die Emotionen. Diese können meiner Meinung nach nur im Zusammenspiel mit der Musik funktionieren. Und musikalisches Erleben könne, nach Helmut Rösing, nur durch eine Kopplung von auditiven Reizen und optischen Eindrücken zustande kommen (vgl.: Rösing (2003): S. 14 ).

Aus diesem Grund habe ich mir die Verbindung von Bild und Ton nochmal im ganzen Musikvideo angeschaut und möchte die Ergebnisse im folgenden Blogbeitrag zusammenfassen. Ich möchte die Analyse detailliert an jeder Strophe vornehmen.

Zu Beginn ist ein musikaisches Intro zu hören. Dieses Intro führt uns auch in die Situation ein: Wir sehen die Protagonistin schlafend auf ihrer Matratze. Die Sonne geht auf. Sie hat jedoch die Augen noch geschlossen. Sobald das Glockenspiel im Vordergrund zu hören ist, sehen wir eine Detailaufnahme ihres Gesichtes.

Sobald Oren Lavie anfängt zu singen, beginnt die Protagonistin ihre Traumreise.

Sun been down for days
A pretty flower in a vase
A slipper by the fireplace
A cello lying in its case

Der Rhythmus der Melodie bestimmt die Schritte der Frau. Wir befinden uns immer noch auf der Matratze. Nachdem der Sänger über das Cello gesungen hat, hören wir nicht nur ein Instrumentensolo des Cellos, sondern sehen dieses auch auf der Bildebene. Die Melodie wird dadurch melancholischer. Passend dazu geht die Kamera wieder näher an die Protagonistin heran. Durch die Nahaufnahme hat der Rezipient einen Zugang zu ihren Emotionen.

Sobald er wieder weitersingt ergibt sich eine neue Situation:

Soon she’s down the stairs
Her morning elegance she wears
The sound of water makes her dream
Awoken by a cloud of steam
She pours a daydream in a cup
A spoon of sugar sweetens up

Langsam addiert sich hinter der Frau ein Mann. Wie ein Schatten legt sich zuerst die Hose, dann das T-Shirt und schließlich die gesamte Person zu ihr auf die Matratze. Hier entsteht ein starker Kontrast zu der hell gekleideten Frau. Das Schwarz wirkt wie ein Gegenpol. Geht der Sänger mit seiner Stimme bei „dream“ hoch, verschwindet der Mann wieder aus der Situation. Passend zur „cloud of steam“ kommen jetzt graue Wolken und ein Herbststurm in ihrem Traum vor. Geht die Stimme des Sängers zum Ende der Strophe „sweetens up“ wieder hoch, wird sie vom Wind weggeweht, dreht sich und wir befinden uns an einem anderen Ort, ohne die Matratze zu verlassen. Beginnt der Sänger den Refrain zu singen, muss sich der Rezipient erst wieder neu orientieren und die sich Situation klar werden. Beim Verständnis hilft der Text:

And she fights for her life
as she puts on her coat
And she fights for her life on the train
She looks at the rain
as it pours
And she fights for her life
as she goes in a store
with a thought she has caught
by a thread
she pays for the bread
and she goes…
…Nobody knows

Durch den Hinweis „train“ im Songtext wird dem Rezipient die neue Szene klar. Dann wechselt aber der Schauplatz sogleich wieder. „She looks at the rain as it pours“. Diese Zeile wird von Blitzeffekten unterstützt. Das weiße Laken, dass nun hinzugekommen ist, ist ein starker Kontrast zum vorher gezeigten dunkel dargestellten Zug. Zudem bekommt der Betrachter des Musikvideos bei dem Vers „And she fight for her life“ wieder näher an die Frau ran und wir erkennen ihre Emotionen besser. „Caught by a thought“ bringt die Protagonistin wieder zurück in den Zug. Hier finde ich persönlich, dass die Szene, in der sie den Regen beobachtet, auf der metametadiegetischen Ebene spielt. „And she goes… Nobody knows“ bringt den Rezipienten wieder zur Ausgangssituation zurück: Die Protagonistin befindet sich wieder auf der weißen Matratze. Durch das instrumentale Zwischenpiel sind wir wieder auf der intradiegetischen Ebene. Sie ist wieder zugedeckt.

Doch dann beginnt der Sänger mit der nächsten Strophe und es gibt eine Neuheit im Bild:

Sun been down for days
A winter melody she plays
The thunder makes her contemplate
She hears a noise behind the gate
Perhaps a letter with a dove
Perhaps a stranger she could love

Jetzt erkennt der Rezipient, dass es sich bei dem schwarzgekleideten Mann um den Sänger Oren Lavie handeln muss. Er singt den Text auch im Musikvideo direkt mit. Deshalb sehe ich hier die Musik zum einzigen Mal auf der Ebene der visuellen Erzählinstanz. Im restlichen Musikvideo spielt die Musik auf der Ebene der sprachlichen Erzählinstanz (vgl.: Kuhn (2013): S. 85). Geht seine Stimme bei „contemplate“ wieder hoch, fliegt die Protagonistin auch auf der Bildebene nach oben. Geht der Sänger mit seiner Stimme bei „dove“ nach unten, verschwindet er am unteren Matratzenrand aus dem Bild.

Ist die Frau oben auf den Wolken angekommen, beginnt die nächste Strophe:

And she fights for her life
as she puts on her coat
And she fights for her life on the train
She looks at the rain
as it pours
And she fights for her life
as she goes in a store
with a thought she has caught
by a thread
she pays for the bread
and she goes…
…Nobody knows
Nobody knows

Sobald er anfängt zu singen, rennt und springt sie los. Bei dem Satz „And she fight for her life on the train“ stolpert sie und fällt aus dem „Himmel“. Passend zur Zeile „She looks at the rain as it pours“, fliegt sie wie ein „Regentropfen“ vom Himmel ins Meer. Jetzt kämpft sie unter Wasser um ihr Leben. Zu Beginn strampelt sie passend zum Liedtext wild umher, wird dann jedoch ruhiger und ihre Bewegungen werden fließender. Um die Worte „Nobody knows“ steht das Glockenspiel wieder im Vordergrund und wir bekommen eine weitere Nahaufnahme der Protagonistin.

Danach ertönt wieder ein Streichersolo. Wahrscheinlich handelt es sich um das Cello, welches bereits zu hören war. Mit diesem instrumentalen Teil beginnt zum ersten Mal eine Interaktion zwischen den beiden Protagonisten. Sie tanzen zusammen und ihre fließenden Bewegungen werden durch die fließenden Töne unterstützt.

And she fights for her life
as she puts on her coat
And she fights for her life on the train
She looks at the rain
as it pours
And she fights for her life
as she goes in a store
where the people are pleasantly strange
and counting the change
as she goes…
…Nobody knows…
…Nobody knows…
…Nobody knows…
(Songtext: Klant (2012): S. 202)

Wenn wieder gesungen wird, bewegen sich beide parallel zueinander. Die „pleasantly strange“ people werden auch visuell unterstützt. Die beiden Protagonisten sind nicht nur verkleidet zu sehen, sondern entwickeln auch neue Formen, wie man auf einer Matratze liegen kann.

Bei den letzten drei Zeilen, in denen immer das Gleiche gesungen wird („Nobody knows“) haben wir drei verschiedene Szenen: Beim ersten Mal sind beide Protagonisten kuschelnd auf der Matratze, beim zweiten liegt nur sie da, beim dritten und letzten öffnet sie die Augen, steht auf und geht.

Durch diese Analyse hoffe ich, dass ich den Zusammenhang zwischen Ton und Bild besser und ausführlicher darstellen konnte.

Wichtig für die Analyse ist zudem, dass das Lied vor dem Musikvideo entstanden ist. Dabei hat sich wohl jeder Hörer schon seine eigenen bildlichen Vorstellungen zum Text gemacht. Dieses Problem spricht auch Rösing in seinem Aufsatz an: „Dabei pflegt die qualitative Kluft zwischen filmischer Ins-Bild-Setzung und intrasubjetiven Vorstellungsbildern bei Musik mit deutlich auskomponierter visueller Ebene als besonders krass empfunden zu werden.“ (Rösing (2003): S. 17). Auch die Medienform des Musikvideos ist gesondert zu beachten. Im Gegensatz zur Musik im Spielfilm, spielen die Töne hier eine andere Rolle: „Beim Spielfilm fungiert in der Regel die Musik als Ergänzung zur Bild- und Handlungsfolge, beim Videoclip dagegen eröffnet die optische Ebene zur Musik den Einstieg in illustrierte, situative, narrative und/oder assoziative Bilderwelten.“ (Rösing (2003): S.17).
Ergänzend ist zu sagen, dass die audiovisuellen Medien durch die Kopplung von Bild und Ton eine sehr hohe Informationsdichte haben. Durch diesen hohen Informationsgehalt wird der Rezeptions- und Interpretationsprozess durch die gleichermaßen miteinander agierenden akustischen und optischen Reize erschwert (vgl.: Rösing (2003): S. 19). Ich konnte mich beim ersten Betrachten des Musikvideos nur auf die Bilder konzentrieren, mit der Zeit wurde mir das Zusammenspiel jedoch immer deutlicher.

Literatur:
Klant, Michael: „Ein Tagtraum in Stop motion“. In: Grundkurs Film 3: Die besten Kurzfilme. Braunschweig: Schroedel 2012, S.202-204.
Kuhn, Markus: „Narrative Instanzen“. In: Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin (u.a.): Walter de Gruyter 2013, S. 81-115.
Rösing, Helmut: „Bilderwelt der Klänge – Klangwelt der Bilder. Beobachtungen zur Konvergenz der Sinne“. In: Helms, Dietrich und Phleps, Thomas [Hrsg.]: Clipped Differences: Geschlechterrepräsentationen im Musikvideo. Bielefeld: Transcript 2003, S. 9-23.

2 Responses

  1. Deine Analyse des Zusammenhangs von Ton und Bild ist sehr gut nachvollziehbar. Dadurch, dass Du die Lyrics aufgeschrieben hast, ist mir erst klar geworden, dass diese tatsächlich doch eine sehr große Wirkung auf das Bild ausüben können.

    Mir ist nur eines unklar. Zum Refrain sagst Du, dass sich die Frau, als sie aus dem Fenster den Regen beobachtet, auf der metametadiegetischen Ebene befindet. Dass es sich also um eine zweifache Binnenerzählung handelt. Ich meine aber, dass es sich bei dieser Szene lediglich um einen Perspektivwechsel von innerhalb des Zuges nach außen auf den Wagon handelt. Die Frau befindet sich demnach immer noch auf der metadiegetischen Ebene, die durch den beginnenden Liedtext eingeleitet wurde. (Intradiegetisch träumt die Frau…) Habe ich da etwas verpasst oder missverstanden?

  2. Danke für deine Anmerkung. Ich habe die Szene etwas anders gedeutet und dachte sdass die Protagonistin sich vielleicht in einem Haus aufhält… Danke für den Hinweis, es ist wahrscheinlicher, dass sie sich immer noch im Zug befindet und dort aus dem Fenster schaut, welches in den Aufnahmen davor ja angedeutet wird. Ich habe mich durch die weißen Laken in die Irre führen lassen und gedacht, dass sie aus einem Fenster aus einem Haus schaut… Dann stimmt die Ebene natürlich auch nicht mehr. Sie ist immer noch in der einen metadiegetischen Traumebene.
    Auf der intradiegetischen Seite sehe ich den Beginn und das Ende des Films (Sie schläft und träumt). Ihre Träume sind für mich metadiegetisch. Die Aufnahmen des Fotografens sehe ich als extradiegetische Erzählung an. Dazu wollte ich im nächsten oder übernächsten Blogpost berichten. Wie siehst du die Ebenen?

Schreibe einen Kommentar