Dri Chinisin: Bestandsaufnahme.

Im folgenden Post möchte ich meine bisherige Analyse rekapitulieren, indem ich mich bemühe, die verschiedenen Überlegungen im Hinblick auf die Fragestellung nach der Intermedialität einer Erzählinstanz einzuordnen. Ausgangspunkt meiner Medienanalyse war Irina Rajewskys Intermedialitäts-Begriff, vor dessen Hintergrund ich die bestehende intermediale Beziehung zwischen dem Ursprungsmedium der Erzählung und der Comicadaption herausstellen und den bestehenden Medienkontakt eindeutig verorten konnte. 

Ich habe mich mit der Frage nach dem Expliziten beschäftigt, dies zunächst vor dem Hintergrund der Rancièreschen Kategorien von Sichtbarkeit und Sagbarkeit. Die Betrachtung der Schrift-Bild-Verhältnisse in Ein Tag, der zuletzt doch nicht im Sande verlief ergab, dass grafische und sprachliche Zeichen die beiden Kategorien jeweils für sich beanspruchen können.

Ungeachtet dessen kann jedoch eine bestehende Gewichtung auf der visuellen Ebene konstatiert werden. Das Visuelle im Comic nimmt allein schon deshalb eine hierarchisch übergeordnete Stellung ein, da es die Rezeption des Lesers organisiert. Ob diese Autorität denn zwangsläufig mit der impliziten Autorität eines Erzählers zusammenfällt, bleibt indes zu klären. Kuhn spricht der sprachlichen Erzählinstanz im Film eine fakultative Rolle zu, ist diese der visuellen Formulierung einer Stimme nebengeordnet.

Vor allem in Anbetracht des Medienkontakts zur rein literarischen Erzählung und der bildlichen Übersetzung sehe ich hier noch Analysebedarf.

Zum anderen könnte dies daran liegen, dass im Comic die Kategorie des explizit Dargestellten den grafischen Elementen zufällt, in welchem Zusammenhang ich mich wiederholt auf die Schüwersche Kritik an der Anwendbarkeit der strukturalistischen Trennung von Story und Discourse auf den Comic, bezogen habe. Ich bin deshalb von einer Comicbildern eigenen semantischen Eindeutigkeit ausgegangen, die einen fiktiven Objektbezug in sich selbst finden, während sprachliche Zeichen gemäß einem strukturalistischen Ansatz als Referenten einer „erzählten Welt“ gelten.

Die Umwandlung oder Übersetzung der vormals sprachlichen Zeichen in erzählende Bilder spannt ein Netz verschiedener Signifikant-Signifikat-Relationen auf. Im Beispiel werden einzelne Sätze teils direkt übernommen, andere dagegen von der sprachlichen Diegese, einer bloßen Mimese-Illusion in bildlich darstellende Mimese überführt. Auch hier bin ich an die Grenzen des strukturalistischen Ansatzes für den Comic gestoßen, was die Ausweitung des Zeichenbegriffs auf triadische Verhältnisse nahe legt, um die komplexen Objekt-Relationen zu beschreiben.

Eine Engführung von Chatmans substance of content Begriff mit der Pierceschen Zeichentheorie lässt mediale Materialisierung als Aktualisierungen abstrakter zeichenhafter Qualitäten auffassen und hilft so die Übertragbarkeit des vormals rein sprachlichen Ausdrucks im Comic medienspezifisch herauszustellen.

Vielleicht könnte man auch überprüfen, ob die Überwindung einer dualen Zeichentheorie (im Sinne strukturalistischer Erzähltheorie) mit der zunehmenden Überschreitung der Kommunikationsinstanzen in Kuhns Modell einhergeht. Die Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern wird zu einem triadischen Gefüge zeichenhafter Vermittlung aufgefächert. Gerade die gedachte Erzählinstanz rückt immer mehr zusammen mit dem impliziten Autor, der die Stimmen der Wer spricht?-Kategorie bündelt.

Im letzten Post hat sich die Frage nach der Erzählinstanz im Comic auf die Begriffe von SEI und VEI nach Kuhn zugespitzt. Da der Rezipient die dargestellte Figur als Protagonisten liest und im selben Zuge die schriftsprachliche Stimme mit diesem Wesen synthetisiert, fällt der sprachlichen SEI die implizite Autorität eines zeitlich rückblickenden homodiegetischen Erzählers zu. Der Beitrag der VEI zur Erzählsituation scheint in der perspektivischen Gewichtung der Okularisierung zu liegen, wobei die Autorität der SEI teils erweitert, gestützt oder etwa durch zeitliche Verzögerung in Frage gestellt wird. Ich denke, dass gerade die Zeitlichkeit der Erzählung (und der intermediale Vergleich mit der literarischen Erzählung dieser) ein möglicher Anhaltspunkt einer weiteren Analyse der Erzählinstanz sein kann.

Zudem möchte ich, um das Problem einer vermeintlich fakultativen SEI in der vorherrschend visuellen Rezeption zu verhandeln, den kognitivistischen Erzählbegriff Schmids anwenden. So soll sich eine Tendenz herausbilden, ob die Erzählung durch das Konzept der Narreme, als Syntheseleistung, die auf die Rezipientenseite des Kommunikationsgefüges ausgelagert wird, im vorliegenden Beispiel ohne Erzählinstanz auskommt. In diesem Fall wäre die gesuchte Erzählinstanz kein intermediales Bindeglied zwischen Literatur und Comic, sondern müsse als rein sprachliches Phänomen aufgefasst werden, dessen Aussagekraft nicht durch die direkte Konkurrenz expliziterer Bilder unterwandert wird.

Schreibe einen Kommentar