Schlacht am Ulai-Fluss – Zeitliches Verhältnis von Story und Discourse: Gruppe 3

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Gruppe 3

 

Gruppe 3 wird durch den Übergang von Panel 11 und Panel 8 aus Gruppe 2 hin zu Panel 32 eingeleitet. Die Analyse des vorherigen Beitrages soll hier fortgesetzt werden. Der Begriff „Rückbezug“ wird weiterverwendet. Im Nachhinein hätte ich wohl lieber von einer Art Kontinuität gesprochen, die über die aktuell für ein Panel feststehende Handlung beziehungsweise sein Interaktionsmoment hinaus geht.

 

  • Panel 32:
    • Rückbezug: Schützen-Hilfstruppe und Assyrer wie in Panel 8 eingeführt, auch hier wieder zu Beginn einer Gruppe. Niedergehender Elamer in nahezu identischer Pose wie in Panel 8. Kleingezeichneter Assyrer wie aus Gruppe 1 hinter den angreifenden Truppen.
    • Handlung: Assyrer bekämpfen Elamer. Zwei Elamer gehen zu Boden. Zum ersten Mal wehren sich mit Bögen bewaffnete Elamer.
    • Layout: Ein Assyrer ist noch maßstabsgetreu zu den Kämpen und dem Pferd aus Gruppe 1 gehalten. Seine Füße zeigen als einzige Füße eines stehenden Lebenden der Gruppe nach links (abgesehen von Panel 42). Selbst die sich entgegenstellenden Elamer haben nach rechts zeigende Füße, während sie selbst nach links blicken.
  • Panel 33:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Assyrischer Speerträger spießt Elamer auf.
    • Layout: Speerträger überlappend zu Elamern aus Panel 32.
  • Panel 34:
    • Rückbezug: Erster elamischer Reiter wird aufgeführt.
    • Handlung: Schütze zielt auf elamischen Reiter in Fluchtbewegung.
    • Layout: Die Füße des Pferdes sind nicht unsinnig verdreht, immerhin; ebensowenig die seines Reiters.
  • Panel 35:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Nicht erkennbare Dinge widerfahren einem unglücklichen Elamer. Womöglich von davonreitendem Landsmann niedergetrampelt.
    • Layout: Pferd überlappt Elamer, selbiger wiederum fast Assyrer aus 36, aber eben doch nicht ganz.
  • Panel 36:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Assyrer spießt Elamer auf; Leichen liegen verstreut auf der Flur.
    • Layout: Ein Bogen liegt oben im Hintergrund. Überlappen der Leichen und des Getroffenen.
  • Panel 37:
    • Rückbezug: Neue Truppengattung – ethnisch assyrischer berittener Bogenschütze – wird eingeführt.
    • Handlung: Schütze zielt, Leichen und Sterbende bedecken das Feld
    • Layout: Auflösung der Standlinie. Gleichzeitig wird ab hier Gelände markiert.
  • Panel 38:
    • Rückbezug: Die Leichen sind dem Angreifer aus Panel 37 entsprechend mit Pfeilen gespickt. Es gibt einen plausiblen Verweis der Nachzeitigkeit; vorherige Leichen der Gruppe zeigen keinen Pfeilbeschuss.
    • Handlung: Zahlreiche Leichen tun nichts. Ein Assyrer wankt noch sterbend umher, von Pfeilen getroffen.
    • Layout: Die Standlinie wird von manchen toten sowie dem Sterbenden teilweise eingehalten, während weitere Leichen im Hintergrund verstreut liegen.
  • Panel 39:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Zwei Assyrer töten zwei nahezu wehrlose Elamer, Tote im Hintergrund. Ein Elamer hebt die Hände wie zur Aufgabe. Armer Elamer, das nützt nichts!
    • Layout: Überlappende Assyrer, überlappende Elamer. Assyrer überlappt Toten aus 38, Elamer überlappen selbe Hintergrundelemente wie Elamer in 40. Dadurch gewisse Verbindung der Panels.
  • Panel 40:
    • Rückbezug: Einzige Szene außer 38, in der kein Assyrer vorkommt. Hier ist der Elamer augescheinlich sogar noch nicht einmal im Sterben begriffen.
    • Handlung: Ein Elamer hebt eine Hand. Wagt er einen hinterhältigen Angriff? Oder flieht er ins Gestrüpp? Ein Toter liegt im Hintergrund.
    • Layout: Hintergrundelemente werden überlappt durch 39 und 41.
  • Panel 41:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Ein Assyrer ersticht einen kriechenden Elamer. Mindestens zwei weitere Tote erkennbar.
    • Layout: Zahlreiche Überlappungen.
  • Panel 42:
    • Rückbezug:
    • Handlung: Ein assyrischer Reiter durchbricht die Buschlandschaft, reitet einen Elamer nieder, unter den Fußen seines Pferdes bereits einen Toten zurücklassend, im Hintergrund ein zweiter. Ein elamischer Bogenschütze stellt sich ihm entgegen. Zwei Bögen fallen zu Boden.
    • Layout: Pferd überlappt hoffnungslosen Kriechenden aus 41.
  • Panel 43:
    • Rückbezug: Die obere Leiche ist von einem Pfeil getroffen. Der nächstgelegene Bogenschütze ist bereits in Panel 44 vorgestürmt.
    • Handlung: Ein assyrischer Reiter überrennte eine Leiche. Er sticht nach einem elamischen Reiter, dessen Pferd zu Boden geht und der verdreht den Arm hebt.  Seinem Pferd im Weg steht ein vom Pferd aus 44 verdeckter Speerträger.
    • Layout: Pferd überlappt elamischen Schützen aus 42.
  • Panel 44:
    • Rückbezug: Alle in dieser Gruppe vorkommenden ethnisch assyrischen Truppengattungen (Speerinfanterie, Bogenreiter, Speerreiter) am letzten Sieg beteiligt. Speerinfanterie deckt den Reitern den Rücken oder fängt den fliehenden Elamer aus 43 ab, während die beiden historisch belegt höhergestellten Gruppen (oft Adlige) den letzten Sturm vollführen.
    • Handlung: Zwei assyrische Reiter, einmal mit Bogen, einmal mit Speer, treiben Elamer in den Ulai und überrennen einen Toten.
    • Layout: Reiter hintereinander gestaffelt, gleichauf.

 

Fazit der Gruppe: Zeigen die Panels 32 bis 36 noch den Standlinien folgende große Einzelfiguren, wird das Bild in den folgenden Panels immer gedrängter, sind mehr und kleinere Figuren auch außerhalb der bisherigen Standlinien zu sehen und agieren mehr Figuren auf einmal. Dies geht mit graphisch markiertem Gelände und der Nähe zum Fluss über, wo zeitlich wie auch räumlich das Schlachtfeld endet. Die Zeitlichkeit ändert sich, wird viel dynamischer und zeigt statt des monumental-posenhaften Erlegens der Feinde zu Beginn der Gruppe mehr ein chaotisches Hauen und Stechen mit parallelen Handlungen. Sie wirkt gedrängter, was sich auch durch mehr Überlappungen und weniger klar abgrenzbare Handlungsinseln zeigt, einem Wimmelbild oder „page spread“ nicht unähnlich. Häufig werden in Comics bei Close-Ups Hintergründe schlicht durch eine einfache Farbe ersetzt. Dies geschieht auch hier in den Panels 32 bis 36. Die großen Einzelfiguren und ihre separierten Handlungen, die im Filmjargon eher kurzen Schnitten ähneln würden, kommen ohne Hintergrund aus. Sie entsprechen Bildern eines einzelnen Hiebes eines Helden nach dem Schurken, während die folgenden Panels an ein mit Handlungen und Hintergründen ausgefülltes Panorama erinnern. Gleichzeitig wirken sie durch den leeren Raum wie durch Panelgrenzen separiert, aggressiver geschnitten, während die vielen Überlappungen und aufgelösten Grenzen der späteren Panels einen kontinuierlicheren Fluss oder gleichzeitig suggerieren.

Sämtliche Tötungen im Nahkampf werden in media res gezeigt; der Speer berührt gerade den Leib. Panel 43 bildet hierbei eine Ausnahme, wenn der Assyrer gerade am davonreitenden Elamer vorbei- oder auf ihn zu sticht, doch auch hier wird gezeigt, wie gerade jetzt das Pferd zu Boden geht. Wird ein Feind erlegt, sieht man den Speer herniederfahren, den Sterbenden gerade zu Boden fallen, die Unterlegenen gerade jetzt im Begriff, in den Fluss zu stürzen. Wir sehen nicht, wie jemand den Speer zum Stoß bereitmacht. Nur in Panel 41 sehen wir, wie ein bereits am Boden kriechender Elamer durchbohrt wird. Vielerorts (37, 42) sehen wir auch Gegenstände wie Bögen, die sich gerade im Fall befinden.

Wir sehen somit innerhalb einer Gruppe, die direkt durch den Beginn der Schlacht eingeleitet wird, den Angriff auf die ersten wehrhaften Reihen (32), den Nahkampf der Fußtruppen und zugleich den Durchbruch der Reiterei durch die auf ein Leichenfeld dezimierte elamische Armee, die die letzten Überlebenden in den Fluss treibt. All dies in Bildern, die sehr dynamische Momentaufnahmen anzeigen. Wir haben Verweise von Nachzeitlichkeit des einen Panels zum vorherigen Panel (37, 38). Die Schlacht wird hier im Zeitraffer dargestellt, und doch wirkt es so, als geschehe alles auf einmal und als böte das Relief eine eingefrorene Aufnahme der Schlacht als solcher. Die zeitlich letzten Handlungen der Schlacht kommen wie zu erwarten in der Lesereihenfolge zuletzt, die sie auch am räumlichen Ende der Schlacht platziert.

Für die Analyse des Zeitlichen ergibt sich mehr und mehr, dass sie aus der Art der Reihung von gezeigten Handlungen hervorgeht. Wirken die Bilder wie isolierte Statuen? Ich bin überrascht, dass ich nicht widerstehen kann, wie in filmischen Begriffen von Schnitten zu reden. Die Aneinanderreihung von Bildern in Comics scheint auf ähnliche Weise wie im Film Zeit zu suggerieren, selbst wenn der Comic bequem nur Momente zeigen kann. Zudem darf nicht vergessen werden, dass filmische Begriffe assyrischen Propagandabildhauern nur mit geringer Wahrscheinlichkeit bekannt gewesen sein dürften. Wie können wir uns also anmaßen, solche Begriffe in unsere Analyse miteinzubeziehen? Hier gelangen wir schon bald auf das sehr, sehr dünne Eis anthropologischer Konstanten und Unterstellungen, von Projektion und vermeintlicher Selbstverständlichkeit. Wie man damit umgeht? Nun, am besten, indem man sich des eigenen etischen Standpunktes bewusst bleibt und zumindest versucht, so emisch wie möglich vorzugehen.

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