Her Morning Elegance: Diegetische Ebenen nach Kuhn

Bevor ich zu einem abschließenden Fazit meiner Medienanalyse komme, möchte ich in diesem Blogpost auf die Filmnarratologie von Markus Kuhn und dessen erzähltheoretisches Modell eingehen. Ausgehend von einer literaturwissenschaftlichen Theorie entwickelte er das Modell weiter, um dieses auf das Medium Film anzuwenden.

Nach dem Modell der narrativen Kommunikationsebenen und Instanzen nach Markus Kuhn (vgl. Kuhn (2013): S. 83)
Nach dem Modell der narrativen Kommunikationsebenen und Instanzen von Markus Kuhn (vgl. Kuhn (2013): S. 83)

Anhand der Einteilung der verschiedenen diegetischen Ebenen möchte ich auf die Besonderheiten (rot eingefärbt) meines Analysebeispiels eingehen:
Die filmische Erzählsituation entstehe laut Markus Kuhn aus dem Zusammenspiel der extradiegetischen visuellen und der sprachlichen Erzählinstanz (vgl. S. 86). Zur visuellen Erzählinstanz gehören auch Lichteinstellungen, Montage und Kameraperspektive. Bei meinem Beispiel ist besonders hervorzuheben, dass sich das gesamte Geschehen an nur einem Ort abspielt. Dazu gehört auch die Mise-en-scène, also all das, „was um Zweck des Films vor der Kamera ausgewählt, aufgebaut oder arrangiert wird.“ (Kuhn (2013): S. 90) Dieser Aufbau der Szene gehört laut Kuhn auch zur diegetischen Welt (vgl. Kuhn (2013): S. 90). „Die Mise-en-scène ist also eine Grundvoraussetzung des filmischen Erzählvorgangs“ (Kuhn (2013): S. 91). Zum einen hat der Rezipient im Musikvideo „Her Morning Elegance“ eine gleichbleibende Situation im unveränderten Raum: Die Matratze liegt immer an der selben Stelle auf dem Holzfußboden und ist umgeben von einer Lampe, Büchern und einem Paar Schuhe. Dadurch wird es dem Zuschauer leicht gemacht, dass er die träumende Protagonistin als solche erkennt. Diese Rahmenhandlung zeigt uns die intradiegetische Ebene: Eine Frau schläft. Zum anderen haben wir auf der Matratze ihre Träume in der metadiegetischen Ebene. Diese wird durch die Geschichte auf der Matratze dargestellt. Hier ändert sich die Mise-en-scène auf jedem einzelnen Foto. Durch kleine Veränderungen an der Protagonistin oder an den Requisiten, beginnt eine Bewegung und die Bilder fangen im Einklang zur Musik an zu erzählen. Es gibt also zwei Arten von Räumlichkeit in diesem Musikvideo. Wir haben auf der intradiegetischen Ebene das Zimmer, in welchem eine Frau schläft und träumt. Diese Rahmenhandlung wird durch die rahmengebende Funktion der statischen Matratze im statischen Raum unterstützt. Auf der metadiegetischen Ebene haben wir die einzelnen Träume, die auf der Matratze zu sehen sind. In diesem Minikosmos, haben wir ständige Veränderungen am Aufbau des Bildes. Dadurch entsteht die typische Bewegung eines Stop-Motion-Films.
Die extradiegetische Erzählinstanz unterteilt Markus Kuhn in die visuelle Erzählinstanz (VEI) und in die sprachliche Erzählinstanz (SEI). In meinem Analysebeispiel sehe ich die Musik als Erzählinstanz. Meiner Meinung nach ist die extradiegetische Musik aus dem off zum Großteil eine sprachliche Erzählinstanz. An einer Stelle wandelt sich diese allerdings zur visuellen Erzählinstanz: Wenn Oren Lavie direkt mitsingt (1:45-1:55) wird dieser nicht nur als Sängerfigur gezeigt, sondern wir haben auch einen Klang direkt vom Bild und die einzige Stelle, in der im Bild „gesprochen“ wird. Auch wenn beide Figuren zum Schluss des Musikvideos miteinander agieren, so gibt es keine direkte Kommunikation oder einen verbalen Austausch zwischen ihnen auf der Ebene S5/E5. Auch auf der intradiegetischen Ebene haben wir keinen Austausch verschiedener Figuren, da wir auf der Ebene S4/E4 nur eine schlafende und zum Schluss aufwachende und aufstehende Protagonistin haben.

 

Zur Fokalisierung: Da der Rezipient die Träume der Frau sieht und somit in ihre Gedanken schauen kann, haben wir eine interne Fokalisierung auf die Protagonistin vorliegen. Eine Nullfokalisierung würde ich auf visueller Ebene ausschließen, da der Zuschauer keine nähere Verbindung mit dem zweiten Protagonisten, dem schwarz gekleideten Mann hat. Allerdings könnte ich eine solche allwissende Position in dem gesungenen Text sehen. Für mich übernimmt dieser die Erzählerposition und die Aussage des Textes gibt dem Rezipienten einen Blick von außen auf die Protagonistin.

 

Literatur:
Kuhn, Markus: „Narrative Instanzen“. In: Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin (u.a.): Walter de Gruyter 2013, S. 81-115.

 

 

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