„Hier steht die ganze Welt Kopf“ – Asterix Fazit

Inwiefern kann der Comic Asterix anhand verschiedener Erzähltheorien als erzählendes Medium eingeordnet werden? Aus den durchgeführten Untersuchungen dieser Analyse kann zusammenfassend festgestellt werden, dass der Comic als Genre auf jeden Fall zu den erzählenden Medien gehört. Einerseits selbstverständlich durch den Text, der zum einen als Erzählerstimme in Infokästen an den Panelrändern zum anderen als direkte Rede einzelner Charaktere fungiert. Andererseits besitzt der bildliche Anteil des Comics sowohl Züge aus bereits etablierten Erzähltheorien als auch seine ganz eigenen Stilmittel, um die Erzähl-Botschaft an den Leser zu übermitteln.

Gotthold Ephraim Lessing argumentiert beispielsweise, dass Erzählungen aus einzelnen Handlungen bestehen, die sich durch ihren zeitlichen, nacheinander stattfindenden Ablauf auszeichnen. Ein Bild, so Lessing, sei dazu bestenfalls dann in der Lage, wenn es diesen einen prägnanten Augenblick einer Handlung einfängt, aus dem sich der vorherige und nachfolgende Verlauf der Handlung ablesen lässt. (vgl. Lessing 2012, S. 115 ff)

Bilder in Comics funktionieren gerade auf diese Weise. In den einzelnen Panels werden ein oder mehrere Charakter möglichst immer mitten in einer Bewegung, einer Handlung abgebildet. Das beginnt bereits bei der Darstellung eines Schrittes, der noch in der Luft hängt, aus dem eindeutig hervorgeht, dass sich der Charakter in Bewegung befindet. Noch deutlicher wird es bei solchen Panels, die mehrere prägnante Augenblicke einer sehr flotten Handlung, wie wildes Gestikulieren oder Kopf-Schütteln, übereinanderlegen und dadurch einen verschwommenen Eindruck beim Leser erwecken, als ob die Figur sich tatsächlich in diesem einen Panel in all diese verschiedenen Richtungen bewegen würde.

Die Story-Discourse-Theorie des Film- und Literaturkritikers Seymour Chatman lässt sich ebenfalls auf die Bilder des Comics anwenden. Laut Chatman beschreibt Story die Handlungen und Ereignisse, die zusammen die Erzählung ergeben, wohingegen der Discourse die Methoden der Umsetzung darstellt. (vgl. Chatman 1978, S. 19) Wird letzteres in der Literatur von der Abfolge der Kapitel, Abschnitte, Sätze und Wörter eines Textes bestimmt, bedingt die Bildkomposition, die Farbgebung und die Wahl von Textabschnitten innerhalb der Panels die Umsetzung der Story im Comic.

Doch nicht nur die Komposition innerhalb einzelner Panels, sei es durch prägnante Augenblicke im Sinne Lessings oder durch das Auftrennen in Story und Discourse nach Chatman, ordnet den Bildern im Comic einen erzählenden Status zu. Auch die Montage der einzelnen Panels auf einer Seite, ähnlich wie die Montage einzelner Einstellungen im Film, kreiert erzählerische Effekte, die auf einer einfachen zweidimensionalen Seite vorerst schwer denkbar scheinen.

So wird durch Größenunterschiede einzelner Panels beispielsweise der Fokus auf ein bestimmtes verlagert oder auch im Vergleich zu anderen Panels bildliche Räumlichkeit geschaffen, beispielsweise durch die Illusion von gesteigerter Höhe eines Baumes durch ein schlankes, hochkantiges neben zwei breiten, übereinander angeordneten Panels. Auch deren Anzahl in einer Zeile kann narrative Elemente tragen. Zum Beispiel können mehrere Panels mit ähnlichen, leicht weiter entwickelten Bildern, eine Handlung verlangsamen oder aber auch, im Umkehrschluss, wenige Panels mit stark veränderten Bildern Ellipsen darstellen.

Aber auch bildliche Elemente, die spezifisch im Comic vorkommen und daher in der traditionellen Literatur umschrieben werden müssen, spielen eine Rolle in der Einordnung des Comics als erzählendes Medium. Beispielsweise drücken mehr oder weniger gehäufte, gerade oder gebogene, lange oder kurze Bewegungslinien um einzelne Charaktere herum schnelle oder langsame, abgehackte oder fließende, große oder kleine Handlungen desselben aus, die in einem Text durch Adjektive und lange Beschreibungen paraphrasiert werden müssten. Zusätzlich ersetzt allein die Farbgebung eines Panels, eines Hintergrunds, eines Charakters lange Einführungen in eine Szene oder Beschreibungen eines Charakters, sein Aussehen, was er anhat und in welcher Lage er sich gerade befindet.

Insofern ist es durchaus vertretbar, den Comic als erzählendes Medium einzuordnen, das durch seine Bildhaftigkeit viele Textteile, die in herkömmlicher Literatur ausgeführt werden müssten, streichen und auf wenige Passagen mit einer Erzählerstimme in Infokästen und den Dialog zwischen Charakteren reduzieren kann. Trotzdem erkennt der Leser durch die Anordnung der verschiedenen Panels, deren jeweilige einzelne Handlungsschritte im Gesamten Ereignisse und Geschehen abbilden, eine erzählte Kontext, wie er sie auch in herkömmlichen textlichen Erzählungen vorfinden würde.

Die Figur des Asterix weist den Leser darauf hin, dass die Welt hier Kopf steht.
Recht hat er.
Bilder in Comics können erzählen!

Literatur:
Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. London 1978, S. 13-42.
Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie. In: Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Lessing. Laokoon. Stuttgart 2012.

Bildquellen:
Goscinny, René; Uderzo, Albert: Asterix bei den Olympischen Spielen. Berlin 2002, S. 46.

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