Memento – Zusammenfassung

Nach Gilles Deleuze spielt die Erinnerung in Zeitbild-Filmen eine zentrale Rolle (Vgl. Fahle, Oliver: Zeitspaltungen. Gedächtnis und Erinnerung bei Gilles Deleuze.). Sobald Erinnerung eine autonome Stellung zuerkannt bekommt, „und sich von dem Gedächtnis des Subjekts oder der bereits erzählten Geschehnisse absetzt und eine eigene Qualität erhält, die sich nicht mehr in den Bewegungen der Gegenwart fortsetzt“ (Fahle, S. 99.), ist die Anordnung der Bilder nicht mehr sukzessionslogisch im Film festgeschrieben.

Obwohl Leonard an Amnesie leidet, kommen im Film bestimmte Szenen vor, die wie Erinnerungen wirken. Deshalb kann die Frage gestellt werden, wer sich hier eigentlich erinnert? (Vgl. Zahn, S. 88.) Denn es handelt sich um Erinnerungen von Geschehnissen, die erst nach dem Überfall passiert sind, und deshalb von Leonard gar nicht erinnern werden dürften. Zugleich greift der Film auf einen Trick zurück: Die Erinnerungen werden einem anderen Charakter zugeschrieben. Sammy Jankis ist derjenige, dessen Fall Leonard angeblich vor dem Überfall bearbeitet hatte, und der ebenso wie er an Amnesie litt und dadurch seine Frau unwissentlich umbrachte. Insofern dient die Geschichte von Sammy Jankis dazu, die eigene Geschichte zu verschleiern, und andererseits konstruiert sich Leonard mit der falschen Annahme, seine Frau sei bei dem Überfall gestorben, eine Art „Traumata“, um davon abzulenken, dass er selbst für ihren Tod verantwortlich ist (Vgl. Zahn, S.89.). Nur kurz ist auf einem Bild der Erinnerungssequenz die eigentliche Figur zu erkennen, der diese Erinnerungen in Wahrheit gehören: Leonard sitzt auf einem Rollstuhl in der Psychiatrie, was dem aufmerksamen Zuschauer verrät, dass es sich um die Erinnerungen des Protagonisten handeln muss, die er zum Selbstschutz auf eine andere Figur übertragen hat.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Memento den Zuschauer dazu auffordert, genau hinzusehen und auch mit gewöhnlichen Sehkonventionen zu brechen. Erst dann eröffnen sich unterschiedliche Interpretationsansätze, die verschiedene Lesarten zu Tage fördern. Durch die ungewöhnliche Erzählweise wird der Erinnerung eine eigenständige Position zugestanden, was wiederum zeigt wie Identität generiert wird, wie dieser Prozess abhängig ist von bestimmten Erlebnissen und Geschehnissen, aber auch Personen, denen ein Subjekt begegnet und von der Bewertung dieser in Bezug auf das Ich. Der Film betont die Unzuverlässigkeit von Schrift und Bild und ihre Abhängigkeit von der subjektiven Auslegung. Dadurch sind diese Medien, die zwar der Erinnerung dienen sollen, stark manipulierbar und bergen die Gefahr, die wirklichen Ereignisse zu verschleiern. Aber gerade das ist auch die Strategie des Films: die Bilder, die dem Zuschauer geboten werden, sollen ihn in die Irre führen und zum Mit-Rekonstruieren der Wirklichkeit einladen.

 
Literatur:

Fahle, Oliver: Zeitspaltungen. Gedächtnis und Erinnerung bei Gilles Deleuze. In: montage a/v: Erinnern/Vergessen, Band 1/2002, Marburg 2002. S. 97 – 112.
Zahn, Manuel: Memento – Zur Zeitlichkeit des Films und seiner bildenden Erfahrung. In: Buckow, Jörissen, Fromme (Hg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit, Wiesbaden: VS-Verlag 2012, S. 67-100.

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