Author Archives: A. Erhardt

Das Salz der Erde: Die Medialität und Subjektivität der Erzählung

Vom kleinen Salzkorn zum großem Ganzen

„Das Salz der Erde“ – ein Dokumentarfilm, der durch die Idee des Fotografen Sebastião Salgado entstanden ist, seine Fotografien anders als in einer konventionellen Ausstellung zusammen mit Wim Wenders und seinem Sohn zu präsentieren, um den Blick auf und durch die Geschichte vor der Linse zu rekonstruieren. „Das Salz der Erzählung“ – eine narratologische Medienanalyse, die durch den Wunsch entstanden ist, diesen Film zum Untersuchungsgegenstand zu machen, indem die potenzielle Erzählung des Films auf seine Salzkonzentration befragt wird. Die Analyse konzentrierte sich dabei vorwiegend auf diejenigen Instanzen, die für die Würze des Films verantwortlich sein könnten und ging folglich mit einer Synthese literaturwissenschaftlicher Erzähltheorien einher. So wurden nur diejenigen Salzkörner betrachtet, die den Film narrativ machen könnten, weil sie durch Erzählinstanzen vermittelt sind. Das Ziel dieser Kostproben bestand darin, medienkulturwissenschaftlich zu erklären, wie der Film einen Blick durch das Medium der Fotografie hindurch erzeugt, der den Rezipienten die Bilder als filmische Bilder im Bild und damit unauflöslich verbunden die Erzählung als filmische Erzählung von Erzählinstanzen betrachten lässt. Im Folgenden wird auf einen Blick dieser Blick in einem Fazit festgehalten. Continue reading

Das Salz der Erde: Die Fokalisierung und Perspektivierung der Erzählung

Nachdem ich mich im letzten Beitrag mit dem Kapitel „Narrative Instanzen“ aus Markus Kuhns Filmnarratologie auseinandergesetzt habe, werde ich nun das darauffolgende Kapitel „Fokalisierung und Perspektivierung“ im Hinblick auf den Film „Das Salz der Erde“ untersuchen. In der vorangehenden Analyse konnte ich bereits beobachten, dass das Äquivalent zu Genettes Kategorie der „Stimme“ in Kuhns Instanzenmodell durch das Nebeneinander visueller und sprachlicher Erzählinstanzen vor und auf der Linse und somit nicht allein durch die Frage „Wer spricht?“ bestimmt werden kann. Daraus ergeben sich komplexe und medienspezifische Beziehungen zwischen Erzähltem und Gezeigtem, Gezeigtem und Gehörtem, Gesehenem und Gesprochenem, Produziertem und Präsentiertem sowie Objektiviertem und Subjektiviertem, die im Folgenden näher bestimmt werden sollen.

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Das Salz der Erde: Die Instanzen der Erzählung

In diesem Beitrag möchte ich mich mit den narrativen Instanzen in Bezug auf das gleichnamige Kapitel in Markus Kuhns Filmnarratologie auseinandersetzen. Im Allgemeinen ist Kuhns Arbeit für diese Analyse von Bedeutung, da sie Genettes Konzept der Erzählinstanzen für den Film neu durchdenkt. Im Besonderen ist die Arbeit für den weiteren Verlauf der Analyse grundlegend, da es sich beim Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ um einen Wahrnehmungsakt innerhalb des Sprechakts der Bilder handelt, der sich wiederum als Erzählakt äußert. Anders als in der Literatur können deshalb die Erzählinstanzen im Film nicht allein durch die Frage „Wer spricht?“ innerhalb der Kategorie der „Stimme“ bestimmt werden. Auch ist das filmische Erzählen nicht nur an personifizierbare (anthropomorphe) Erzähler gebunden, sondern ebenso von bildimmanenten Bedingungen abhängig. Schließlich geht es in diesem Film nicht nur um die Bilder als Produkte eines einzelnen Subjekts, sondern um ihre Produktion und Präsentation, die wiederum ihre Geschichte davor und dahinter anzeigen und aussprechen und sie dadurch selbst zu narrativen Subjekten machen. Um diesen Erzählakt näher bestimmen zu können, muss deshalb auch die Kategorie der Erzählinstanz in den Plural gesetzt werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Prämisse, sondern um eine Einsicht (aus transmedialer Perspektive), die sich auch in meinem letzten Beitrag zu erkennen gegeben hat – es geht damit um viel mehr als nur sprachliche Funktionen, um viel mehr als nur einen sprachlichen Erzähler, da die genuin mediale Funktion, durch Subjektivität Identität zu erzeugen, im Vordergrund steht. So differenziert Kuhn die Instanzen in zwei Ausdruckskanäle aus:

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Das Salz der Erde: Der Sprechakt der Erzählung

In meinem letzten Beitrag habe ich bereits den Versuch unternommen, das Salz der Erzählung des Films „Das Salz der Erde“ mit den Kategorien „Zeit“, „Modus“ und „Stimme“ nach Gérard Genettes literaturwissenschaftlichem Modell zu synthetisieren. Dabei konnte beobachtet werden, dass eine hohe Konzentration des Salzes genau dort auftritt, wo die Bilder innerhalb des „discours“ durch den Akt des Erzählens die „histoire“ sowohl anzeigen als auch aussprechen. So zeigen und sprechen nicht nur die drei Kameramänner, sondern ebenso die Bilder selbst. Das Zeigen und Sprechen von und über Bilder mit der Intention, eine Geschichte zu präsentieren, stellt folglich eine kommunikative Intention dar. Der Sprechakt im Medium des Films wird somit durch bildimmanente Bedingungen konstituiert, die die Bilder selbst als Produkt auf die Produktion eines Subjekts zurückführen lassen. Dadurch konnten zwei wesentliche dem Bild enthaltene Komponenten herausgefiltert werden: sowohl die Dinge, die auf der Linse abgebildet werden, als auch der Blick auf die Dinge vor der Linse, der sie ausbildet. So sind es die Weltanschauungen und Ansichten der drei Kameramänner, die sich durch die filmisch-fotografische Lichtschrift in die Bilder einschreiben, aber die Bilder sind es, die genau das wiederum selbst anzeigen und aussprechen: Continue reading

Das Salz der Erde: Die Zeit, der Modus und die Stimme der Erzählung

In einem ersten Schritt der Analyse habe ich bereits die drei Aspekte des Narrativen nach Gérard Genettes in „Die Erzählung“ entwickeltem Modell auf den Gegenstand des Dokumentarfilms übertragen. Nun gilt es, auf die komplexen Beziehungen unter den narrativen Schichten „discours“, „histoire“ und „événement“ bzw. „acte“ durch drei weitere Bestimmungen zu stoßen, um folglich den Darstellungsstrategien und Gestaltungsmitteln der kommunikativen Schicht des Films näherzukommen. Die Analyse soll dabei vorwiegend den Blick auf und durch die Bilder hindurch und damit den Einfluss des performativen Aspekts des Erzählens auf den „discours“ als materielle Ausdruckssubstanz systematisch erfassen, darf aber die „histoire“ als Geschichte vor der Linse – die (potenziell) transmediale Tiefenstruktur – nicht aus den Augen verlieren. Durch eine Bestimmung der medienspezifischen Probleme auf der Ebene der Zeit, der Darstellungsweisen und der Kommunikationssituation soll der Film im literaturwissenschaftlichen Modell gespiegelt werden, um vor diesem Spiegel Merkmale des Gegenstandes deutlicher hervortreten zu lassen. Schließlich fällt der Untersuchungsbereich einer narrativen Analyse nach Genette auf die Wechselbeziehungen der narrativen Aussage, des narrativen Inhalts und des narrativen Akts. Die drei weiteren Untersuchungsinstrumentarien „Zeit“, „Modus“ und „Stimme“ entstehen folglich durch Relationen der Erzählebenen zueinander und können damit nicht unabhängig von diesen beschrieben werden.

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Das Salz der Erde: Entscheidungen über Entscheidungen

„Wenn ich von etwas begeistert bin und es teilen möchte […],
dann muss ich zuerst herausfinden, wie ich von der Sache,
die ich so toll finde, am besten erzählen kann.“
(Wenders 2014)

Nachdem ich bereits Fragen über Fragen zum Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ als Untersuchungsgegenstand einer narratologischen Medienanalyse gestellt habe, werden nun Entscheidungen über diese Fragen getroffen. In erster Linie sind dies Entscheidungen über die Entscheidung, den Dokumentarfilm als Kommunikationsmedium zu analysieren, dessen spezifische Eigenschaft in der Gestaltung und nicht etwa in dem Realitätsgehalt der Bilder zu suchen ist. Somit ist keine Beschreibung der Beziehung zwischen Film und Realität und der daraus folgenden Infragestellung der Objektivität Ziel dieser Analyse, sondern erklärende Ansätze, wie der Film eine gestaltete Umsetzung von Realität vermitteln kann. Folglich werden Narrativität und nicht-fiktionale Diskurse wie der Dokumentarfilm weder als antonyme noch synonyme Begriffe aufgefasst. Vielmehr wird der Film auf ein mögliches narratives Potenzial im Hinblick auf die Darstellungsstrategien und Gestaltungsmittel der kommunikativen Schicht untersucht. Dadurch wird der Dokumentarfilm als Darstellungs- und Vermittlungsform in Bezug auf das Phänomen Erzählen betrachtet – die Grundlagen und Funktionen des Erzählens hinsichtlich der Aneignung und Vermittlung von Realität. Ich entscheide mich damit für die Frage: Wie wirkt sich der Akt des Erzählens („événement“) auf die Erzählung („discours“) aus, wenn die Bilder des Filmes als Sprechakte betrachtet werden, die nicht nur durch ihre fotografische Qualität Realität abbilden, sondern zugleich über einen fremdbestimmten Blick auf diese Dinge durch eine Erzählinstanz (im Sinne einer Funktion) Realität vermitteln?

Die Spreu vom Weizen trennen
Die Spreu vom Weizen trennen

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Das Salz der Erde: Fragen über Fragen

Im Beitrag „Das Salz der Erzählung: Die Geschichte vor der Linse.“ habe ich bereits erste Gedanken und Fragen zum Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ formuliert. Vor allem die Frage danach, wer nun eigentlich die Geschichte vor der Linse haben könnte, hat sich mir zunächst durch weitere Fragen beantwortet, die ich im Folgenden darzulegen versuche, um davon ausgehend den Film zum Untersuchungsgegenstand einer narratologischen Medienanalyse zu machen. Zunächst aber möchte ich Wim Wenders, der den Film produziert hat, durch das folgende Video (zumindest bis ca. 03:45) zu Wort kommen lassen:

Was sagt Wim Wenders dazu?

„Man is the storytelling animal“ – die funktionelle Bedeutung des Erzählens als Mittel der Welterfahrung? Eine Geschichte also auch in einem Dokumentarfilm erzählen? Der Dokumentarfilmer dabei als „Weltgewissen“? Der Dokumentarfilm somit als eine Abbildung von Realität? Schließlich ist die dokumentarische Darstellung medial konstruiert und unterliegt folglich nicht nur den technischen Möglichkeiten und strukturellen Bedingungen des jeweiligen Mediums, sondern auch den Bedingungen menschlichen Mitteilens überhaupt. Die Darstellbarkeit von Realität verknüpft sich somit an die Fähigkeit des Erzählens. Wenn also Dokumentarfilme von einer Wirklichkeit erzählen, stellt sich die Frage nach der Stimme – dem Erzähler. Was passiert somit, wenn man die Bilder als Sprechakte betrachtet, die durch ihre fotografische Qualität nicht nur Dinge zeigen, sondern zugleich einem fremdbestimmten Blick auf die Dinge durch eine vermittelnde Erzählinstanz unterworfen sind? Wie zuverlässig kann diese sein? Welche Wahrheit behauptet der Film folglich zu sein, zu sagen und zu zeigen? Inwiefern wird die Authentizität des Filmes durch die Wahrheit des Inhalts und die Wahrhaftigkeit der Darstellung beeinflusst? Wenn der Film erzählt, wie erzählt er dann? Worin könnte das narrative (transmediale) Potenzial des Filmes liegen? Was also könnte das „Salz der Erzählung“ des Filmes sein?

Fragen über Fragen

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Das Salz der Erde: Die Geschichte vor der Linse

Das Salz der Erde“ – so lautet der Titel des Dokumentarfilms über den Fotografen Sebastião Salgado von dessen Sohn und Wim Wenders. Angesichts der Motive des Fotografen verliert man aber schnell den Glauben daran, dass die Menschen das Salz der Erde seien. Auch Salgado selbst sei schier an der Menschheit verzweifelt, nachdem er Minenarbeiter in Südamerika, Hungernde in Äthiopien, Flüchtlinge in Ruanda und Jugoslawien begleitete und fotografierte. Das Bildwort scheint hingegen auf die analoge Fotografie zuzutreffen, bei der erst die Belichtung wild verstreuter Silbersalze ein Bild erzeugt. Als Verfechter der sozialkritischen Fotografie wendet sich Salgado auch jenen Salzkörnern zu, die nicht jeder auf dem Schirm hat. Aufgenommen in hochkontrastigem Schwarz-Weiß, ähnlich des Chiaroscuros, wirken Salgados Bilder dramatisch ästhetisch, was im Gegensatz zu deren Inhalt steht – Marshall McLuhans geflügeltes Wort (1), wonach das Medium die Botschaft sei, scheint aber noch nicht ausreichend, um dieses Phänomen zu beschreiben, denn gerade die Dissonanz zwischen abgelichteter Schönheit und beinhalteter Wahrheit macht die Fotografien sowohl einprägsam als auch einfühlsam – und gerade auf der Kinoleinwand wird deutlich, wie aus einem materiellen „picture“ dessen identifizierendes und zugleich transzendierendes „image“ (2) erscheinen kann: „Das Medium ist nicht einfach die Botschaft; vielmehr bewahrt sich an der Spur die Botschaft des Mediums.“ (3). So wurden die Bilder des Fotografen berühmter als sein eigener Name. Salgado porträtiert nicht nur die Menschheit, er schaut den Menschen ins Gesicht und findet erst dann deren Geschichte vor der Linse, wenn er sich über Wochen mit ihnen auseinandergesetzt hat. Aber was passiert, wenn man den Fotografen selbst filmisch porträtiert? Wie kann ein Medium dabei Strukturen aus einem anderen Medium aufgreifen?

Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES
Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer aus Serra Pelada (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES

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