Author Archives: L.Friedel

Kultur der Kritik

Im heutigen und dem nächsten Beitrag werde ich auf das Verständnis von Kunst aus der Sicht des Künstlers eingehen und in wieweit seine Motivation die Umsetzung und Wirkung der Werke beeinflusst.
Ein wichtiger Punkt für die Bildung/Definition des Kunstbegriffes ist die Kritik.

In meinem letzten Beitrag habe ich über das Urteilen an sich gesprochen und die Kriterien, wer wie dazu in der Lage/befugt ist, etwas als „Kunstwerk“ einzustufen oder nicht.
In einem weiteren folgenden Beitrag werde ich auf das Urteil nochmals zurück kommen und es mit den Begriffen von Kant/seiner Bestimmung noch expliziter ausführen und mit den anderen Beiträgen verbinden.

Die Kritik im Kunstbereich dient als Mittel zum Erstellen und Verhandeln der Regeln, welche das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit bestimmen.
Ian McKenzie nannte es die „pure critique“, welche die Stellung des Performativen kennzeichnet, also die praktische Ausrichtung auf ein Verändern und Handeln.
Das Performative macht es möglich, sich ein Agieren auf kultureller, künstlerischer und gesellschaftlicher Ebene vorzustellen, welches abseits von jeglicher Kritik liegt.

Bei Jeff Koons ist diese Wirkungsmacht des Performativen nicht nur seine künstlerische Strategie, sondern gleich das Thema all seiner Werke.
Wie schon erwähnt, ist er nicht bei allen beteiligten Personen der Kunstwelt sonderlich anerkannt- bei vielen Kritikern löst er durch seine Offensivität eher befremden aus. Ein Zitat von Thomas Crow über Koons macht dieses deutlich, er bezeichnet ihn als: „genuine strangeness to the cultivated art world“.

Seine Arbeiten sind bewusst kitschig und kommerziell gehalten, nicht unbedingt dem klassischen Kunstmarkt folgend.
Auch kann man politische Aspekte in seinen Werken erkennen, da es dem Künstler um die gesellschaftliche Funktion der Kunst geht, um ihre Wirksamkeit und Realität.

Was er erreichen möchte, ist, dass seine Kunst vertrauenserweckend ist und der (bürgerliche) Betrachter sich der Werke selbst ermächtigen kann, es soll ein integrierendes Potenzial geschaffen werden.
Durch seine Konzeption von Kunst möchte er ein integrales Verhältnis zur Gesellschaft aufnehmen und darin Verantwortung und ein Handlungs- und Gestaltungspozenzial beobachten/aufgreifen.
Für ihn bedeutet Distanz = Machlosigkeit und wiederum das Aufgeben von Distanz = großen Handlungsmachtgewinn.

Ein oft zitierter Satz von Koons ist: „Embrace your past“, welcher in seiner Bedeutung auch Ausdruck in seinen Werken findet. Er möchte damit sagen, dass man mit seiner Herkunft und dem, wer man als Mensch ist, zufrieden sein kann, man soll sich also nicht einschüchtern lassen.
Damit versucht er, die Entfremdung, u.A. von der eigenen Kultur, zu überwinden, welche erst durch eine Kultur der Kritik entstehen konnte und hervorgebracht wurde.
Er sucht als Künstler also nach einem Bereich innerhalb der Kunst, welcher sich jenseits von jeglicher Kritik oder Affirmation befindet.

Sein nach vorn getragener Anspruch auf eine veränderte, gesellschaftliche Wirklichkeit/Wirksamkeit der Kunst entspricht dem eines konzeptionellen Künstlers. Man kann ihn partiell so bezeichnen, da er ähnliche Ideale, wie das Interesse an Kommunikation teilt, jedoch verfolgt er eine andere Strategie.

Er möchte nicht nur thematisch eine Kommunikation erreichen, sondern möchte diese mit dem Betrachter tatsächlich herstellen und auch funktionieren lassen → Kunst = Kommunikation.
Den Mittelpunkt seiner Arbeiten markiert das Verhältnis zwischen dem Werk und dem Betrachter- die mediale Funktion eines Kunstwerk und sein sozialer Teil, seine gesellschaftliche Wirkung, spielen die Hauptrolle.

Quellen: 
Thomas Crow, Modern Art in the Common Culture, New Haven, 1996, S. 98
Giancarlo Politi, Luxury and Desire. An interview with Jeff Koons, Flash Art, 1987, S.73
Dorothea von Hantelmann, How to Do Things with Art, Diaphanes Verlag 2007, ab 190 ff.

Das Urteil als Grundlage für die ästhetische Auffassung

Dieser Beitrag soll zur Annäherung der Klärung meiner Fragestellung, ob es eine feste Definition für den heutigen, verwandelten Kunstbegriff gibt, führen und beruht darauf, ihn ästhetisch zu beurteilen,
was auch für die Analyse der Kunst Koons wichtig ist.
Gibt es spezifische Kriterien, welche auf alle Werke gemeinsam anwendbar sind und werden diese Kriterien auch von allen urteilenden Betrachtern geteilt?

Eine allgemeine Übereinstimmung wird benötigt, da sonst die Gefahr besteht, dass persönliche Präferenzen die Beurteilung beeinflussen. Vorerst aber muss beachtet werden, was für eine Rolle das Urteil an sich in Zusammenhang mit dem Ästhetischen spielt und wie der Einzelne bei der Betrachtung vorgeht.
„Wenden wir im ästhetischen Urteilen Kriterien auf einen Gegenstand an, oder drücken ästhetische Urteile eine Empfindung oder ein Gefühl aus? Was tun wir im ästhetischen Urteilen, warum beurteilen wir ästhetische Gegenstände – und warum urteilen wir (hier) überhaupt?“.

Wenn man eine Unterscheidung trifft, tut man dies normativ oder wertend, unsere Haltung und unser Verhältnis zu dem betrachteten Gegenstand wird deutlich.
Gefällt uns ein Gegenstand, können wir herausfinden, was er für uns bedeutet/in uns auslöst- Freude, Empörung etc. Man entscheidet sich, ob man das Objekt gut oder schlecht, richtig oder falsch findet.
Als Grundlage dafür richtet man sich nach allgemein geltenden Maßstäben, es erfolgt eine „Zustimmung oder Ablehnung“ des beurteilten Objektes.
Wenn man also urteilt, wird die eigene Haltung zum jeweiligen Objekt deutlich und dadurch werden zukünftige Verhaltensweisen erstellt.
Der soziale Aspekt des Urteilens beinhaltet, dass nicht nur man selbst die als „schlecht“ bezeichneten Objekte umgeht, sondern auch von Anderen erwartet wird, diese Meinung zu teilen oder zumindest in gewisser Weise anzuerkennen.

Der öffentliche und gesellschaftliche Status eines Gegenstandes wird so von Person zu Person bestimmt und jeder Einzelne hat Einfluss auf die zukünftige Betrachtungsweise des Gegenstandes und das Verhalten ihm gegenüber.
„Gemeinschaften drücken eine Übereinstimmung im Urteilen aus“, was auch erklärt, weshalb bestimmte Institutionen oder gewisse Gruppen von befugten Persönlichkeiten, Galeristen etc., so einen großen Einfluss auf die Entscheidung haben, was als Kunst gilt und welcher Künstler erfolgreich sein darf/Ausstellungen bekommt und Andere ähnlich talentierte Kreative weiterhin unbekannt bleiben und nie zu Ruhm gelangen.
Die Übereinstimmung im Urteilen allgemein kann natürlich nur in einer sozialen Gemeinschaft festgesetzt werden, wenn diese Beurteilungen von verschiedenen Massen aufgenommen, geteilt und angeeignet werden.

Das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft ist gegensätzlich, man muss es schaffen, als Einzelperson den Status zu erlangen, dass die individuellen Meinungen auch sozial geltbar werden.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem persönlichen Geschmack und einem neutralen Urteil- es ist notwendig, unbeteiligt zu sein und einen gewissen Abstand zu dem Objekt zu haben, um es einschätzen zu können und unparteilich zu sein.
Auch die Eingebungskraft spiele nach C. Menke eine wichtige Rolle, damit man dem Gegenstand nicht direkt gegenüber gestellt sein muss, sondern das Abwesende durch die Vorstellung an sich einschätzen kann.

Im ästhetischen Regime der Kunst allerdings muss der Begriff des Urteils generell neu bestimmt werden, es „kommt jeder Überprüfung zuvor“ und trifft seinen Gegenstand „ohne jede Diskussion“, die ästhetische „Erfassung“ ist ein „jäher Eindruck“ oder ein „plötzliches Gefühl“ (J.B.Dubos).
Indem der Betrachter über das Werk urteilt und somit zu seinem Gegenstand macht, ist dies der Akt der Selbstkonstitution des selbstbewussten Individuums.
„Indem es urteilt, also etwas über einen Gegenstand behauptet und dafür Gültigkeit beansprucht, sucht das Subjekt nach Gründen.“ Durch diese Selbst- und Gegenstandskonstitution tritt das Urteilen in den öffentlichen Raum relevanter Gründe ein, was der Übergang zur ästhetischen Kritik ist.
Sie ist geprägt von einem Widerspruch zwischen der augenblickhaften Erschließung und der Betrachtung von Verbindungen und nachvollziehbaren Gründen.
Es ist also eine wechselseitige Kritik, einmal an der ausgedrückten Auffassung von ästhetischem und sinnlichem Empfingen (durch die vernünftige Überlegung) und zum Anderen durch das Urteilen durch die augenblickshafte Auffassung.

Als Beispiel- wenn man ein Bild beschreibt, es dadurch beurteilt und als negativ begründet und zwischen Beidem (dem Urteil und der Beschreibung) kein Unterschied besteht, dann drückt die Beschreibung des Bildes keine ästhetische Erfahrung aus. Dadurch, dass das Bild überhaupt beurteilbar ist, ist das Urteil, dass es schlecht ist, wahr- denn es ist nur ein Gegenstand, welcher ein Urteil verlangt, keine ästhetische Kritik.

Abschließend dazu ein Zitat von Gerhard Richter: „Ich finde die Bilder schlecht, die ich begreifen kann.“

 

 

Quellen:
Christoph Menke, „Die Kraft der Kunst“, Suhrkamp 2013, S. 56-79

Christoph Menke, „Aesthetic Reflection and its Ethical Significance. A Critique of the Kantian Solution“, in Philosophy and Social Criticism, Bd. 34, S. 51-63

Jean-Baptiste Dubos, „Réflexions critiques sur la poésie et sur la peinture“, Reprint Genf 1967, Bd. 2, S. 343 f.

Hannah Arendt, „Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie“, Piper 1985, S. 91

Weiterführende Überlegungen (Wandel Kunstbegriff)

Welche Faktoren haben einen Einfluss auf die Veränderung des Kunstbegriffes?
Der Einbezug von gesellschaftlichen Ansichten, der Einstellung der Künstler, deren Wandel in Technik und Motivgestaltung sind für die Beantwortung dieser Fragestellung notwendig.
Im Folgenden stelle ich verschiedene Ideen vor, welche zu einer expliziteren Spezialisierung meiner Analyse ab dem nächsten Beitrag führen sollen.

Das ästhetische Regime definiert nach Rancière Anforderungen, welche erfüllt werden müssen, um den Begriff „Kunst“ zu beschreiben. Materialverwendung und der Effekt, welcher bei dem Betrachter des Bildes ausgelöst werden, stehen stärker im Vordergrund, als der ursprüngliche Zweck, mit dem Dargestellten eine Geschichte erzählen zu können.
Der Kunstbegriff ist wandelbar und entwickelte sich mit der Zeit immer weiter, viele Definitionen wurden geschaffen- doch rührt die Wertung des Objektes als Kunst nicht vielmehr da her, was der individuelle Beobachter für geschmackvoll hält?
Im Verlauf der Analyse möchte ich herausfinden, ob die über die Zeit aufgestellten Kriterien noch gelten, wie sie sich verändert haben, ob man Kunst überhaupt definieren kann und dies anhand verschiedener Quellen prüfen.
Insbesondere die moderne Kunst werde ich mit Rancières Äußerungen vergleichen und herausfinden, ob unter Anderem seine Beurteilung, die Kunst benötige einen Blick, welcher sie als Kunst wahrnehme, überwiegend zutreffend ist.
Die Kunst der Gegenwart am Beispiel der Werke von Jeff Koons werde ich direkt mit der Epoche des Barock vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen, was sehr gut durch seine Ausstellung aus dem Jahre 2008/09 möglich ist, welche in dem geschichtsträchtigen, prunkvollen Palast in Versailles statt fand und auf viel Kritik stieß.
Die kontrastreichen Werke, welche vor Ort aufeinander trafen, hatten verschiedene Auswirkungen aufeinander und brachten ganz neue Darstellungsformen auf.

Der Medienrummel, welcher durch die Ausstellung ausgelöst wurde, war gewaltig, die Marketingstrategie scheinbar erfolgreich. Doch die festlichen, neuartigen Werke von Koons sind mit ihrer glänzenden und dekorativen Ausstrahlung gar nicht so weit entfernt von den Merkmalen des Barock, mit welcher der Sonnenkönig seine Macht auszudrücken versuchte.

Welche Objekte von dem schrillen Künstler in welchen gut ausgewählten Räumen des Schlosses präsentiert wurden und was die räumliche Umgebung in dem medialen Zusammenspiel auslöste, werde ich in meinen folgenden Beiträgen behandeln. Kann die Gegenüberstellung von „Altem“ und „Neuem“, welche durch die Analyse erschlossen werden soll, die sich wandelnden Gedanken der Gesellschaft zum Thema Kunst widerspiegeln?

Der Dialog zwischen Koons Skulpturen und den umgebenden Räumlichkeiten ist spannend, beispielsweise wählte er den Raum von Porträts des Sonnenkönigs als Ort für sein eigenes Selbstporträt, welches laut ihm mit der gegenwärtigen Monumentalität in Zusammenhang stünde.
Koons´ Arrangement der Werke und was er bei den Betrachtern auslösen möchte, werden eine Grundlage für die Auswertung der gegenwärtigen Anforderung an Kunst aus Perspektive des Machers bilden.
Der Bezug von Macht und Reichtum, welchen ich in meinem vorigen Beitrag erwähnte, zu dem heutigen Kunstbegriff und dem gewählten Ausstellungsort, wird unterstrichen durch den Hauptsponsor- Milliardär Francois Pinault, welcher selbst großer Fan und Sammler des Amerikaners ist und mit dem Event auch den Marktwert seiner Objekte steigern wollte.

 

 

Quelle: Rancière, Jaques, „Die Malerei im Text“, Politik der Bilder, Zürich/Berlin, 2005

Bedeutung von Kunst der Gegenwart

Was ist Kunst? Wer entscheidet, was Kunst ist? Zeichnet sich der Kunstmarkt nur durch hohe Preise aus, ist Kunst heutzutage nichts, außer teuer? Spielt es eine Rolle, was der „Künstler“ durch seine Werke ausdrücken/bezwecken möchte und welche Ansichten er selbst hat?

Der Text von Rancière, welchen wir im Seminar behandelten und auch mein Nebenfach Kunstgeschichte, welches mich privat schon öfters der Frage hat nachgehen lassen, ob es tatsächlich eine Definition für „Kunst“ gibt, ob sich diese pauschalisieren ließe oder einfach nur Luxusobjekte/Statussymbole für die Reichen produziert werden, welche keine Geschichte mehr erzählen sollen, sondern hauptsächlich Wiedererkennungswert ausstrahlen sollen, brachte mich erneut auf dieses Thema.

Als Beispiel, um diesen und weiteren Fragen nachzugehen, eignet sich hervorragend der erfolgreichste Künstler der Gegenwart, dessen Werke (unerwartete, neuartige Skulpturen) mich schon vor einigen Jahren auf der Dachterasse des Metropolitan Museums in New York durch deren Glätte, Farbe, Dimension und Glanz und einfach völliger Neuheit begeistert hatten- JEFF KOONS.
Seine weltberühmten Skulpturen sind ebenso faszinierend wie seine monumentale Malerei aus der Populärkultur und es eignen sich viele seiner Werke für eine Medienanalyse. Ich werde noch überlegen, ob ich mich auf ein Objekt besonders spezialisiere, oder aber eine ganze Reihe in die Arbeit einbeziehen werde, auch sind die Aussagen des Künstlers, wie er zu seinen Werken steht, sehr interessant und spiegeln sich in seiner Arbeit wieder (Freiheit, Philosophie…). Kritiker halten ihn für überteuert und sinnlos, ähnlich wie Gegenwartskünstler Gerhard Richter, welcher nichtssagende Werke herstellt und zuvor den höchsten Preis für das Werk eines lebenden Malers erhalten hatte, mittlerweile übertroffen von Koons.

Ich hoffe, einige neue Sichtweisen, was den Kunstbegriff und dessen Sinn heutzutage angeht (wie er sich im Laufe der Zeit durch Verlangen der Gesellschaft verändert hat), durch die Medienanalyse öffnen zu können und eventuell ein paar neue Vorschläge für die Eingrenzung dieser Gattung zu liefern/noch weitere Fragen im Verlauf der Spezialisierung zu finden und klären.