Bildgruppen

Schlacht am Ulai-Fluss – Aufteilung in Bildgruppen: Gruppen 7-9

UlaiÜbersichtGruppe7
Gruppe 7

Gruppe 7:  Im Übergang von Platte 2 zu Platte 3 wird an das Chaos der Gruppe 6 anschließend erneut eine graphisch festgehaltene Standlinie eingeführt. Entlang dieser Standlinie findet Interaktion zwischen assyrischen und elamischen Figuren statt. Zwei elamische Figuren tauchen wiederholt auf; den Inschriften folgend können sie als König Teumman und sein Sohn identifiziert werden. Die Gruppe zeichnet sich durch eine einheitliche Richtung der aktiven Handelnden aus zum rechten Bildrand hin aus. Auch hier gehen Handlungen in die Gruppe 4 des rechten Randes in Gestalt in den Fluss gestoßener Feinde über. Die Gruppe macht einen leichten Bogen nach rechts unten, der sich unter Auflösung der Standlinie irgendwann in eine umgekehrte Handlungsrichtung in Gruppe 8 wandelt. Gruppe 7 markiert Gelände auf die selbe Weise, wie es auf allen Gruppen der rechten Bildhälfte geschieht.

UlaiÜbersichtGruppe7und8
Gruppe 7 und 8

Gruppe 8: Nach getaner Arbeit wird hier Teummans abgetrennter Kopf in umgekehrter Handlungsrichtung aus der elamischen  Hälfte des Schlachtfeldes in Richtung des linken Bildrandes getragen. Die Gruppe zeigt keine einheitliche, wie sonst als „Strich“ festgehaltene Standlinie, sondern ist gerade zu Gruppe 4 hin zu den oberen und unteren Gruppen offen. Es zeichnet sich erneut der Trend ab, Gruppen mit auffälliger Geländemarkierung (Bäume, Gestrüpp) durchlässiger zu angrezenden Gruppen zu gestalten. Dies deckt sich mit der Lokalisierung der feindlichen Hälfte des Schlachtfeldes sowie mit der entscheidenden Handlung des Köpfens im Getümmel und des Zurücktreibens der Feinde. Eine Art Standlinie ergibt sich durch eine Reihe gefallener Elamer, die sich von der unteren Gruppe 3 durch eine andere Sterberichtung abheben. Durch sie watet der assyrische Schädelträger zurück zu seinen Herren.

 

UlaiÜbersichtGruppe9
Gruppe 9

 

Gruppe 9: Zurück auf Platte 2 wird wieder eine gerade Standlinie eingeführt. Die Handlungsrichtung deckt sich nicht mehr mit Gruppe  8 – ging dort das aktive Handeln dem Bogen der Gruppe 7 folgend von rechts nach links (Assyrer trägt Kopf davon, Tote fallen mit dem Kopf nach links), reiten in Gruppe 9 die Assyrer von der ihnen ursprünglich zugewiesenen linken Hälfte des Schlachtfeldes übermächtig heran.  In den Panels 29 und 30 (begleitet von Beischrift SWB 2) wird ein elamischer Befehlshaber festgesetzt; in seiner Kapitulation zerschneidet dieser mit eigenen Händen seinen Bogen. Der ihn drängende Assyrer steht links, der Elamer rechts. Gruppe 9 könnte als gesonderte Handlung zu Gruppe 7 und 8  gedeutet werden, dabei entweder vorzeitig – der Offizier kapituliert, daher kann der König gestellt werden -, nachzeitig – Kapitulation nach Tötung des eigenen Herrn – oder gleichzeitig. Graphisch lassen sich folgende Thesen aufstellen:

– Die typische Leserichtung erfolgt von links nach rechts und oben nach unten; beschriftete Tafeln und manche Objekte werden zudem nach dem Beenden einer Zeile auf die nächste Seite gedreht, sofern der Schriftträger dreidimensional ist. Selten wird in vereinzelten Regionen im Zickzack geschrieben. Folgen wir hier dem durchaus akzeptierten Ansatz, beim Lesen wie bei einer Tontafel die Leserichtung zu drehen, müsste Gruppe 9 zumindest nach Gruppe 5 kommen. Gruppe 5 ist dabei nachzeitig zu den Gruppen 6 bis 8, die erzählen, wie der Kopf Teummans in Gruppe 5 überbracht werden konnte. Der Offizier und Verwandte Teummans kapituliert nach der Tötung seines Königs.

– Gruppe 9 lässt sich graphisch aus Gruppe 8 herleiten; die Handlungsrichtung der Gruppe 8 geht der Leichenspur folgend passend in die Standlinie der Gruppe 9 über. Es wurde bereits durch Gruppe 7 und 8 ein Bogen der Handlungsabfolge beschrieben, der sich nun fortsetzen könnte. Die Umkehr der Handlungsrichtung ist nur eine scheinbare – es wird hier vielmehr historisch korrekt der Assyrer auf der assyrischen Schlachtfeldseite gezeigt, der den elamischen Offizier festsetzt. Gruppe 9 schließt nahtlos an Gruppe 8 an, auch hier würde die Kapitulation nachzeitig erfolgen, aber nicht so sehr segregiert wie in These 1. Ein unbequemer Moment entsteht, wenn Gruppe 9 dabei weiterhin von rechts nach links analysiert wird, da auf diese Weise im Prinzip gegen den Strom der Assyrer „angelesen“ würde.

– Die Handlung findet vorzeitig oder parallel statt – es wird kein Bogen von Gruppe 7 zu Gruppe 8 gelesen, sondern vielmehr von Gruppe 7 aus ein Zeilensprung zu Gruppe 8 gemacht. Während der König und sein Spross um ihr Leben bangend fliehen, wird in Gruppe 9 der Offizier festgesetzt. Anschließend geht die Handlung in Gruppe 8 über, in welcher der Kopf erbeutet wird. Dies folgt einem strengen Ansatz der Erkenntnis der Leserichtung.

Zu beachten ist dabei, dass sich für das gesamte Werk abzeichnet, die Lesereihenfolge der Zeitlichkeit und der Örtlichkeit zugleich zu unterwerfen. Die Handlung um den Offizier kann gesondert gezeigt worden sein, weil sie an einem anderen Ort stattfindet. Sehr sicher scheint es ein Drang gewesen zu sein, ihn auf der rechten Bildhälfte zu zeigen. Auf diese Weise wird assyrische Übermacht verdeutlicht.

Der wichtigste Punkt zu diesem Zeitpunkt der Betrachtung ist, dass diese comicwissenschaftliche Analyse tatsächlich „nützlich“ ist. Durch die Beschäftigung mit Leserichtungen und Panelverständnis wird dieses historische Dokument unterschiedlich verstanden. Der Offizier wird nicht auf dem Bild getötet. Hat er kapituliert und dadurch erst die Tötung seines Herren ermöglicht, dabei sein Leben erkaufend? Oder kapitulierte er in der Verzweiflung nach dem Fall seines Königs? Je nachdem, welches Verständnis wir erlangen, müssen wir auch die Geschichte, das elamische Ehrenwesen sowie das assyrische Vorgehen gegen kapitulierende Feinde anders betrachten. Dies ist also keine reine Fleißübung, sondern Teil unserer Pflicht, die wahre Geschichte der Menschheit zu erzählen.

Alle Gruppen
Alle Gruppen

Nicht zu vergessen ist, dass auch jeder potentielle Betrachter in Assurbanipals Palast sich die selben Fragen gestellt haben muss. Er hatte den Vorteil, zumindest eine Version der Geschichte zu kennen. Elamische Gesandte mussten später diese Hallen passieren und immer wieder ähnliche Darstellungen ertragen. Der Kopf des Teumman tauchte noch in einigen anderen Bildwerken auf, die ihn unter anderem als hübschen Baumschmuck in Assurbanipals Lustgarten zeigten, wo letzterer sich sonnt und inmitten von Palmen Getränke und Räucherwerk genießt. All diese Bilder sollten unter Gesichtspunkt betrachtet werden, dass die Assyrer gerne ihre Übermacht und ihren absoluten Herrschaftsanspruch über unterjochte Völker und die ganze Welt zeigen wollten. Im Zweifel sollten wir jenen Thesen eher vertrauen, die das Gesehene in ein stärker propagandistisches Bild der Allmacht rücken.