black hole

Black Hole #9: Abschluss oder Neubeginn?

Nachdem ich in den Blogbeiträgen des vergangenen Semesters versucht habe, dem Comic Black Hole aus möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln beizukommen, haben sich jetzt eine Fragestellung und hauptsächlich zwei theoretische Grundlagen für mein abschließendes Essay ergeben. Was zu Beginn unter der etwas schwammigen Frage nach „Warum fühlt man sich so verloren nach dem Lesen?“ lief, wurde nun zu dem Interesse: „Kann Atmosphäre erzählt werden?“ Zum einen werde ich mich stark auf den Narrem-Begriff nach Werner Wolf konzentrieren, zum anderen möchte ich ein Beispiel aus dem Comic anhand von Schüwers senso-motorischem Bild untersuchen.  Das heißt jedoch nicht, dass die anderen narratologischen Theorien unfruchtbar gewesen seien.
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Black Hole #7: Die Ästhetik des Tabubruchs – der historische Kontext des Horrorcomics

Charles Burns‘ künstlerischer Werdegang ist stark von der Entwicklung des Horrorcomics in den 60ern, wie Jonas Engelmann in seinem Kapitel zu Black Hole in Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic(1) nachzeichnet, geprägt. Die konservative amerikanische Gesellschaft und repressive Politik führten damals zu einer darstellerischen Selbstzensur der amerikanischen Comickünstler(2). Nicht unter diesen Zensurcodex fielen Schwarz-Weiß-Comics, welche sich dadurch zu einem Medium für tabuisierte Inhalte und Darstellungsformen entwickelten(3). Die sogenannten Undergroundcomix von den 60ern bis in die 80er stehen in der Tradition solcher Tabubrüche.

Die Lichtquelle von weit unten als Stilmittel und Genrekonvention
Die Lichtquelle von weit unten als Stilmittel und Genrekonvention

Angesichts dieser Vorgeschichte lässt sich Burns‘ Black Hole als ein „Pastiche“ dieses Genres lesen(4). Doch das Genre wird von Burns nicht nur in Form einer ehrenvollen Hommage oder Reverenz bedient, sondern auch als ein kulturelles Gut gesehen, mit dem es sich auseinander zu setzen gilt. Engelmann zitiert hier die Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Hoesterey: „Postmodern pastiche is about cultural memory and the merging horizonts of the past and the present“(5). Burns versucht keine Imitation des Stils bis ins feinste Detail, zeigt aber deutlich, woher seine Anleihen stammen. Er reduziert sich auf einen extrem klaren Schwarz-Weiß Kontrast und gibt durch den Einsatz von tiefliegenden Schlaglichtern die Stimmung einer bedrohlichen Grundsituation wieder.

Durch diese Vorgehensweise verweist Burns auf den gesellschaftlichen Diskurs um eine „angemessene“ Ästhetik des Comics(6). Die formalen Experimente, die Burns in seinen Comic einbaut, sind darüber hinaus ein Weiterdenken der Genrekonventionen. Parrallel-Sequenzen, in denen Wunden, Körperöffnungen und Mutationen auf einer Assoziationskette gleich verknüpft werden, verweisen einerseits auf die bereits angesprochene achronologische Erzählstruktur, andererseits auf eine inhaltliche Verarbeitung moderner und postmoderner psychologischer Bedeutungszuweisungen.

Das verkehrte Motiv der Kastration - Eliza verliert ihre Schwanzspitze
Das verkehrte Motiv der Kastration – Eliza verliert ihre Schwanzspitze

Engelmann beschreibt dazu ausführlich die Engführung von Motiven wie Natur (Wald, Wasser) mit Weiblichkeit. Beispielsweise das Wiederkehren der Schlange als urchristlich geprägtes Symbol für falsches Begehren (7) in Form des Häutens der Hauptperson Chris. Burns nimmt diese Symboliken als Anlass, sie zu verändern und umzukehren. Die freudsche Kastrationsangst findet sich so plötzlich bei der weiblichen Eliza wieder, die beim Sex die Spitze ihres mutierten Schwanzes verliert(8). Es geht also nicht nur um Krankheit und Ausgrenzung, sondern auch um Identitätszuschreibungen in einer sich wandelnden Gesellschaft. Wenn einem also kein Wörterbuch oder Ikonographiekatalog mehr bei der Deutung helfen kann, wie kann man sich dann in einem solchen Kosmos orientieren?

Die Untersuchungen zu dieser Art der Reflexion von historischem Kontext und selbst“bewusstem“ Umgang mit dem eigenen Medium stellt zwar einen Exkurs in meiner Forschungsfrage zu Black Hole dar. Ich hoffe jedoch, dass deutlich wurde, wie vielschichtig dieser Comic ist und auf welchen Ebenen sich die „kafkaeske Orientierungslosigkeit“ manifestieren kann.

 

 

 

 

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Alle Abbildungen aus: Burns, Charles, Black Hole, New York 2005

(1) Engelmann, Jonas, Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic, Mainz 2013, S. 141-145

(2) Ibd., S. 142

(3) Siehe auch dazu englischer Wikipedia-Artikel: Horror-Comics, http://en.wikipedia.org/wiki/Horror_comics, aufgerufen am 23.01.15

(4) Ibd., S. 142

(5) Ibd., S. 142

(6) Inhaltlich führen die Verweise noch zu einer eher offensichtlichen Deutung des Comics als Übermetapher zu dem in den 80ern entdeckten HI-Virus. Dass sich Burns jedoch nicht auf diese plakative Deutung reduzieren lässt, wird im ersten Unterkapitel (S. 123-140) in Engelmanns Abhandlung zu Black Hole

(7) Engelmann, Jonas, Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic, Mainz 2013, S. 136

(8) Ibd., S. 138f

Black Hole #6: Chronologisch und linear? – Eine Herausforderung an das kognitive Schema!

Werner Wolf hat mit seiner Veröffentlichung Das Problem der Narrativität in Literatur, bildender Kunst und Musik: Ein Beitrag zu einer intermedialen Erzähltheorie einen wichtigen Beitrag zur Intermedialitätsforschung geleistet. Das was einem beim Hören eines Musikstücks oder beim Sehen eines Filmes dazu anregt, darin eine Geschichte zu sehen, führt er als ein menschliches Grundbedürfnis nach Erzählen/Erzählung ein. Selbst kleinste Anreize, bei ihm als Narreme (1) bezeichnet, reichen dafür aus, dass wir etwas als Handlung betrachten. Das Ganze funktioniert dann als von ihm bezeichnetes kognitives Schema (2).
Ich glaube, dass dieses Schema erlernt und konventionalisiert ist. Was passiert nun, wenn wir unser kognitives Schema nicht so anwenden können, wie wir das gewohnt sind? Continue reading

Black Hole #4: Semiotik nach Peirce – Ein zweiter Versuch

Mein erster Versuch, die Kapitelmotive im Verhältnis zu ihrem weiteren Auftauchen in Verlauf des Comics zu untersuchen, soll nun korrigiert werden. Dazu muss jedoch angemerkt werden, dass eine Zeichen-Kategorisierung nach Pierce immer vom Blickwinkel abhängt. Der Weimarer Medienwissenschaftler Lorenz Engell spricht dabei in einer seiner Vorlesungen über Peirces Semiotik von mehreren „Schichten freilegen“(1). Man könne innerhalb eines Zeichens wiederrum einzelne Unterdifferenzierungen in grundlegendere und darauf aufbauende Aspekte unternehmen. Auch zeigt Engells, dass Peirce sein Gerüst nicht starr und statisch konstruiert, sondern dass Zeichen von ihm auch als Prozess oder „Entwicklung“(2) gesehen werden, welche Zwischenstadien und verschiedene Transformationen durchlaufen(3). Continue reading

Black Hole #3: Peirces Ikon, Index und Symbol – ein Wechselspiel?

Charles Sanders Peirce (1839-1914) entwickelte einen systematischen Zeichenbegriff, der von einer triadischen Grundstruktur ausgeht. Das Zeichen fungiert als Mittler zwischen dem repräsentierten Objekt und dem Rezipienten. Das Verhältnis des Zeichens zum Objekt teilt Peirce in drei Kategorien auf: das ikonische, das indexikalische und das symbolische Zeichen. Continue reading

Black Hole #2: Schwierigkeiten mit der Fragestellung

Bevor ich mit den einzelnen Beiträge zu meiner Medienanalyse beginne, möchte ich gerne meinen derzeitigen Planungsstand vorstellen. Da ich mir bei der übergeordneten Fragestellung jedoch nicht ganz sicher bin, freue mich sehr über Anregung oder Kritik!
Die Medienanalyse zum Comic „Black Hole“ soll sich hauptsächlich aus einer erzähltheoretischen Betrachtung zusammensetzen. Aber ich werde eingangs aufgrund der Wichtigkeit des gewählten künstlerischen Stils auch auf Bildsemiotik-Theorien zurückgreifen.
Meine Hauptfragestellung wird also sein, durch welche stilistischen und erzählerischen Mittel der Comic einen Eindruck von Entfremdung und Distanz erzeugt.
Dabei werde ich innerhalb der kommenden Wochen folgende Aspekte erörtern:

1. Einige bildesemiotische Betrachtungen zum künstlerischen Stil

2. Die verschiedenen Erzählperspektiven

3. Synchron und linear? Die Zeitebenen

4. Der historische Kontext – Was wird sagbar durch den Bezug auf bereits vergangene Darstellungs-Konventionen?

5. Die Bedeutung von Zeitbildern und die Auflösung des senso-motorischen Schemas nach Deleuze

6. Abschließende Betrachtung

Vielen Dank schon im Vorraus für Ihre/eure Antworten!

Black Hole #1: Liebe in Zeiten der Löcher – Charles Burns Comic „Black Hole“

250px-Blackholecover Beschreibung des Comicverlages Reprodukt

Der zugrunde liegende Band des Pantheon-Verlages fasst die zwischen 1995 und 2005 erschienenen 12 Teile der Comicserie „Black Holes“ zu einem zusammen. Jedoch wurden dabei einzelne Seiten nicht mitaufgenommen, was teilweise zu harter Kritik führte. Die Einzelbände sind jedoch nur noch in geringer Auflage erhältlich, weswegen sich die Medienanalysen immer auf die oben genannte, englische Ausgabe beziehen werden.

Innerhalb einer Gruppe von Jugendlichen im vorörtlichen Seattle der Siebziger bricht eine rätselhafte Seuche aus, übertragen durch sexuelle Handlungen. Die Symptome sind teilweise groteske körperliche Deformationen bis hin zur Unkenntlichkeit des Infizierten. Wider klassische Erzähltraditionen im Sinne Lyotards Kritik an den „Grand Récits“ der Moderne handelt die Erzählung nun aber nicht etwa von dem Kampf gegen die Seuche oder von dessen Behandlung. Die Erkrankten werden sozial und räumlich zunehmend ausgegrenzt. Aus der Sicht der vier Jugendlichen Chris, Rob, Keith und Eliza wird man so Zeuge eines Soges aus Entfremdung, Verwilderung und kafkaesk-surrealen Szenerien.

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