Comics

Schlacht am Ulai-Fluss – Kongruenz von Layout und Story. Das Vorgehen.

(Ein hochauflösendes Bild des Reliefs findet sich als zweites Ergebnis der verlinkten Googlesuche, mit 2500×1045 Pixeln. Lasst euch das Original anzeigen; auf der Seite selbst gelangt man sonst nicht zu der höchstauflösenden Variante)
(Hier erneut die Übersichtsumzeichnung)

Im vorherigen Beitrag ging ich mehr auf allgemeine Eigenschaften des Reliefs ein, welches einen Torflügel im großen Palast Assurbanipals zierte. Wie angekündigt, werde ich mich nun konkreteren Fragestellungen widmen. Die hauptsächliche Frage der Analyse wird sein, ob und inwiefern bereits die Bildkomposition, das „Panellayout“, erzählerische Funktionen, besonders über Sequentialität hinaus, übernimmt. Darunter fallen zum Beispiel Raumverschiebung, Fokussierung auf Kernhandlungen in unterschiedlicher Zeitlichkeit, Darstellung des Schlachtenglückes bereits durch das Layout etc. Meine These hierzu, die es zu unterfüttern gilt, lautet:

Es besteht eine Einheit zwischen „historischer“ Handlung und bildlichem Raum bzw Raumzeit. Das Relief erschafft durch seine Bildkomposition einen Raum, der sich den Verhältnissen des erzählten Raumes im Verlauf der Zeit anpasst.

Es muss dabei angemerkt werden, dass ich die Analyse auf den noch erhaltenen Teil des Reliefs beschränken muss. Die ersten drei Standlinien werden daher nicht tiefgehend betrachtet.

Zur Klärung der These werde ich also obenstehende Frage wie folgt angehen:

– Zunächst soll das Bild selbst in seine einzelnen Segmente zerlegt werden. Welche Art von Bilduntergruppen sind erkennbar?

– Dies umfasst die Trennung in Standlinien, die Frage nach der Existenz von „Panels“ oder „Handlungsballen“, die Untersuchung der wörtlichen „Rahmenhandlungen“. Dabei soll die verbreitete Nummerierung vermeintlicher Szenen aus der bestehenden Literatur hinterfragt, bestätigt oder modifiziert werden.

– Ist dies getan, werden die eigentlichen Handlungen und Akteure untersucht, ebenso die Beischriften. Welche Figuren erscheinen häufiger? Werden dadurch Handlungen und Zeitverläufe ausgedrückt? Sind manche Szenen statischer oder dynamischer als andere, drücken manche vielleicht gar keinen Zeitverlauf aus? Wie ist das zeitliche Verhältnis von Discourse und Story?

– Nach dem zeitlichen Verhältnis von Discourse und Story soll nach dem räumlichen Verhältnis gesucht werden. Wo auf der „Seite“ schildert der Discourse Handlungen welchen Ortes der Story? Hier soll die Frage gestellt werden, inwiefern sich historische Orte und ideelle Orte unterscheiden. Reden wir vom tatsächlichen Schlachtfeld oder von einem gedachten, symbolischen? Hier müssen wir einen Exkurs zur tatsächlichen Praxis des Bildes wagen – wer nutzte es wofür? Durch die Betrachtung des eigentlichen Nutzers und gedachten Betrachters werden wir zu den intendierten Aussagen kommen und darüber, zum Bild zurück findend, bestimmen können, wie der gezeigte Raum mit Rollen belegt ist. Findet eine Handlung also am Fluss statt oder müssen wir eher fragen, ob sie in dem Raum stattfindet, der für eine Zurückschlagung des Feindes in sein eigenes Hinterland, für die Niederlage oder für den Triumph steht? Wir müssen also kurz historische Anthropologen, kurz: Archäologen, werden und fragen, welche Bedeutung Raum für Herrn Assurbanipal, für seinen Steinmetz und für die Besucher des Palastes hatte.

– Schließlich soll das zeitliche Verhältnis mit dem räumlichen Verhältnis verglichen werden. Hier wird sich zeigen, ob und wie sehr  Discourse und Story tatsächlich in Zeit wie Ort kongruent sind. Eine positive Antwort wäre gegeben, wenn sich beispielsweise zeigte, dass die Betrachtungsreihenfolge die Panels jeweils am historischen Ort ihrer entsprechenden Handlung verortet. Eine negative Antwort wäre gegeben, wenn ein solcher Zusammenhang nur sporadisch kontruiert werden kann oder sich tasächlich Gegenbeispiele finden ließen, wo eine Handlung definitiv nicht zum jeweiligen Raum passt, wenn er wie im vorherigen Schritt gedacht würde.

– Mit Glück kann die These also nach Beantwortung der Eingangsfrage widerlegt oder gehalten werden.

 

Explizit nicht betrachtet werden sollten nach diesem Plan die exakten Darstellungen der Figuren hinsichtlich Größe, Körperhaltung, Ausrüstung, Ethnizität und so weiter. Die Betrachtung ist auf die Verbindung und Überlappung formeller Elemente der structure of narrative transmission (= Form of Expression), um es mit Chatman zu sagen, mit der Form of Content, beschränkt. Wir sehen uns also nicht an, wie die Dinge beschrieben oder in welchen „Worten“ sie ausgedrückt werden, sondern ausschließlich, ob und wie die Anordnung der jeweiligen Worte bzw Bilder im Raum des Überbildes sich mit mit der Raumzeit der Erzählung deckt.

 

So weit zur Methode. Wo seht ihr die größten Schwierigkeiten und Fallstricke? Was würdet ihr anders angehen? Klingt der Plan erfolgversprechend? Ich freue mich über jeden Kommentar.

Die Schlacht am Ulai-Fluss – ein neuassyrischer Splatter-Comic (I)

Gegenstand meiner medialen Analyse ist die neuassyrische Reliefkunst. Diese Kunstgattung  verzeichnete zum untersuchten Zeitpunkt im alten Orient bereits eine fast dreitausendjährige, nahezu ungebrochene Tradition. Ich werde über die nächsten Wochen herausstellen, inwiefern hierbei der Begriff Kunst zu verstehen ist. Zudem werde ich klarmachen, warum man diesen Bildwerken keinen anderen Zweck zuweisen kann, als zu erzählen.

Die Bilderwelt des alten Orientes war ausgesprochen reich. Ein Großteil der Bildwerke wurde von Herrschern in Auftrag gegeben, war politisches Programm und Propaganda – Schlachtenszenen, Feindtötungen, Krönungen, Jagdszenen und dergleichen. Aufgestellt wurden Bildstelen und Obelisken an öffentlichen Plätzen, je nach Zeit auch an Straßen, in Palästen zur Einschüchterung fremder Gesandter, selbstverständlich in Tempeln – und so weiter. Reliefkunst stelle die wohl verbreitetste Kunstform dar, aber auch Rundplastiken waren keine Seltenheit. Nahezu alle bildlichen Medien konnten zugleich Schriftträger sein.

Ich werde insbesondere auf ein berühmtes Bildwerk des neuassyrischen Herrschers Assurbanipal eingehen, das Relief der Schlacht am Ulai-Fluss. Wie kaum ein anderes bekanntes Bildwerk seiner Zeit, versucht es, eine Erzählung und eine Botschaft zu vermitteln. Und wie nahezu alle Bildwerke der neuassyrischen Könige ist es eine Erzählung von Blut, Folter, Allmacht, Gemetzel und nationalistischer Überlegenheit. Angebracht war das Relief im Südwestpalast der assyrischen Königsstadt Niniveh. Fremdländische Botschafter mussten das deutlich mehr als mannshohe Relief (mindestens 1,8m) – und viele andere seiner Art – passieren, ehe sie die Audienzhallen betreten konnten.

In dem auf den ersten Blick chaotisch anmutenden Bild, welches uns leider nur beschädigt erhalten ist, wird der Verlauf einer Schlacht in mehreren nebeneinander stehenden Szenen, ähnlich einem Comic, geschildert. Beitexte erläutern das Geschehen und geben teilweise wörtliche Rede wieder. Die Schlacht wird geschlagen vom assyrischen Heer gegen die Truppen des elamischen Königs Teumman. Neben großen Schlachtenszenen wird das Schicksal des fremden Köngis in Einzelszenen beschrieben: sein Sturz von einem Wagen, seine Flucht durch das Gelände, schließlich sein Ergreifen und seine Hinrichtung, im Angesicht seines ebenfalls getöteten Sohnes.

Bei der Analyse werde ich der Nummerierung der Szenen nach Kaelin (1999) folgen, wobei zunächst die beiden das Standlinienraster durchbrechenden Seitenflügel als „Rahmenhandlung“ – Ansturm der Assyrer zu Beginn der Schlacht, Treiben der Elamer in den Fluss am Ende – des eigentlichen Schlachtengetümmels, in dessen Mitte die detailliertere Handlung um den König Teumman stattfindet, gedeutet werden. Im nächsten Beitrag werde ich die Szenen kurz auflisten und die narrative Struktur beschreiben. Im Folgenden sollen dann einzelne Szenen/“Panels“ beschrieben werden. Wie erzählen das Gesamtwerk und die einzelnen Szenen? Ich werde auf Bildkomposition und Panelgrenzen eingehen. Den Schluss stellt eine Betrachtung des Kunstbegriffes jener Bildergattung, eine Einordnung der Ulai-Schlacht in das allgemeine Bildprogramm und die übergreifende, intertextuelle (bzw interpicturelle) Herrschaftserzählung Assurbanipals und seines Geschlechtes.

 

Umzeichnung, mit nummerierten Szenen und Beischriften (SWB) nach Kaelin, Oskar (1999): Ein assyrisches Bildexperiment  nach ägyptischem Vorbild  Zu  Planung und  Ausführung der  "Schlacht am  Ulai", Übersicht 1 S.151
(Zum Vergrößern anklicken) Umzeichnung, mit nummerierten Szenen und Beischriften (SWB) nach Kaelin, Oskar (1999): Ein assyrisches Bildexperiment nach ägyptischem Vorbild Zu Planung und Ausführung der „Schlacht am Ulai“, S.151 Übersicht 1

Können Bilder eindeutig erzählen?

Chatman geht ja davon aus, dass bildliche Erzählung eine Handlung in einem klaren Ablauf darstellen kann. Mit Verweis auf Gozzoli´s „Dance of Salome and the Beheading of John the baptist“ schränkt er aber ein, dass dieser nicht immer eindeutig ist. Ist es also immer Zufall, ob ein Bild, das aus mehreren frames besteht, „richtig“ (im Sinne von der eventuell zugrunde liegenden Geschichte entsprechend) interpretiert wird? Denn, ist die zugrunde liegende Geschichte gänzlich unbekannt, kann der Rezipient nur kombinieren oder hoffen, dass der Maler die frames in der richtigen Reihenfolge dargestellt hat oder? Sollte dem so sein, müssten ja im Prinzip sämtlichen historischen Kunstwerken, von denen es keinen adäquaten Textbeleg gibt, die Glaubwürdigkeit abgesprochen werden.

Und widersprechen Comics im Allgemeinen nicht Lessings Annahme, dass Bilder Handlungen nur andeutungsweise in einem Augenblick nachahmen können? Oder würde er dann jedes frame als solches (also als Einzelbild) betrachten?

Kann mir jemand damit helfen?