Das Salz der Erde

Das Salz der Erde: Die Medialität und Subjektivität der Erzählung

Vom kleinen Salzkorn zum großem Ganzen

„Das Salz der Erde“ – ein Dokumentarfilm, der durch die Idee des Fotografen Sebastião Salgado entstanden ist, seine Fotografien anders als in einer konventionellen Ausstellung zusammen mit Wim Wenders und seinem Sohn zu präsentieren, um den Blick auf und durch die Geschichte vor der Linse zu rekonstruieren. „Das Salz der Erzählung“ – eine narratologische Medienanalyse, die durch den Wunsch entstanden ist, diesen Film zum Untersuchungsgegenstand zu machen, indem die potenzielle Erzählung des Films auf seine Salzkonzentration befragt wird. Die Analyse konzentrierte sich dabei vorwiegend auf diejenigen Instanzen, die für die Würze des Films verantwortlich sein könnten und ging folglich mit einer Synthese literaturwissenschaftlicher Erzähltheorien einher. So wurden nur diejenigen Salzkörner betrachtet, die den Film narrativ machen könnten, weil sie durch Erzählinstanzen vermittelt sind. Das Ziel dieser Kostproben bestand darin, medienkulturwissenschaftlich zu erklären, wie der Film einen Blick durch das Medium der Fotografie hindurch erzeugt, der den Rezipienten die Bilder als filmische Bilder im Bild und damit unauflöslich verbunden die Erzählung als filmische Erzählung von Erzählinstanzen betrachten lässt. Im Folgenden wird auf einen Blick dieser Blick in einem Fazit festgehalten. Continue reading

Das Salz der Erde: Entscheidungen über Entscheidungen

„Wenn ich von etwas begeistert bin und es teilen möchte […],
dann muss ich zuerst herausfinden, wie ich von der Sache,
die ich so toll finde, am besten erzählen kann.“
(Wenders 2014)

Nachdem ich bereits Fragen über Fragen zum Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ als Untersuchungsgegenstand einer narratologischen Medienanalyse gestellt habe, werden nun Entscheidungen über diese Fragen getroffen. In erster Linie sind dies Entscheidungen über die Entscheidung, den Dokumentarfilm als Kommunikationsmedium zu analysieren, dessen spezifische Eigenschaft in der Gestaltung und nicht etwa in dem Realitätsgehalt der Bilder zu suchen ist. Somit ist keine Beschreibung der Beziehung zwischen Film und Realität und der daraus folgenden Infragestellung der Objektivität Ziel dieser Analyse, sondern erklärende Ansätze, wie der Film eine gestaltete Umsetzung von Realität vermitteln kann. Folglich werden Narrativität und nicht-fiktionale Diskurse wie der Dokumentarfilm weder als antonyme noch synonyme Begriffe aufgefasst. Vielmehr wird der Film auf ein mögliches narratives Potenzial im Hinblick auf die Darstellungsstrategien und Gestaltungsmittel der kommunikativen Schicht untersucht. Dadurch wird der Dokumentarfilm als Darstellungs- und Vermittlungsform in Bezug auf das Phänomen Erzählen betrachtet – die Grundlagen und Funktionen des Erzählens hinsichtlich der Aneignung und Vermittlung von Realität. Ich entscheide mich damit für die Frage: Wie wirkt sich der Akt des Erzählens („événement“) auf die Erzählung („discours“) aus, wenn die Bilder des Filmes als Sprechakte betrachtet werden, die nicht nur durch ihre fotografische Qualität Realität abbilden, sondern zugleich über einen fremdbestimmten Blick auf diese Dinge durch eine Erzählinstanz (im Sinne einer Funktion) Realität vermitteln?

Die Spreu vom Weizen trennen
Die Spreu vom Weizen trennen

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Das Salz der Erde: Fragen über Fragen

Im Beitrag „Das Salz der Erzählung: Die Geschichte vor der Linse.“ habe ich bereits erste Gedanken und Fragen zum Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ formuliert. Vor allem die Frage danach, wer nun eigentlich die Geschichte vor der Linse haben könnte, hat sich mir zunächst durch weitere Fragen beantwortet, die ich im Folgenden darzulegen versuche, um davon ausgehend den Film zum Untersuchungsgegenstand einer narratologischen Medienanalyse zu machen. Zunächst aber möchte ich Wim Wenders, der den Film produziert hat, durch das folgende Video (zumindest bis ca. 03:45) zu Wort kommen lassen:

Was sagt Wim Wenders dazu?

„Man is the storytelling animal“ – die funktionelle Bedeutung des Erzählens als Mittel der Welterfahrung? Eine Geschichte also auch in einem Dokumentarfilm erzählen? Der Dokumentarfilmer dabei als „Weltgewissen“? Der Dokumentarfilm somit als eine Abbildung von Realität? Schließlich ist die dokumentarische Darstellung medial konstruiert und unterliegt folglich nicht nur den technischen Möglichkeiten und strukturellen Bedingungen des jeweiligen Mediums, sondern auch den Bedingungen menschlichen Mitteilens überhaupt. Die Darstellbarkeit von Realität verknüpft sich somit an die Fähigkeit des Erzählens. Wenn also Dokumentarfilme von einer Wirklichkeit erzählen, stellt sich die Frage nach der Stimme – dem Erzähler. Was passiert somit, wenn man die Bilder als Sprechakte betrachtet, die durch ihre fotografische Qualität nicht nur Dinge zeigen, sondern zugleich einem fremdbestimmten Blick auf die Dinge durch eine vermittelnde Erzählinstanz unterworfen sind? Wie zuverlässig kann diese sein? Welche Wahrheit behauptet der Film folglich zu sein, zu sagen und zu zeigen? Inwiefern wird die Authentizität des Filmes durch die Wahrheit des Inhalts und die Wahrhaftigkeit der Darstellung beeinflusst? Wenn der Film erzählt, wie erzählt er dann? Worin könnte das narrative (transmediale) Potenzial des Filmes liegen? Was also könnte das „Salz der Erzählung“ des Filmes sein?

Fragen über Fragen

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Das Salz der Erde: Die Geschichte vor der Linse

Das Salz der Erde“ – so lautet der Titel des Dokumentarfilms über den Fotografen Sebastião Salgado von dessen Sohn und Wim Wenders. Angesichts der Motive des Fotografen verliert man aber schnell den Glauben daran, dass die Menschen das Salz der Erde seien. Auch Salgado selbst sei schier an der Menschheit verzweifelt, nachdem er Minenarbeiter in Südamerika, Hungernde in Äthiopien, Flüchtlinge in Ruanda und Jugoslawien begleitete und fotografierte. Das Bildwort scheint hingegen auf die analoge Fotografie zuzutreffen, bei der erst die Belichtung wild verstreuter Silbersalze ein Bild erzeugt. Als Verfechter der sozialkritischen Fotografie wendet sich Salgado auch jenen Salzkörnern zu, die nicht jeder auf dem Schirm hat. Aufgenommen in hochkontrastigem Schwarz-Weiß, ähnlich des Chiaroscuros, wirken Salgados Bilder dramatisch ästhetisch, was im Gegensatz zu deren Inhalt steht – Marshall McLuhans geflügeltes Wort (1), wonach das Medium die Botschaft sei, scheint aber noch nicht ausreichend, um dieses Phänomen zu beschreiben, denn gerade die Dissonanz zwischen abgelichteter Schönheit und beinhalteter Wahrheit macht die Fotografien sowohl einprägsam als auch einfühlsam – und gerade auf der Kinoleinwand wird deutlich, wie aus einem materiellen „picture“ dessen identifizierendes und zugleich transzendierendes „image“ (2) erscheinen kann: „Das Medium ist nicht einfach die Botschaft; vielmehr bewahrt sich an der Spur die Botschaft des Mediums.“ (3). So wurden die Bilder des Fotografen berühmter als sein eigener Name. Salgado porträtiert nicht nur die Menschheit, er schaut den Menschen ins Gesicht und findet erst dann deren Geschichte vor der Linse, wenn er sich über Wochen mit ihnen auseinandergesetzt hat. Aber was passiert, wenn man den Fotografen selbst filmisch porträtiert? Wie kann ein Medium dabei Strukturen aus einem anderen Medium aufgreifen?

Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES
Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer aus Serra Pelada (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES

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