historischer kontext

Weltpressefoto des Jahres: Über die Bedeutung von Kontext und Botschaft

Ich begann meine Analyse am 8. Dezember 2014 mit dieser Aussage:

„Für mich ist es das Pressefoto des Jahres: Das Bild des Fotografen José Palazón, welches in der an Marokko angrenzenden spanischen Exklave Melilla (augenscheinlich) Europäerinnen beim Golfspielen zeigt, während im Hintergrund afrikanische Flüchtlinge versuchen, den meterhohen Grenzzaun zu überwinden.“ (2)

Es ist anders gekommen. Dass „mein“ favorisiertes Foto nicht gewinnen würde, war vorherzusehen. Zu ähnlich sind das Thema und die Botschaft des Fotos von Palazón zum Pressefoto des Vorjahres –  John Stanmeyers Bild der Flüchtlinge, die nahe der somalischen Grenze ihre Handys in die Höhe halten in der Hoffnung, Netz zu finden.

Dennoch war ich überrascht davon, welches Foto vor drei Tagen zum Gewinner des „2014 Photo Contest“ gekürt wurde: Gewonnen hat Mads Nissens Bild von einem homosexuellen Paar in Russland.

Das Weltpressefoto des Jahres 2014 von Mats Nissen zeigt zwei homosexuelle Männer in Russland
Das Weltpressefoto des Jahres 2014 von Mats Nissen zeigt zwei homosexuelle Männer in Russland (3)

Mein erster Gedanke beim Blick auf das Foto war: Die Wahl dieses Bildes zum Weltpressefoto bestätigt meine Schlussfolgerungen vom letzten Beitrag: Der Kontext eines Bildes und die Botschaft sind von größter Bedeutung für Pressefotos.

Doch wieso war ich überrascht davon, dass dieses Foto gewählt wurde? Es ist das Bild an sich. Das Foto ist relativ dunkel und entgegen des ebenfalls bei Nacht aufgenommenen Fotos von Stanmeyer, sieht man auf Nissens Bild zuerst einmal wenig. Man muss sich orientieren. Continue reading

Black Hole #7: Die Ästhetik des Tabubruchs – der historische Kontext des Horrorcomics

Charles Burns‘ künstlerischer Werdegang ist stark von der Entwicklung des Horrorcomics in den 60ern, wie Jonas Engelmann in seinem Kapitel zu Black Hole in Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic(1) nachzeichnet, geprägt. Die konservative amerikanische Gesellschaft und repressive Politik führten damals zu einer darstellerischen Selbstzensur der amerikanischen Comickünstler(2). Nicht unter diesen Zensurcodex fielen Schwarz-Weiß-Comics, welche sich dadurch zu einem Medium für tabuisierte Inhalte und Darstellungsformen entwickelten(3). Die sogenannten Undergroundcomix von den 60ern bis in die 80er stehen in der Tradition solcher Tabubrüche.

Die Lichtquelle von weit unten als Stilmittel und Genrekonvention
Die Lichtquelle von weit unten als Stilmittel und Genrekonvention

Angesichts dieser Vorgeschichte lässt sich Burns‘ Black Hole als ein „Pastiche“ dieses Genres lesen(4). Doch das Genre wird von Burns nicht nur in Form einer ehrenvollen Hommage oder Reverenz bedient, sondern auch als ein kulturelles Gut gesehen, mit dem es sich auseinander zu setzen gilt. Engelmann zitiert hier die Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Hoesterey: „Postmodern pastiche is about cultural memory and the merging horizonts of the past and the present“(5). Burns versucht keine Imitation des Stils bis ins feinste Detail, zeigt aber deutlich, woher seine Anleihen stammen. Er reduziert sich auf einen extrem klaren Schwarz-Weiß Kontrast und gibt durch den Einsatz von tiefliegenden Schlaglichtern die Stimmung einer bedrohlichen Grundsituation wieder.

Durch diese Vorgehensweise verweist Burns auf den gesellschaftlichen Diskurs um eine „angemessene“ Ästhetik des Comics(6). Die formalen Experimente, die Burns in seinen Comic einbaut, sind darüber hinaus ein Weiterdenken der Genrekonventionen. Parrallel-Sequenzen, in denen Wunden, Körperöffnungen und Mutationen auf einer Assoziationskette gleich verknüpft werden, verweisen einerseits auf die bereits angesprochene achronologische Erzählstruktur, andererseits auf eine inhaltliche Verarbeitung moderner und postmoderner psychologischer Bedeutungszuweisungen.

Das verkehrte Motiv der Kastration - Eliza verliert ihre Schwanzspitze
Das verkehrte Motiv der Kastration – Eliza verliert ihre Schwanzspitze

Engelmann beschreibt dazu ausführlich die Engführung von Motiven wie Natur (Wald, Wasser) mit Weiblichkeit. Beispielsweise das Wiederkehren der Schlange als urchristlich geprägtes Symbol für falsches Begehren (7) in Form des Häutens der Hauptperson Chris. Burns nimmt diese Symboliken als Anlass, sie zu verändern und umzukehren. Die freudsche Kastrationsangst findet sich so plötzlich bei der weiblichen Eliza wieder, die beim Sex die Spitze ihres mutierten Schwanzes verliert(8). Es geht also nicht nur um Krankheit und Ausgrenzung, sondern auch um Identitätszuschreibungen in einer sich wandelnden Gesellschaft. Wenn einem also kein Wörterbuch oder Ikonographiekatalog mehr bei der Deutung helfen kann, wie kann man sich dann in einem solchen Kosmos orientieren?

Die Untersuchungen zu dieser Art der Reflexion von historischem Kontext und selbst“bewusstem“ Umgang mit dem eigenen Medium stellt zwar einen Exkurs in meiner Forschungsfrage zu Black Hole dar. Ich hoffe jedoch, dass deutlich wurde, wie vielschichtig dieser Comic ist und auf welchen Ebenen sich die „kafkaeske Orientierungslosigkeit“ manifestieren kann.

 

 

 

 

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Alle Abbildungen aus: Burns, Charles, Black Hole, New York 2005

(1) Engelmann, Jonas, Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic, Mainz 2013, S. 141-145

(2) Ibd., S. 142

(3) Siehe auch dazu englischer Wikipedia-Artikel: Horror-Comics, http://en.wikipedia.org/wiki/Horror_comics, aufgerufen am 23.01.15

(4) Ibd., S. 142

(5) Ibd., S. 142

(6) Inhaltlich führen die Verweise noch zu einer eher offensichtlichen Deutung des Comics als Übermetapher zu dem in den 80ern entdeckten HI-Virus. Dass sich Burns jedoch nicht auf diese plakative Deutung reduzieren lässt, wird im ersten Unterkapitel (S. 123-140) in Engelmanns Abhandlung zu Black Hole

(7) Engelmann, Jonas, Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic, Mainz 2013, S. 136

(8) Ibd., S. 138f