Lessing

„Hier steht die ganze Welt Kopf“ – Asterix Fazit

Inwiefern kann der Comic Asterix anhand verschiedener Erzähltheorien als erzählendes Medium eingeordnet werden? Aus den durchgeführten Untersuchungen dieser Analyse kann zusammenfassend festgestellt werden, dass der Comic als Genre auf jeden Fall zu den erzählenden Medien gehört. Einerseits selbstverständlich durch den Text, der zum einen als Erzählerstimme in Infokästen an den Panelrändern zum anderen als direkte Rede einzelner Charaktere fungiert. Andererseits besitzt der bildliche Anteil des Comics sowohl Züge aus bereits etablierten Erzähltheorien als auch seine ganz eigenen Stilmittel, um die Erzähl-Botschaft an den Leser zu übermitteln. Continue reading

Kriegsfotografie: Der Krieg der Bilder #7

Heute möchte ich mich einigen Fragen zum Thema „Erzählen durch Bilder“ widmen. Zu Beginn sei gleich gesagt, dass ich durchaus denke, dass Bilder erzählen können – allerdings mit Einschränkungen. Deswegen möchte ich versuchen, die Fragen, wie Bilder erzählen und was sie erzählen, zu beantworten. Continue reading

Prägnante Momente in „Heroes“

In diesem Beitrag werde ich Lessings Definition von Erzählen auf meine Bilder anwenden. Lessing zufolge ist die Grundvoraussetzung dafür, dass erzählt wird, die Darstellung einer zeitlichen Abfolge – also einer Handlung. Da Bilder (im Gegensatz zur Literatur) aber immer nur einen einzigen Augenblick darstellen können, muss dieser „fruchtbar“ oder „prägnant“ sein. Der Betrachter muss aus ihnen die vorangegangene und die folgende Handlung ableiten können. In seiner Schrift Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie schreibt Lessing: „Fruchtbar [ist] was der Einbildungskraft freies Spiel lässt“. Isaacs Bilder bieten viele Möglichkeiten der Interpretation. Ich werde dies an einigen Beispielen verdeutlichen. Continue reading

„Allzeit bereit“ – Lessings Prägnanter Augenblick im Comic

Gotthold Ephraim Lessing beschreibt in seiner Schrift Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie unter anderem das Phänomen des prägnanten Augenblicks. Die Literatur kann eine laufende Handlung ohne Weiteres wiedergeben, bei der Malerei hingegen, als räumlich abbildende Kunstform, stößt Lessing auf Probleme. Deswegen muss ein Kunstwerk, um erzählen zu können, den prägnanten Augenblick einer Handlung darstellen, aus dem sich sowohl die vorherigen als auch die nachfolgenden Zeitabschnitte ablesen lassen müssen. (vgl. Lessing 2012, S. 115 ff)

Gerade bei Comics, die durch Bildhaftigkeit unter Zuhilfenahme von Schrift erzählen sollen, bietet sich eine Untersuchung mit Lessings Begriff des prägnanten Augenblicks an. Bereits wenn man bei jedem beliebigen Band aus der Reihe Asterix die erste Seite, den sogenannten Schmutztitel, aufschlägt, präsentiert sich das erste Bild dieses prägnanten Augenblicks (siehe Bild 1). Continue reading

Lessing 2.0: Was macht einen Stop-Motion-Film aus?

Dieser Beitrag wird sich mit der theoretischen Sichtweise auf die Form des Stop-Motion-Films beziehen. Ganz sachlich betrachtet haben wir in meinem Analysebeispiel „Her Morning Elegance“ eigentlich keine bewegten Filmaufnahmen, sondern nur aneinandergereihte Fotos zu betrachten. Besser gesagt 2096 Bilder, die größtenteils aus der gleichen Perspektive aufgenommen wurden. Doch wie können diese Bilder erzählen?
Bei einem Stop-Motion-Film werden die Protagonisten beziehungsweise Objekte des Films von Bild zu Bild minimal verändert oder bewegt. Continue reading

Erzählen in einem Open-World Computerspiel? – Ein großes virtuelles Theater

Bevor ich mich einem expliziten Beispiel aus der Haupthandlung widme, möchte ich das Spiel vorerst unabhängig der Story und beschreiben und dabei der Frage nachgehen, ob es auch außerhalb der Haupthandlung erzählt. Bei GTA V handelt es sich um ein Open-World Spiel (engl. free to roam). Das heißt grob zusammengefasst, dass sich der Spieler von Beginn an in einer offenen Spielwelt bewegen kann, in der er große Bewegungsfreiheit genießt.

Die Ausgangslage meiner folgenden Untersuchung ist folgende: Man stelle die Spielfigur auf irgendeinen belebten Punkt auf der riesigen (schätzungsweise 450m² großen) virtuellen Spielwelt. Auch wenn die Spielfigur nicht bewegt wird, wird dem Spieler Einiges dargeboten: Autos fahren, Menschen laufen, telefonieren oder trinken Kaffee. Continue reading

Dri Chinisin: Grafisches Erzählen – Erste Schritte

Vor dem Hintergrund von Lessings Laokoon, in dessen diskursivem Nachhall das Erzählvermögen von Bildern, als auch das Verhältnis der Künste zueinander und ihres medienspezifischen Ausdrucks in der Übertragung von Inhalten, eine nach wie vor zentrale Rolle spielen, möchte ich mich mit dem Comicband Dri Chinisin von Sascha Hommer auseinandersetzen.

Es handelt sich dabei um sechs Bildgeschichten (sozusagen ‚grafische Erzählungen’ als Erweiterung der Genrepallette um die Graphic novel), die je einen Satz aus einer Erzählung von Brigitte Kronauer illustrierend darstellen – also nicht als Begleitmedium, sondern durchaus als eigenständiges Werk gedacht werden wollen.

Um ein paar Ansätze zu nennen, möchte ich unter anderem untersuchen:

9783941099739

  • wie sich die Verlagerung des Expliziten in der intermedialen Übersetzung gestaltet.
  • wo und wie von einem Medienkontakt zu spreche ist und inwiefern der Anspruch eines (teilweise bis vollständig?) übertragenen content of story der Vorlage besteht und ob dieser für den Rezipienten überhaupt relevant sein muss.
  • welche darstellerischen Möglichkeiten sich insbesondere aus der Abbildung von Räumlichkeit und Zeitlichkeit ergeben.
  • welche Zeichentheoretischen Relationen von einem Signifikant zu einem oder mehreren Signifikaten zu erkennen sind.
  •    und daran anknüpfend:
    • welchen Raum sprachliche Zeichen einnehmen und inwieweit sie auf dem medialen Kanal des Comics als gleichgeschaltetes Element fungieren,
    • inwiefern die einzelnen Panels und die gesamte Erzählung eine repräsentative Funktion erfüllen müssen.
  • Außerdem: die grafische Umsetzung einer Fokalisierung scheint mir hinführend zur Überprüfung der Übertragbarkeit der Begrifflichkeiten literarischer Erzähltheorie in bildlicher ‚Narration’ – auch unter dem Gesichtspunkt der literarischen Vorlage.
  • Dies wirft zu guter letzt die Frage nach dem Erzähler auf: Ist in der Verschränkung von Fokalisierung und Diskurs in den Panels der tragische Verlust einer Erzählinstanz zu beklagen?

Zunächst gilt es, meine eigene Rezeptionsgeschichte zu organisieren. Ich nehme mir vor, mich erst in einem zweiten Schritt mit der Ausgangserzählung vertraut zu machen – ein Luxus, den Lessing in seiner Laokoonanalyse wohl nicht hatte. Außerdem muss ich mir noch eine der Bildgeschichten zur genaueren Analyse aussuchen. Das fällt mir auch anhand des gerade formulierten Kriterienkatalogs denkbar schwer – ein kleiner Hinweis auf die Kommentarfunktion sei hier platziert. Ansonsten: Was tun, als den eigenen ästhetischen Vorlieben und dem anthropologischen Bedürfnis nach Erzählung zu folgen?

Sascha Hommer Online

Einführende Lektüre: Schüwer, Martin: Wie Comics erzählen (2008)

Foto: Reprodukt

 

Das Salz der Erde: Die Geschichte vor der Linse

Das Salz der Erde“ – so lautet der Titel des Dokumentarfilms über den Fotografen Sebastião Salgado von dessen Sohn und Wim Wenders. Angesichts der Motive des Fotografen verliert man aber schnell den Glauben daran, dass die Menschen das Salz der Erde seien. Auch Salgado selbst sei schier an der Menschheit verzweifelt, nachdem er Minenarbeiter in Südamerika, Hungernde in Äthiopien, Flüchtlinge in Ruanda und Jugoslawien begleitete und fotografierte. Das Bildwort scheint hingegen auf die analoge Fotografie zuzutreffen, bei der erst die Belichtung wild verstreuter Silbersalze ein Bild erzeugt. Als Verfechter der sozialkritischen Fotografie wendet sich Salgado auch jenen Salzkörnern zu, die nicht jeder auf dem Schirm hat. Aufgenommen in hochkontrastigem Schwarz-Weiß, ähnlich des Chiaroscuros, wirken Salgados Bilder dramatisch ästhetisch, was im Gegensatz zu deren Inhalt steht – Marshall McLuhans geflügeltes Wort (1), wonach das Medium die Botschaft sei, scheint aber noch nicht ausreichend, um dieses Phänomen zu beschreiben, denn gerade die Dissonanz zwischen abgelichteter Schönheit und beinhalteter Wahrheit macht die Fotografien sowohl einprägsam als auch einfühlsam – und gerade auf der Kinoleinwand wird deutlich, wie aus einem materiellen „picture“ dessen identifizierendes und zugleich transzendierendes „image“ (2) erscheinen kann: „Das Medium ist nicht einfach die Botschaft; vielmehr bewahrt sich an der Spur die Botschaft des Mediums.“ (3). So wurden die Bilder des Fotografen berühmter als sein eigener Name. Salgado porträtiert nicht nur die Menschheit, er schaut den Menschen ins Gesicht und findet erst dann deren Geschichte vor der Linse, wenn er sich über Wochen mit ihnen auseinandergesetzt hat. Aber was passiert, wenn man den Fotografen selbst filmisch porträtiert? Wie kann ein Medium dabei Strukturen aus einem anderen Medium aufgreifen?

Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES
Wirr verteilte Salzkörner – Schwarz-Weiß-Aufnahme der Goldschürfer aus Serra Pelada (A) FOTO: SEBASTIAO SALGADO/AMAZONAS IMAGES

Continue reading

Die geologische Zeitlichkeit in der Malerei

Die Frage, ob Bilder erzählen können, basiert auf der Vorstellung, und dies ist auch bei Lessig nicht anders, dass sich Erzählungen entlang einer linearen Zeitlichkeit entspinnen. Narrationen verlaufen entlang eines Zeitstrahles, der einen Anfang und ein Ende hat. Ob Bilder entlang einer solchen „geographischen“ Zeitvorstellung erzählen können schöpft meiner Meinung nach jedoch noch nicht alle Zeitdimensionen aus, welche Bildern, vor allem der Malerei als erzählerische Grundlage zur Verfügung stehen.

Der französische Filmtheoretiker André Bazin hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Film und Malerei auseinandergesetzt. In seinem Aufsatz „Painting and Cinema“ untersucht Bazin die jeweiligen Eigenheiten der Dimensionen von Raum und Zeit in Malerei und Film. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Film eine „geographische“ Zeitlichkeit (Eine Szene nach der anderen), und Malerei eine „geologische“ Zeitlichkeit zu Grunde läge. Unter geologischer Zeitlichkeit versteht Bazin eine Zeitachse, die sich nicht von links nach rechts entwickelt, sondern sich orthogonal zu dieser verhält, also von innen nach außen verläuft. Dies begründet Bazin damit, dass jedes Gemälde aus nahezu unendlich vielen Bildern besteht, die sich durch Übermalen, Ausbesserung usw. überlagern und gewissermaßen dem nächsten Bild „geopfert“werden. Zwischen der weißen Leinwand als Anfangspunkt und dem „fertigen“ Gemälde als Schlusspunkt existieren also viele weiter, womöglich großteils unsichtbare Schichten von Bildern, die sich entlang eines geologischen Zeitstrahls entwickelt haben.

Durch die Einführung der „geologischen“ Zeitlichkeit würden sich meiner Meinung nach neue Möglichkeiten des Erzählers für Bilder auftun. Der These Lessings, dass Kunst nicht erzählen könne, weil ihre Elemente nebeneinander, räumlich angeordnet sind könnte durch die verschiedenen Schichten der geologischen Zeit entgegnet werden, dass es auch in der Malerei, wie im Text ein zeitliches aufeinanderfolgen der einzelnen Elemente gäbe. Jedes Gemälde würde somit, auch wenn unter der obersten Schicht verborgen zumindest seine eigene Geschichte erzählen.