Musik

Ulai-Fluss: Zwischenstand; Musik im Schnitt

In diesem Beitrag möchte ich eine kurze Introspektion zur bisherigen Analyse des Raum-Zeit-Verhältnisses in der Schlacht am Ulai-Fluss festhalten. Ich würde mich wirklich über Meinungen, Kommentare, Anstöße und Denkhilfen von Seiten der anderen Autoren freuen!

  • Die derzeitige Methode ist zu kleinteilig; sie sprengt den Rahmen der vorgebenen Untersuchungsdauer.
  • Die Aufschlüsselung der einzelnen Bilder ist nicht ganz zielführend – genauer, nicht ausreichend für die Analyse. Die Beschreibung der Bilder bringt mich in meiner Analyse nicht weiter, sondern zeigt nur auf, was man sowieso schon sieht. Es stellte sich heraus, dass vielmehr der Unterschied zwischen Bildern (in Position, Dynamik, Bezug) erst wirklich veränderte Zeitlichkeiten im Raum verdeutlicht.
  • Es sollte formal also eher jeweils der Übergang von Bild n zu Bild n+1 untersucht werden. Da es sich dabei jedoch in der Regel nicht um Verformungen des selben Bildgegenstandes handelt (die Kernsequenz um die Niederstreckung Teumans ausgenommen), sondern um Schnitte zu anderen Gegenständen im vergleichbaren Territorium, kann nur der Übergang der sekundären Attribute der einzelnen Gegenstände untersucht werden. Es gilt bei den ständig wechselnden Gegenständen nicht, den Übergang vom assyrischen Soldaten zum sterbenden Elamer zu suchen, sondern den Übergang all der Elemente des Gegenstandes, die nicht er selbst sind – also die Attribute Stillstand oder Bewegung, Rückkopplung, Verweisstrukturen, Raumgreifung und Verortung.
    Wir suchen damit die jeweiligen Vektoren der Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Verbundenheit jener Aspekte der einzelnen Szenen und ignorieren dabei im besten Fall das bloße Trägermaterial dieser Vektoren.

    Vektorfunktion, die den Wandel der Bewegungsrichtung eines Punktes in drei Raumdimensionen im Laufe der Zeit darstellt. Quelle: https://elearning.physik.uni-frankfurt.de/data/FB13-PhysikOnline/lm_data/lm_324/daten/kap_1/node51.htm
  • Wie sollte nun eine solche Analyse der Übergänge von Unterschieden sekundärer Attribute aussehen? Wenn wir bei der Analogie der Vektoren bleiben, also der Definition dieser Übergänge als „Richtungen“, in die sich sekundäre Attribute wandeln, bleiben, sollten wir gewisse Achsen angeben können. Im Idealfall ließe sich am Ende der Analyse sogar mit einer Ache für jedes der sekundären Attribute eine Vektorfunktion des Gesamtreliefs erstellen, die die Verschiebung der Räumlichkeit und Zeitlichkeit anhand der Bildreihenfolge(n) illustriert. Der Körper, dessen Richtungsänderung beschrieben wird, könnte man sich als die Erzählstimme vorstellen.
  • Formell könnte man eine solche lose Kette an Einzelelementen beschreiben, indem man jeweils den Unterschied zum vorherigen Element beschreibt. Die Vektoren von Bild 37  wären also definiert als die Verschiebung der Eigenschaften von Bild 36 zu Bild 37 ergeben. Wir müssen also jeweils das einzelne Bild (oder, der Einfachheit halber, Gruppen von Bildern) auf seine Eigenschaften untersuchen und dann genau nicht (beziehungsweise nicht nur) das festhalten, was wir in diesem Bild als Eigenschaften entdeckt haben, sondern das, was sich zwischen den Bildern abgespielt hat. Ein Vorschlag wäre, sich an musikalischen Begriffen der Tempoänderung und der Dymanik zu orientieren. Laut und Leise könnten dabei für Raumgreifung stehen, Akzente für plötzliche Hervorhebung des einzelnen Elementes. Die Terminologie bietet den Vorteil, bereits ein zur Verfügung stehendes Vokabular zu besitzen und Veränderungen entlang von zwei Beschreibungsachsen auszudrücken. Der Bildinhalt würde in dieser Analogie den einzelnen Noten und unkommentierten Klangfolgen entsprechen; in den eigentlichen Noten steckt noch am ehesten die Histoire, deren Discours durch Versehen mit Tempo und Lautstärke sie auf bestimmte Weise erzählt; inhaltliche und graphische Rückbezüge wären vergleichbar mit solchen rein tonaler Art. Für die Analyse von Raum und Zeit ist dieser schlecht definierbare Zusammenhang aber kaum von Bedeutung. Tempo und Dynamik könnten bereits ausreichen. Ein Beispiel für die Beschreibung eines Einzelbildes gegenüber seinem Vorgänger entlang der Achse der vermeintlichen Leserichtung:
    • Bild Nummer N
    • Tempo: Accelerando (mehr Bewegung, Schnitt in eine Handlung statt in eine statische Haltung)
    • Raumgreifung: Sforzato (deutlich ausladendere oder größere Darstellung als im vorherigen Bild; kein fließender Übergang, sondern harter Wechsel)
    • (gegebenenfalls Inhalt, besser noch: Verweis auf Inhalt anderer Bilder; auf diese Weise ignorieren wir weiterhin erfolgreich das bl0ße Ding und erkennen seine Vernetzung)
  • Diese Methode beschreibt den Übergang der Einzelbilder gut, ordnet sie aber nicht in einen Gesamtkontext ein. Ich möchte an den vorher definierten Gruppen festhalten. Die Beschreibung des Inhaltes der Bilder stellte sich als zu trivial heraus. Analysiert werden soll nun innerhalb der Gruppe die Varianz von Geschwindigkeit und „Lautstärke“. Daraufhin sollen die Gruppen als Träger kommentierter Noten (gleich: Szenen, Geschichten, hier fehlt mir ein Wort) noch einmal auf ihr Verhältnis zueinander untersucht werden, also Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit – wie sind die vielen Einzelstimmen dieser Partitur harmonisch zusammenzufügen? Hier gehen wir wieder auf eine inhaltliche Ebene.
  • Die Art, wie zwar unterschiedliche Gegenstände gezeigt werde, sie aber dennoch ineinander übergehen und die gesamte Handlung immer wieder
    Spiralförmige Vektorfunktion. Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Vector-valued_function CC BY-SA 3.0 Magnus Manske

    von einer Szene zur nächsten, vom elamischen zum assyrischen zum elamischen Ende springt, ähnelt fast einer seltsamen Schleife, wie sie Douglas Hofstadter in Gödel, Escher, Bach in manchen Bildern Eschers wähnt. Auch dort ist das Bild bloßes Trägermaterial für rückbezügliche Vektoren.
    Zu keinem Zeitpunkt möchte ich dem antiken Bildhauer unterstellen, über dieses Thema sinniert zu haben. Wir haben auch keine direkte optische Täuschung vorliegen. Dennoch ist das gesamte Bild in sich rückbezüglich und kann von allen Seiten erlebt und immer neu rekonstruiert und verstanden werden, gleichsam, als könne man sowohl betrachtender Assyrer wie auch Elamer sein. Damit sind wir schon sehr tief im Bereich der Schleifen. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man mehrere Vektorfunktionen aufstellen, die von anderen Punkten ausgehend doch immer wieder, musikalisch ausgedrückt, das selbe Motiv in Varianten erklingen und sich selbst gleichzeitig als widerläufiger Kanon folgen ließen.

 

Offene Fragen:

  • Wie nützlich scheint euch die Nutzung musikalischer Terminologie? Ich sehe den größten Nutzen in einer großen Auswahl bereits definierter Wörter für Unterschiede, die gleichzeitig nicht mit festen numerischen Werten daher kommen und somit bei aller Stringenz flexibel genug sind.
  • Segle ich gerade in viel zu neblige Gestade?
  • Was würde euch denn eigentlich interessieren oder als erstes in den Sinn kommen, wenn ihr das Relief seht? Wie gesagt, mich fasziniert, dass ich alle Handlungen aller Zeiten zugleich präsentiert bekomme, und das auch noch an dem Ort, an dem sie passiert sein sollen. Ich schaffe es gar nicht, das zu Ende zu denken, ohne das mir der Schädel brummt. Könnt ihr euch vorstellen, wie es aussehen würde, wenn wir in der Realität für einen Moment einen solchen Blick auf die Umwelt erhaschen könnten?

 

Ich möchte mich weiterhin für den späten Beitrag entschuldigen. Meine Lebenssituation ist gerade etwas launisch.